_Homepage

„Vertrauen ist ein zartes Pflänzchen“

16.05.2026 • 10:30 Uhr
„Vertrauen ist ein zartes Pflänzchen“
Für Markus Rhomberg braucht Demokratie wieder mehr Gespräch und weniger Empörung. Stiplovsek (6)

KI, Deepfakes, Filterblasen und schwindendes Vertrauen in Politik und Medien: Politik- und Kommunikationswissenschaftler Markus Rhomberg sieht die Demokratie vor großen Herausforderungen.

Sie arbeiten an der Schnittstelle von Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit. Was ist aktuell die größte Herausforderung für die Demokratie?
Markus Rhomberg:
Wenn wir über Künstliche Intelligenz reden, sind das für mich zwei große Herausforderungen. Wie funktionieren politische und gesellschaftliche Entscheidungen? Auf welcher Grundlage werden diese getroffen? Und andererseits ist es eine Vertrauensfrage: Wem vertrauen die Bürger? Wem vertrauen Menschen, die politische Entscheidungen treffen? Treffe ich Entscheidungen auf Basis wissenschaftlicher Expertise oder gebe ich einfach eine Frage in die KI ein und nehme das Ergebnis als harte Evidenz?

Es ist einfach zu sagen: Ich habe das irgendwo gelesen, das wird schon stimmen.
Rhomberg:
Das Problem beginnt schon früher. Das Allerschlimmste ist dieser unsägliche „Hausverstand“. Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu treffen oder weil man mit ein paar Leuten darüber gesprochen hat. Wissenschaft funktioniert anders. Wissenschaftliche Erkenntnisse müssen immer eingeordnet werden. Wissenschaft liefert nicht einfach schnelle politische Antworten.

Wissenschaft liefert also nicht die Wahrheit?
Rhomberg:
Wissenschaft ist auf der Suche nach Wahrheit. Aber wissenschaftliche Erkenntnis ist nie absolut. Es kann morgen eine andere Studie geben, die zu anderen Ergebnissen kommt. Deshalb muss man Wissenschaft immer kontextualisieren. Die Aufgabe besteht darin, viele Studien anzuschauen und herauszuarbeiten, wo die gemeinsamen Erkenntnisse liegen.

„Vertrauen ist ein zartes Pflänzchen“

Ist das auf Social Media ähnlich? Dort gibt es auch viele Meinungen und jeder entscheidet selbst, wem er glaubt.
Rhomberg:
Da gibt es entscheidende Unterschiede. Auf Social Media kann ich einfach eine Meinung raushauen. Wissenschaft ist faktenbasiert. Außerdem gibt es in der Wissenschaft ein Qualitätssystem. Forschende gelten nicht deshalb als relevant, weil sie sympathisch auftreten, sondern weil ihre Arbeiten von anderen Forschenden aufgegriffen und zitiert werden. Und Social Media funktioniert häufig über Filterblasen. Menschen folgen dort vor allem jenen Personen, die ihre eigene Meinung bestätigen. In der Wissenschaft hingegen ist Widerspruch ausdrücklich erwünscht. Streit gehört zum System.

Aktuell wird in Österreich ein Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige diskutiert. Was halten Sie davon?
Rhomberg:
Als Wissenschafter würde ich zuerst in die Studienlage schauen. Und die zeigt kein eindeutiges Bild. Es gibt Länder wie Australien, wo gewisse Maßnahmen wirken. Aber dort geht es nie nur um ein Verbot allein. Ich halte wenig davon, nur über Verbote zu diskutieren. Die eigentliche Frage muss sein: Wie schaffen wir es, dass Jugendliche bewusst und selbstbestimmt mit digitalen Medien umgehen lernen? Dazu braucht es ein Bündel von Maßnahmen. Digitale Kompetenzen in Schulen, Medienkompetenz bei Eltern, Bewusstsein dafür, wie Plattformen funktionieren. Ein Verbot kann ein Baustein sein, aber sicher nicht die alleinige Lösung.

„Vertrauen ist ein zartes Pflänzchen“

Sie beschäftigen sich seit Jahren mit Mediendemokratie. Wer setzt heute die Themen? Politik, Medien oder soziale Netzwerke?
Rhomberg:
Das hängt stark vom Thema ab. Das Social-Media-Verbot ist ein gutes Beispiel. Da gab es einzelne Ereignisse, die über soziale Medien Aufmerksamkeit bekommen haben. Traditionelle Medien greifen das auf und verstärken es. Dann kommen Elterninitiativen dazu, Experten, Studien. Irgendwann entsteht genug öffentlicher Druck und die Politik reagiert. Das Problem ist: Politik reagiert oft sehr schnell mit einfachen Lösungen.

