Viel Lob und große Hitze zum Auftakt des Bachmann-Wettlesens

25.06.2026 • 15:41 Uhr
Viel Lob und große Hitze zum Auftakt des Bachmann-Wettlesens

Zu einem Literaturagenten ins Nobelhotel und zu ungarischen Erntehelferinnen auf österreichische Äcker führte der Nachmittag des ersten Lesetags im 50. Wettbewerb um den Bachmann-Preis. Die in Ungarn geborene Kinga Tóth ist nach den Jurydiskussionen am Donnerstag noch eher im Rennen um die Preise, die am Sonntag in Klagenfurt vergeben werden, als ihre in Russland geborene Kollegin Slata Roschal, die nach ihrer Lesung den Raum verließ. Die Temperaturen sollen weiter steigen.

Das Publikum hat die Wahl zwischen dem kühlen ORF-Theater des Kärntner Landesstudios und dem mit vielen Beschattungen und Liegestühlen erträglich gemachten Bachmann-Park davor. Hier erfreuten sich nicht nur Schatten- und Wasserspender, sondern auch die 3sat-Fächer großer Beliebtheit. Thematisch begann es mit zwei sehr unterschiedlichen Flecken-Texten, wurde die Arbeitswelt auf sehr unterschiedliche Weise beleuchtet.

Es wurde auch viel gestorben am ersten Tag – massenhaft in Jovana Reisingers heiterem Text “Die Rosen blühen, die Sonne scheint, die Erde dreht sich, nur Maria ist unglücklich”, der mit Tóths “OstblockMädl” den größten Publikumszuspruch erhielt, und als Schlusspointe in dem von Roschal gelesenen letzten Text, in dem ein Autor im Hotel stirbt. Deutliche Jury-Favoriten sind noch nicht auszumachen. Doch das Match zwischen Klaus Kastberger und Philipp Tingler wurde auch beim Jubiläum leidenschaftlich weitergeführt.

Schimmelflecken und “mikrobieller Befall”

Die in Wien lebende deutsche Autorin Fiona Sironic eröffnete das Wettlesen mit ihrem Text “Mikrobieller Befall”. Die Geschichte beginnt mit Bleichflecken eines verunglückten Haarfärbeversuchs und endet mit einem sich ausbreitenden Schimmelfleck in der Wohnung, gegen den die Hausverwaltung trotz wiederholter Urgenzen nichts unternimmt. Der Juryvorsitzende Kastberger lobte den Text als “wahnsinnig präzise”, auch den “Übergang von Realen zum Digitalen” oder die klischeefreie Darstellung des Anthropozäns.

Mara Delius ortete überstrapazierte Schimmel-Metaphorik in einem “sehr guten Text mit lakonischer Komik” und “die Erschaffung einer interessant-lakonischen Dystopie einer Welt”. Jurorin Mithu Sanyal fragte sich, “sind es wirklich Räume oder geht es um psychische Innenräume?” Für Laura de Weck, die Sironic eingeladen hatte, stellt der Text die Frage: “Welcher Raum ist eigentlich der sichere?” Philipp Tingler opponierte als einziger heftig dagegen und fand den Text “banal und langweilig”. Er frage sich: “What’s the point? Was soll das?”

Der “Portweinfleck” muss weg

Von einem ganz anderen Fleck handelte anschließend der Text des deutschen Musikers, Autors und Medienkünstlers Kurt Prödel: “Portweinfleck” nennt der Ich-Erzähler das große, dunkelrote Feuermal in seinem Gesicht, das er entfernen lassen möchte und dafür eine medizinische Beratungsseite konsultiert.

Die “Ambivalenz der Selbstverwirklichung der heutigen Zeit” fand Juror Tingler in dem “sehr gelungenen” Text dargestellt, und ambivalent verlief auch die Jurydiskussion. Mara Delius lobte die Auseinandersetzung mit Scham, Kastberger die Lebendigkeit des Flecks, der “als Trägermaterial” für vieles diene, etwa für die Befragung gesellschaftlicher Verhältnisse”. Zu sehr mit Kriegsbildern und Territorialmetaphorik belastet hielten Laura de Weck und Schwens-Harrant den Text: “Das ist too much!”

