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Gauder Fest: Wie sichtbar ist Rechtsextremismus im Westen?

16.05.2026 • 12:00 Uhr
Barbara Neßler
Barbara Neßler wuchs in Vorarlberg auf. Peter Koren

NS-Parolen, Hakenkreuze, steigende rechtsextreme Taten; Westösterreich im Fokus. Die NEUE sprach mit Nationalratsabgeordneten Barbara Neßler über politische Verantwortung und fehlende Konsequenzen.

Rechtsextreme Tathandlungen und mutmaßliche Fälle nationalsozialistischer Wiederbetätigung sind in Österreich wieder stärker in den Mittelpunkt der öffentlichen Debatte gerückt. Anfang dieses Jahres veröffentlichte das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, kurz DÖW, seinen Rechtsextremismusbericht. Darin wird vor einer neuen Generation von Neonazis gewarnt. Der Bericht zeigt für das Jahr 2024 einen Anstieg rechtsextremer Tathandlungen um 23 Prozent.
Zudem beschreibt das DÖW Teile des Milieus als ausgesprochen gewaltbereit.

Naziparolen im Zug

Besondere Aufmerksamkeit erhielten zuletzt Vorfälle rund um das Tiroler Gauder Fest in Zell am Ziller. In der Zillertalbahn, die viele Besucherinnen und Besucher zum Fest brachte, sollen mehrere Männer „Sieg Heil“-Rufe skandiert haben. Von dem Vorfall kursierten Handyvideos. Darüber hinaus wurden weitere mutmaßliche rassistische und antisemitische Vorfälle rund um das Fest bekannt. Laut dem Standard berichteten Festgäste unter anderem von rassistischen Äußerungen auf dem Weg zum Festgelände sowie von Hakenkreuz- und SS-Schmierereien in einer Hotelbar. Die NEUE hat über diese Entwicklungen mit Barbara Neßler gesprochen. Die Grünen-Nationalratsabgeordnete wuchs in Alberschwende auf und ist politisch eng mit Tirol verbunden. Auch beim Gauder Fest war Neßler vor Ort. Kurz nachdem die Vorwürfe publik wurden, veröffentlichte sie ein Video auf Instagram, in dem sie sich zu den Geschehnissen äußerte. Im Gespräch mit der NEUE ordnet sie die Vorfälle in einen größeren Zusammenhang ein. Neßler sieht die aktuellen Entwicklungen nicht als isolierte Einzelfälle. „Die Sprünge nach oben, was rechtsextreme Tathandlungen und Anzeigen nach dem Verbotsgesetz betrifft, begannen 2024 und setzten sich 2025 fort“, sagt sie. Diese Entwicklung habe aus ihrer Sicht auch mit politischen Verschiebungen im Westen Österreichs zu tun. Die ÖVP habe gerade in diesen Regionen lange eine stark bindende Rolle gespielt, verliere aber zunehmend an Zuspruch. Diskurse, die an jene der FPÖ andocken, könnten Menschen weiter nach rechts treiben, so Neßler.

Politisches Zeichen

Für Vorarlberg verweist Neßler in diesem Zusammenhang auch auf die politische Lage im Land. Die Koalition der ÖVP mit der FPÖ sei für sie ein sichtbares Zeichen dafür, dass rechtsextreme Positionen gesellschaftlich stärker legitimiert würden. Zugleich betont sie regionale Unterschiede. Für Vorarlberg sei historisch auch die Grenzlage relevant gewesen. In Tirol wiederum mache sich bemerkbar, dass Rechtsextremismus gerade in ländlichen Regionen stärker greife.
Die Vorfälle beim Gauder Fest wurden inzwischen auch parteipolitisch aufgegriffen. In einer Aussendung der Grünen bezeichneten Neßler und der Grüne Rechtsextremismus-Sprecher Lukas Hammer die Vorfälle als „Spitze des Eisbergs“.

