Begleiter in den schwersten Stunden

Was brauchen Menschen, wenn keine Heilung mehr möglich ist? Für Krankenhausseelsorger Gerhard Häfele ist die Antwort nach vielen Jahren auf der Palliativstation am LKH Hohenems klar: Zeit, Nähe und jemanden, der – wenn gewünscht – bleibt und die Situation mit aushält.
Seit gut drei Jahrzehnten ist Gerhard Häfele in der Krankenhausseelsorge tätig. Er begleitete unzählige schwer kranke und sterbende Menschen, war von Beginn an am Aufbau der Palliativstation am LKH Hohenems beteiligt, die 2003 eröffnet wurde, und leitete dort bis vor Kurzem die Krankenhausseelsorge. Inzwischen hat der 63-jährige gebürtige Hohenemser die Seelsorge auf der Palliativstation an Silvia Boch übergeben, arbeitet sie ein und steht ihr weiterhin beratend zur Seite. Parallel dazu ist Häfele weiterhin Leiter der Krankenhausseelsorge für alle Vorarlberger Landeskrankenhäuser. Die Leitung der Heimseelsorge der Diözese Feldkirch, die er von 2009 bis 2024 innehatte, hat er bereits abgegeben.
Im Gespräch mit Gerhard Häfele wird schnell klar: Seine Arbeit ist für ihn weit mehr als ein Beruf. Sie ist Berufung – geprägt von persönlichen Erfahrungen, tiefen Begegnungen und der Überzeugung, dass Menschen gerade am Ende ihres Lebens vor allem eines brauchen: jemanden, der mit ihnen auf dem Weg ist.

Ein nachhaltiges Erlebnis
„Ich hatte eigentlich immer schon einen Bezug zum Krankenhaus. Unsere Familie war schon früh in der Betreuung von Menschen engagiert. Ein weiterer wichtiger Grund war, dass ich selbst einmal schwer krank war. In dieser Zeit habe ich mir viele grundlegende Fragen über das Leben gestellt“, erzählt Häfele. Einen weiteren Anstoß erhielt er während seines Philosophie- und Theologiestudiums. Ein Praktikum in Kalkutta veränderte seinen Blick auf Krankheit und Sterben nachhaltig. Gemeinsam mit einem befreundeten Studienkolleg, einem ehemaligen Chirurgen, arbeitete er bei den Schwestern von Mutter Teresa, im sogenannten Kali-Gate-Haus, benannt nach der hinduistischen Göttin des Todes. Dort wurden vor allem arme, sterbende Menschen aufgenommen, die oft ohne jede medizinische Versorgung waren.
Er wird sterben
Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm ein Mann mit einem offenen Schulterbruch. „Mein Kollege als Chirurg wusste sofort, welche medizinische Versorgung notwendig gewesen wäre. Eine Schwester sagte aber nur: ‚Setzen Sie sich zu ihm. Er wird sterben. Wir haben nichts von dem, was Sie brauchen.‘ Nicht einmal Schmerzmittel standen zur Verfügung“, so Häfele. Für ihn war das ein Schlüsselerlebnis. „Mir wurde damals bewusst, dass auch unser Gesundheitssystem irgendwann an seine Grenzen kommt. Dann wird etwas anderes entscheidend: Dass Menschen nicht alleine sind, sondern jemand bei ihnen bleibt und sie begleitet.“

