Höllenspektakel in Grazer Oper bei “La Damnation de Faust”

27.09.2026 • 15:41 Uhr

Mit “La Damnation de Faust” von Hector Berlioz ist der Grazer Oper am Samstag ein effektvoller Saisonauftakt gelungen. Die Geschichte von Faust wird von Regisseur Lorenzo Fioroni als Abfolge von eindrucksvollen Bildern und wildbewegten Szenen erzählt, wobei die Grenzen zum Zuschauerraum oft verschwimmen. Die farbenreiche Klangwelt dieser Oper wurde von den drei Hauptfiguren stimmlich gekonnt umgesetzt, besonders begeisterte der nuancenreiche und präzise singende Chor.

Die Geschichte von Faust, seine Suche nach dem Sinn des Lebens und seiner Liebe zu Margarete wurde dutzendfach vertont, wobei sich nur eine Handvoll dieser musikalischen Werke heute noch auf den Spielplänen findet. Die Oper von Berlioz wurde 1846 konzertant uraufgeführt, die erste szenische Umsetzung erfolgte erst 1893.

Wilder Ritt durch Länder und Stimmungen

Das mag nicht zuletzt daran gelegen sein, dass dieser “Faust” keine linear erzählte Geschichte ist, sondern aus Momentaufnahmen, raschen Ortswechseln und Schlaglichtern auf die Gemütsbewegungen besteht. Regisseur Fioroni schöpfte für seine Umsetzung dieser Reise aus dem Vollen: Das Bühnenbild (Sebastian Hannak) zeigt eine Häuserfront und erstreckt sich weit in den Zuschauerraum. Dafür wurde das Orchester ganz hinten auf der Bühne positioniert und der Chor bewegt sich im ganzen Haus. Geboten wird eine Menge: eine blutige Revolution in Ungarn, ein wildes Besäufnis von fragwürdigen Glatzköpfen mit Federboa in Auerbachs Keller in Leipzig, eine Ballettprobe im Slapstickstil und nebenbei wird auch noch Marguerites Herz gebrochen, wenn sie schon nicht zu Fall gebracht wird. Es gibt die unvermeidliche Live-Cam, aber auch Videos, jede Menge Licht-, Knall- und Blitzeffekte, und ein buntes Theater auf dem Theater mit Leuchtreklame und Flitter aller Art.

Das Ganze wirkt wie ein einziger Fiebertraum, den Handelnden wird wenig Raum gelassen, ihre Figuren darzustellen oder zu entwickeln, es bleibt auf den Gesang reduziert. Faust hat eine kleine Verkaufsbude als Studierzimmer, ist dafür adrett im Stil des 19. Jahrhunderts mit großer Seidenmasche und weißem Hemd gekleidet. Der Rest ist ein buntes Sammelsurium an Kostümen (Katharina Gault), die fürs Auge eine Menge bieten. Marguerite ist keine unschuldige Seele, sondern eine Schauspielerin, die das Leben und auch den Teufel kennt, mit dem sie offenbar eng befreundet ist. Die Liebesgeschichte wird als Spiel im Spiel dargestellt, kippt dann aber irgendwann doch. Trotzdem oder gerade deswegen ist es sehr berührend, wenn diese Frau plötzlich doch von echten Gefühlen erfasst wird.

Hervorragende Sänger und großartiger Chor

Anna Brull verlieh dieser Marguerite nicht nur Profil, sondern erfüllte diese Partie mit feinen Nuancen auch gesanglich hervorragend. Bei Pavel Petrov ist Faust stimmlich gut aufgehoben, er stattete ihn mit weichem Schmelz und schönen Bögen aus. Von der Witzfigur im 70er-Jahre Anzug mit Schlaghose und Nieten über einen Crossdresser im Spitzenunterkleid bis hin zum Bühnenteufel im roten Samtkostüm mit Flügeln entwickelt sich Nikita Ivasechko, der mit fülliger Stimme, aber auch zarten Tönen (“Voici des roses”) aufwarten kann. Großartig der Chor unter der Leitung von Johannes Köhler, der in dieser Produktion mehr als sonst gefordert ist. Dirigent Johannes Braun leitet die bestens disponierten Grazer Philharmoniker solide, mitunter aber etwas spannungsarm, besonders im zweiten Teil. Der üppige Schluss hinterlässt aber einen gewaltigen Eindruck, da wird dann auch musikalisch an nichts mehr gespart. Ein Werk, das man sich nicht entgehen lassen sollte – schon allein, weil es so selten zu sehen ist und optisch wie musikalisch Eindruck hinterlässt.

(Karin Zehetleitner/APA)

(S E R V I C E – “La damnation de Faust” von Hector Berlioz in der Grazer Oper. Musikalische Leitung: Johannes Braun, Inszenierung: Lorenzo Fioroni, Choreographie: Louis Stiens, Bühne: Sebastian Hannak, Kostüme: Katharina Gault. Besetzung: Faust: Pavel Petrov, Méphistophélès: Nikita Ivasechko, Marguerite: Anna Brull, Brander: Fangyong Liang, Oriel: Richard Jähnig, Himmlisches Kind: Nadja Dybova, Sandrine (Tänzerin): Helen Clare Kinney. Weitere Vorstellungen: 30.9., 2. und 8., 14. und 22.10. sowie 13.12.2027. )