Eine familiäre Todesserie als “Comedy”

“Die Rosen blühen, die Sonne scheint, die Erde dreht sich, nur Maria ist unglücklich”, nannte die in Österreich aufgewachsene Münchnerin Jovana Reisinger ihren schwungvoll vorgetragenen Text, der die Vormittags-Session beendete und mit Stellen wie “Der Badesee ist angenehm kühl und die Wasserqualität spitze” Lust auf andere Aktivitäten machte. Ihre Hauptfigur Maria scheint in einem kleinen, idyllischen österreichischen Ort die letzte Überlebende einer Todesserie in der eigenen Familie zu sein. Doch das beständige Weiterleben Marias, die sogar einen Sprung vom Balkon unbeschadet übersteht, wird den Dorfbewohnern allmählich suspekt …

Rasant, doch etwas oberflächlich, lautete der Tenor der Jurydiskussion. Strässle “mag Texte, die ein Tempo haben, die rasant sind”, hielt diesen aber für zu polemisch-satirisch und oberflächlich. Laura de Weck ortete wie andere einen “fulminanten Einstieg, fragte sich aber: “Wo ist die tiefere Bedeutung?” Sanyal fühlte sich an Dorothy Parker erinnert und mochte die vielen stilistischen Formen, fand aber die Entwicklung des Textes zu bald beendet und bekam mit Schwens-Harrant dabei eine Kombattantin. Tingler fand den Vortrag “absolut super”, fand jedoch: “Der Text hat aber ein Problem der Ökonomie.” Kastberger ortete einen Genrewechsel: “Das ist Comedy! Seine Leichtigkeit geht sich aber teilweise selber auf den Leim.”

“OstblockMädl” in der Transitzone

Nach einer kurzen Mittagspause ging es bei mittlerweile stark gestiegenen Temperaturen mit der in Waidhofen/Ybbs lebenden Ungarin Kinga Tóth weiter, die sich glücklich über die Ehre zeigte, in einer in der Schule gelernten Sprache bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur mitlesen zu dürfen und beim Vortrag ihres Textes “OstblockMädl” immer wieder mit gesungenen oder als Litanei vorgetragenen Passagen überraschte. Es geht am Beispiel von aus Ungarn nach Österreich kommenden Erntehelferinnen um Arbeitsmigration und Fremdenfeindlichkeit, Integration und Assimilation.

Vom Publikum erhielt Tóth viel Applaus, und auch die Jurymitglieder Mithu Sanyal und Thomas Strässle zeigten sich sehr beeindruckt. “Es hat wunderbare Bilder drinnen”, lobte Strässle auch die “Transitsprache”, die für die geschilderte Transitzone verwendet werde: “Am Ende läuft es auf die Sprache hinaus.” Laura de Weck hatte den Text beim Lesen “extrem anklagend und wütend” empfunden, im Vortrag nun viel weicher und poetischer. Auch Kastberger lobte den “grandiosen” Vortrag und lobte: “Das ist ein Text, der total in der Jetztzeit steht. Das (die Ostöffnung, Anm.) ist jetzt 35 Jahre her, aber es ist alles noch nicht vorbei.”

Fürsprecherinnen fand Tóth auch in Schwens-Harrant, die u.a. die Auseinandersetzung mit Klischees hervorhob, und Delius, die den “sinnlichen Text” lobte. Einmal mehr zeigte sich Tingler deutlich skeptischer. Er fand den Text “seltsam anachronistisch”, wie in “einer Art Zeitkapsel”: “Ich sehe nichts Neues.” – “Ich sitze hier und frage mich: Hätte ich vielleicht Hedgefonds-Manager werden sollen?”, meinte er etwas überraschend – und erhielt für diese alternative Berufswahl am Ende eines kurzen Disputs viel Zustimmung von Kastberger.

Ein toter Autor und eine abwesende Autorin

Der Juryvorsitzende hatte die in Sankt Petersburg geborene Slata Roschal eingeladen, die den ersten Lesetag mit einem Auszug aus einem bald erscheinenden Roman beschloss. Ihr Text “Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet” spielt in einem Literaturhotel und hat einen Literaturagenten, seine künftige Sekretärin und einige Hotel-Mitarbeitende als handelnde Personen. Ein Autor stirbt am Ende kurz vor seiner Lesung. “Der Autor ist tot, stellte die Chefin im Dirndl fest, und die Nachricht verbreitet sich wie Feuer im Haus.”

Laura de Weck ortete “unfassbar viele formale Spielereien”, Mara Delius fand den Text zu brav, ähnlich ging es Schwens-Harrant. Mithu Sanyal sah originelle Absätze, “aber es kommt nicht zu einem großen Ganzen zusammen”. Die Autorin zog es vor, nicht persönlich bei der Jurydiskussion anwesend zu sein und entzog sich dem üblichen Setting. Das wurde von Sanyal verteidigt: “Sieben Leute reden über deinen Text und du darfst danke sagen. Das ist Mobbing!” Kastberger fand das nicht weiter schlimm und jedenfalls regelkonform, während Tingler es persönlich zu nehmen schien: “Man kennt die Regeln des Bewerbs – und sooo schlimm sind wir ja auch nicht!” Die Fortsetzung folgt am Freitag um 10 Uhr früh.

(S E R V I C E – bachmannpreis.orf.at )