Diese Erkenntnis begleitete ihn auf seinem weiteren Weg. Nach dem Theologiestudium stellte sich für ihn die Frage, „wie mein weiterer Weg aussehen würde“. Der heute 63-Jährige erinnert sich noch gut an ein Gespräch mit Bischof Benno Elbs, der damals Pastoralamtsleiter war. „Er sagte zu mir: ,Wir haben eigentlich keine freie Stelle mehr. Das Einzige, was wir dir anbieten können, ist die Krankenhausseelsorge.‘ Ich antwortete ihm nur: ,Wenn du wüsstest, was in mir gereift ist.‘“ So begann schließlich sein Weg in der Krankenhausseelsorge – zunächst in Rankweil und Feldkirch, ab 1999 am LKH Hohenems. 2003 wurde dort die erste Palliativstation Vorarlbergs erffnet. Von Anfang an war er Teil des interdisziplinären Teams und gestaltete den Aufbau mit. Parallel absolvierte er an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg den Masterstudiengang Palliative Care mit dem Schwerpunkt Spiritualität und Religionspsychologie.
Zur Person
Name: Gerhard Häfele
Geboren: 18. Jänner 1963 in Hohenems
Wohnort: Hohenems
Familienstand: Verheiratet, eine Tochter
Ausbildung: Zimmermann, Fachmatura, Studium Philosophie und Theologie, klinische Seelsorge, Krankenhausseelsorge, Master Palliativ Care
Beruf: Krankenhausseelsorger
Hobbys: Familie, Radwandern, Natur, Garten, Holzarbeit
Den Himmel offenhalten
Für Häfele bedeutet Krankenhausseelsorge weit mehr als religiöse Begleitung. Sie richtet sich nicht nur an Patienten, sondern ebenso an Angehörige und Mitarbeitende im Krankenhaus. „Unsere Aufgabe ist es, den Himmel offen zu halten. Mehr nicht. Jeder Mensch muss seinen eigenen Weg selbst gehen.“ Am Beginn jeder Begegnung stehe deshalb keine religiöse Frage, sondern eine ganz einfache: „Wie geht es Ihnen?“ Erst daraus entwickelten sich Gespräche über Ängste, Hoffnungen, Schuld, Dankbarkeit oder den Sinn des Lebens. Immer wieder begegneten ihm dabei dieselben existenziellen Fragen: „Woher komme ich? Wer bin ich? Wohin gehe ich?“ Diese Fragen stellten sich Menschen unabhängig von Religion, Herkunft oder Weltanschauung.

Der Raum dahinter
Seelsorge bedeute deshalb vor allem, den Menschen als Ganzes wahrzunehmen. Das illustriert Gerhard Häfele mit einem besonderen Erlebnis aus seiner klinischen Seelsorgeausbildung. In einem Museum standen die Teilnehmer scheinbar vor einem riesigen blauen Bild des deutschen Künstlers Joseph Beuys. Erst als sie es berühren durften, stellten sie fest: Es gab gar keine Leinwand – nur eine Lichtinstallation, hinter der sich ein großer Raum verbarg.

Der Satz seines Ausbildners begleitet ihn bis heute: „Zuerst sehen wir nur das Sichtbare. Doch der eigentliche Raum, der spirituelle Raum eines Menschen, liegt dahinter. Und wir dürfen ihn nur betreten, wenn der Mensch uns dazu die Erlaubnis gibt.“