Mehr Straftraten

Neßler sprach darin von erschreckenden Videos und Berichten über rechtsextreme Parolen und Schmierereien rund um das Volksfest. Diese seien „schwer zu ertragen“ und „eine Schande für das Volksfest, auf dem es um das Miteinander geht“, heißt es in der Aussendung. Hammer verwies zudem auf die steigende rechtsextreme Straftaten und kritisierte, dass der von der Regierung angekündigte Nationale Aktionsplan gegen Rechtsextremismus noch nicht umgesetzt sei. Im Gespräch mit der NEUE bleibt Neßler bei der Bewertung der Beteiligten vorsichtig. Ob bei jenen Personen, die im Zug NS-Parolen gesungen haben sollen, eine gefestigte nationalsozialistische Haltung vorliege, könne nur individuell beantwortet werden. Bei Gruppen, in denen Personen spontan mitgemacht hätten, sei eine pauschale Beurteilung schwierig. Gleichzeitig zieht Neßler eine Grenze: „Es ist aber zweifellos ein ungenierter Tabubruch, denn an der mangelnden Aufklärung über die Verbrechen des Nationalsozialismus, an der Zugänglichkeit von Informationen kann es im Jahr 2026 nicht liegen.“

Gauder Fest: Wie sichtbar ist Rechtsextremismus im Westen?
Barbara Neßler thematisierte die Vorfälle rund um das Gauder Fest auch auf Instagram. Barbara Nessler

Prävention

Damit stellt sich für Neßler weniger die Frage, ob Wissen über den Nationalsozialismus grundsätzlich verfügbar ist. Vielmehr gehe es darum, warum bestimmte Personen dennoch bereit seien, NS-Parolen öffentlich zu rufen oder entsprechende Symbole zu verwenden. Die Vorfälle rund um das Gauder Fest zeigen aus ihrer Sicht, dass es nicht nur um strafrechtliche Aufarbeitung geht, sondern auch um Prävention, politische Sprache und gesellschaftliche Verantwortung. Kritik übt Neßler auch an der Bundesregierung. Diese habe zwar zusätzliche Maßnahmen gegen nationalsozialistische Vergehen angekündigt, aus Sicht der Grünen seien aber bisher keine ausreichenden Fortschritte erkennbar. Neßler sagt dazu: „Als Mitglied einer ehemaligen Regierungspartei weiß ich, wie mühsam sich Verhandlungen gestalten können – erst recht nun in einer Dreierkonstellation. Aber man kann nicht nach außen verkünden, dass die Priorität angesichts der Lage hoch liegt, und dann geht rein nichts weiter.“ Ihre Kritik fasst sie in ein Bild: „Es macht keinen Sinn, den Feuerwehrschlauch in die Hand zu nehmen und das Wasser nicht aufzudrehen, wenn es brennt.“ Ein zentraler Punkt in Neßlers Forderungen ist ein Ausstiegsprogramm für Rechtsextreme. Österreich solle sich dabei an bestehenden Modellen orientieren, etwa an „EXIT-Deutschland“, das vor rund 25 Jahren gegründet wurde. Es brauche speziell ausgebildete Personen, die ausstiegswillige Menschen längerfristig begleiten könnten. Neßler hält punktuelle oder symbolische Maßnahmen für unzureichend. Bewährungshilfe werde zwar von Gerichten oft verordnet, bei regionaler Verfügbarkeit und Intensität gebe es aus ihrer Sicht aber Luft nach oben. Auch der Besuch einer Gedenkstätte könne nur ein Baustein sein. „Wer glaubt, dass es mit einem gerichtlich verordneten Rundgang in einer KZ-Gedenkstätte getan ist, irrt sich kräftig“, sagt Neßle

Gauder Fest: Wie sichtbar ist Rechtsextremismus im Westen?
In der Zillertalbahn haben mehrere Männer NS-Parolen skandiert haben.

Ausgeforscht

Inzwischen gibt es im konkreten Fall der „Sieg Heil“-Rufe in der Zillertalbahn Ermittlungsfortschritte. Laut Polizeiaussendung am Donnerstag wurden alle drei gesuchten Personen ausgeforscht. Zuvor waren auf Antrag der Staatsanwaltschaft Fotos veröffentlicht und Hinweise aus der Bevölkerung erbeten worden. Bis Donnerstagmittag waren zunächst zwei Männer identifiziert, am Abend schließlich auch der dritte. Tathandlungen nehmen zu. Die strafrechtliche Beurteilung der Vorfälle liegt nun bei den zuständigen Behörden. Politisch und gesellschaftlich dürfte die Debatte aber weitergehen. Denn die Fälle rund um das Gauder Fest stehen nicht allein. Sie treffen auf einen Befund, den das DÖW bereits zu Jahresbeginn formuliert hat: Rechtsextreme Tathandlungen nehmen zu, und Teile der Szene treten sichtbarer und aggressiver auf.