Sie meinen Anlasspolitik?
Rhomberg:
Genau. Sobald ein gewisser Schwellenwert öffentlicher Empörung erreicht wird, lässt die Politik alles stehen und liegen. Manchmal wäre es sinnvoller, zwei Schritte zurückzutreten und ein Problem in seiner gesamten Komplexität zu betrachten. Politik müsste viel stärker Ziele definieren, nicht nur sagen: Wir verbieten etwas. Sondern zuerst klarstellen: Was wollen wir eigentlich erreichen?

„Vertrauen ist ein zartes Pflänzchen“

Sie haben einmal gesagt: „Vertrauen ist ein zartes Pflänzchen.“ Wie beschädigt ist dieses Vertrauen derzeit?
Rhomberg:
Man muss unterscheiden. Es gibt nicht das eine Vertrauen in die Politik. Das Vertrauen in Gerichte oder in die Polizei ist beispielsweise relativ hoch. Auch zivilgesellschaftliche Organisationen genießen hohes Vertrauen. Schwieriger wird es bei Parteien und klassischen Parteipolitikern. Dort sehen wir seit Jahren sinkende Werte.

Und bei den Medien?
Rhomberg:
Früher hatte der ORF hohe Vertrauenswerte. Die sind durch interne Skandale beschädigt worden, nicht durch die Berichterstattung selbst. Gleichzeitig sieht man, dass ORF-Landesstudios relativ stabile Vertrauenswerte haben. Klassische Medien stehen heute in Konkurrenz zu einer vollkommen anderen digitalen Öffentlichkeit.

Wie gewinnt man das Vertrauen zurück?
Rhomberg:
Vertrauen entsteht nicht mehr durch reine Einwegkommunikation. Junge Menschen erwarten Interaktion. Sie wollen eingebunden werden, nicht nur Konsumenten sein. Das kann digital passieren, aber auch über Veranstaltungen, Gesprächsformate oder Communities. Podcasts funktionieren bei jungen Menschen hervorragend. Obwohl dort jemand 30 oder 40 Minuten spricht und man gar nicht reagieren kann. Das zeigt, dass Menschen sehr wohl bereit sind, sich intensiver mit Inhalten auseinanderzusetzen.

Gleichzeitig gibt es immer stärkere ideologische Filterblasen.
Rhomberg:
Ja. Und das große Problem ist: Wir kommen immer seltener mit Menschen ins Gespräch, die anders denken als wir selbst. Wir brauchen wieder Orte, an denen Menschen zwanglos miteinander reden können. Gasthäuser, Vereine, Veranstaltungen. Räume, in denen unterschiedliche Menschen aufeinandertreffen. Und wir müssen Demokratie wieder stärker einüben, nicht nur theoretisch erklären.

„Vertrauen ist ein zartes Pflänzchen“
Die NEUE am Sonntag hat Markus Rhomberg im Bregenzer Wirtshaus am See getroffen.

Wie meinen Sie das?
Rhomberg:
Wir alle sollten wieder lernen, zuzuhören, zu argumentieren und andere Positionen auszuhalten. Es geht darum, am Ende eines Gesprächs sagen zu können: Ich teile deine Meinung nicht, aber ich verstehe, wie du zu ihr kommst.

Deepfakes und KI verschärfen diese Probleme zusätzlich. Kann Regulierung noch Schritt halten?
Rhomberg:
Ehrlich gesagt: Nein. Regulierung wird technologischen Entwicklungen immer hinterherlaufen. Der AI-Act regelt heute teilweise den Stand von KI von vor zwei Jahren. Deshalb glaube ich nicht, dass Regulierung allein die Lösung sein wird. Entscheidend wird sein, welchen Institutionen wir vertrauen. Medienhäuser oder Organisationen müssen transparent und nachvollziehbar arbeiten. Vertrauen entsteht über die Glaubwürdigkeit der Institution dahinter.

Was macht Ihnen Hoffnung?
Rhomberg:
Menschen. Ich habe ein positives Menschenbild. Ich glaube, dass Menschen lernfähig sind und merken, was ihnen guttut und was nicht. Wir sollten Kinder und Jugendliche nicht primär mit Verboten stärken, sondern mit Wissen, Lernen und Handlungsfähigkeit. Das macht mir Hoffnung.

„Vertrauen ist ein zartes Pflänzchen“

Zur Person

Markus Rhomberg stammt aus Bregenz und ist Politik- und Kommunikationswissenschafter. Er war Professor für politische Kommunikation an der Zeppelin Universität Friedrichshafen und beschäftigt sich seit Jahren mit Medien, Demokratie, Wissenschaftskommunikation und digitalen Öffentlichkeiten. Heute ist er Co-Geschäftsführer des Wissenschaftsverbunds Vierländerregion Bodensee.