An Grenzen stoßen
„Gerade auf einer Palliativstation stoßen wir immer wieder an unsere Grenzen.“ Auch Häfele erlebt diese Grenzen täglich. Besonders schwer falle es ihm, wenn junge Menschen sterben oder Schicksale ihn an die eigene Familie erinnern. „Zur Seelsorge gehört auch, Ohnmacht auszuhalten. Wir können vieles begleiten, aber wir können nicht alles verändern.“ Dabei begleitet er nicht nur Patientinnen und Patienten, sondern oft auch Angehörige sowie Mitarbeitende. Pflegekräfte und Ärztinnen seien auch belastenden Situationen ausgesetzt und bräuchten ebenfalls Gesprächspartner.
Palliativstation LKH Hohenems
Die Palliativstation am LKH Hohenems gilt seit ihrer Eröffnung im Jahr 2003 als Meilenstein der Palliativversorgung in Vorarlberg. Jährlich werden rund 350 Patienten und Patientinnen betreut. Der Großteil davon leidet an unheilbaren Krebserkrankungen. Es werden aber auch Menschen mit fortgeschrittenen Herz-, Lungen-, Leber- und Nierenerkrankungen sowie neurologischen Diagnosen (ALS, MS, Mb Parkinson etc.) behandelt. Ziel ist es, Schmerzen und andere belastende Symptome zu lindern und den Patientinnen und Patienten eine möglichst hohe Lebensqualität zu vermitteln.
Die zunächst mit sechs Betten gestartete Station wurde noch im Eröffnungsjahr auf zehn Betten erweitert. 2008 folgte die Gründung des Mobilen Palliativteams Vorarlberg in Kooperation mit Hospiz Vorarlberg, 2018 wurde die Station saniert und auf 16 Betten ausgebaut. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer beträgt 15 Tage.
Die Palliativmedizin in Hohenems leistet einen wichtigen landesweiten Beitrag in der Patientenversorgung. Ein interprofessionelles Team aus Pflege, Medizin, Sozialarbeit, Seelsorge, Psychotherapie, Physiotherapie, Diätologie und Musiktherapie begleitet die Betroffenen ganzheitlich. Unterstützt wird das Team von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Hospizbewegung.
Trotz der täglichen Konfrontation mit Krankheit und Tod gelingt es ihm nach eigenen Worten meist, Abstand zu gewinnen und „mich bewusst dem Leben zuzuwenden“. Kraft schöpft er in der Natur. Gemeinsam mit seiner Frau, die ebenfalls im Gesundheitsbereich arbeitet, geht er gerne gemütlich Rad wandern. Außerdem arbeitet der gelernte Zimmermann bis heute gerne mit Holz. „Ich arbeite gerne mit der Motorsäge und mache Brennholz. In meinem Beruf arbeite ich viel mit dem Kopf und den Emotionen. Körperliche Arbeit schafft einen wichtigen Ausgleich und erdet mich.“ Auch die tägliche Einkehr in der Kapelle gehört für ihn dazu.

Den Blick verändert
Die vielen Begegnungen mit sterbenden Menschen haben auch seinen eigenen Blick auf das Leben verändert. Der Hohenemser hat gelernt, Gefühle zuzulassen, Tränen nicht zu unterdrücken und das Wesentliche nicht aufzuschieben. „Carpe diem – nutze den Tag. Ich habe im Krankenhaus viele Menschen erlebt, die immer sagten: ,Wenn ich einmal in Pension bin, dann …‘ Viele haben ihre Pension nie erlebt.“ Heute habe er weniger Angst vor dem Sterben als früher. Das liege auch am hohen Niveau der Palliativmedizin. „Selbst wenn wir einen Menschen nicht mehr heilen können, können wir unglaublich viel für ihn tun: Schmerzen lindern, Symptome behandeln und ihn gut begleiten. Der US-amerikanische Arzt Hunter Doherty „Patch“ Adams soll sinngemäß gesagt haben: Selbst wenn man den Körper nicht mehr heilen kann, den Menschen kann man immer heiler machen. Das gibt mir Zuversicht.“

Besonders wichtig ist ihm, dass Seelsorge allen Menschen offensteht. Religion spiele zunächst keine Rolle. „Die Liebe und die Begleitung schulden wir jedem Menschen – unabhängig davon, ob jemand Christ, Muslim, Angehöriger einer anderen Religion oder konfessionslos ist.“ Wo nötig, vermittelt das Seelsorgeteam Kontakte zu islamischen, buddhistischen oder anderen Religionsgemeinschaften. Entscheidend sei stets, was dem einzelnen Menschen in seiner Situation Halt gebe.
Veränderung
Nach vielen Jahren in Leitungsfunktionen zieht sich Gerhard Häfele Schritt für Schritt aus organisatorischer Verantwortung zurück. Die Leitung der Heimseelsorge der Diözese Feldkirch hat er bereits abgegeben, auch seine Nachfolge in der Krankenhausseelsorge wird vorbereitet. Seine Erfahrung möchte er jedoch weiterhin weitergeben. Für die Zukunft wünscht er sich vor allem eines: zufrieden zu bleiben.