Wie KI den Alltag von Menschen mit Behinderungen verändert

Wie Technik und Künstliche Intelligenz Menschen mit Behinderungen im Alltag unterstützen können, erklärten Gerhard Nussbaum und Franz Pühretmair im Gespräch mit der NEUE.
Moderne Technik ermöglicht Menschen mit Behinderungen zahlreiche Hilfsmittel und neue Möglichkeiten für ein selbständigeres Leben. Franz Pühretmair und Gerhard Nussbaum setzen sich intensiv mit dem Thema auseinander und leiten das Kompetenznetzwerk KI-I. Im Rahmen des Vortrags „Technik für alle: Digitale Hilfsmittel und Künstliche Intelligenz“ waren sie bei der Lebenshilfe Vorarlberg zu Gast und haben sich Zeit für ein Interview mit der NEUE genommen.
Interview mit Franz Pühretmair und Gerhard Nussbaum des Kompetenznetzwerks KI-I:
Was ist das Kompetenznetzwerk KI-I?
Pühretmair: Das Kompetenznetzwerk KI-I in Linz beschäftigt sich mit technischen Hilfsmitteln für Menschen mit Behinderungen. Ziel ist es, Menschen im Alltag ein selbstständigeres Leben zu ermöglichen und ihre Lebensqualität zu verbessern. Deshalb prüfen wir laufend neue Technologien wie künstliche Intelligenz und welchen Nutzen sie bringen können.
Wie kann man sich den Entwicklungsprozess für neue Hilfsmittel vorstellen?
Nussbaum: Zuerst brauchen wir eine Idee oder finden ein Problem, das verbessert werden soll. Danach braucht es finanzielle Mittel und Forschungspartner, um neue Lösungen entwickeln zu können. Dafür arbeiten wir an vielen nationalen und internationalen Projekten.

Welche digitalen Hilfsmittel werden derzeit schon verwendet, was ist schon möglich?
Pühretmair: Die Hilfsmittel unterscheiden sich je nach Zielgruppe. Blinde Menschen brauchen beispielsweise Unterstützung bei der Navigation oder im Alltag beim Lesen von Informationen, während Menschen im Rollstuhl Technologien benötigen, die ihnen mehr Selbstständigkeit im Privatleben oder Beruf ermöglichen. Viele Lösungen werden individuell angepasst.
Nussbaum: Ein weiteres Beispiel sind Computersysteme, mit denen Menschen ihre Wohnung mit Kopfbewegungen oder Spracheingabe steuern können. Wir haben auch einen speziellen Joystick für Kinder mit Behinderungen entwickelt. Dadurch können Spielzeuge wie Autos, Boote oder Drohnen mit dem Mund gesteuert werden.
Wo merken Sie die positiven Auswirkungen von KI und digitalen Hilfsmitteln für die Inklusion von Menschen mit Behinderungen?
Pühretmair: Künstliche Intelligenz (KI) eröffnet viele neue Möglichkeiten. Menschen mit einer Sprachbeeinträchtigung können inzwischen digitale Stimmen verwenden, die ihrer eigenen ähneln. Für blinde Menschen gibt es Apps und intelligente Brillen zur Orientierung. Auch autonomes Autofahren könnte künftig mehr Selbstständigkeit ermöglichen.
Nussbaum: Besonders hilfreich ist KI für Menschen mit schwerer Beeinträchtigung der Stimme. Die Technologie kann unverständliche Sprache automatisch verständlich übersetzen, wodurch Gespräche ohne große Barrieren möglich werden.
Hat sich Ihre Arbeit aufgrund des Aufkommens von KI in den vergangenen Jahren verändert?
Nussbaum: Mit KI beschäftigen wir uns seit etwa drei Jahren intensiv. Vor allem mit ChatGPT haben sich viele neue Möglichkeiten ergeben. KI hilft uns beispielsweise dabei, komplexe Texte schneller in leichte Sprache zu übersetzen und Arbeitsprozesse zu beschleunigen.

Hatten Sie auch schon Probleme mit der KI?
Pühretmair: Die KI ist noch nicht so intelligent. Sie kann nur das, was sie gelernt hat. KI arbeitet auch sehr viel mit Wahrscheinlichkeiten und das kann schnell in eine falsche Richtung gehen. Sie erfindet teilweise Sachen und da muss man sehr vorsichtig sein, dass keine falschen Informationen übernommen werden.
Nussbaum: Beim Programmieren spart KI enorm viel Zeit. Aufgaben, die früher Tage gedauert haben, können heute oft in kurzer Zeit erledigt werden. Trotzdem funktioniert nicht immer alles fehlerfrei.
Was glauben Sie, was in Zukunft noch an digitalen Hilfsmitteln entwickelt werden kann?
Pühretmair: Ich denke, das autonome Fahren wird sicher bald kommen. Auch im Bereich der unterstützten Kommunikation und der Sprachübersetzung wird sich noch viel entwickeln. Was darüber hinausgeht, traue ich mich momentan aber nicht zu sagen, da sich die KI sehr schnell weiterentwickelt.