ICE und Reiterinnen: Westlicht zeigt Pressefotos des Jahres

Sie dokumentieren Katastrophen, Konflikte, politische Verwerfungen, aber auch Einzelschicksale und gesellschaftliche Veränderungen: Unmanipulierte Pressefotos haben in der Flut von KI-generierten Bildern zusätzlich Bedeutung gewonnen. Im Fotomuseum Westlicht in Wien sind ab Freitag rund 150 von World Press Photo 2026 prämierte Sujets zu sehen. Diese öffnen “nicht nur einen Blick auf das Weltgeschehen, sondern auch auf Menschen, die davon betroffen sind”, hieß es vor Medien.
Das von der unabhängigen, gemeinnützigen Organisation zum Foto des Jahres gekürte Motiv stammt von der vierfachen amerikanischen Pulitzerpreisträgerin Carol Guzy und hält die dramatischen Folgen der verschärften US-Einwanderungspolitik fest. Das Foto zeigt die beiden Töchter eines Ecuadorianers, die sich nach Festnahme ihres Vaters durch ICE-Agenten verzweifelt an ihn klammern – und vermittelt spürbar ein Klima der Angst und Unsicherheit.
“Unsere Jury wählt aus rund 75.000 Einsendungen aus”, sagte Martha Echevarria, Kuratorin der World Press Photo Foundation am Donnerstag. Bewertet werde die Stärke des Fotos und die Story, die es erzählt. Ein Recherche- und ein Forensikteam prüfen die Authentizität. Die ausgestellten Arbeiten führen durch sechs Weltregionen: “Sie zeugen von Protesten und Konsequenzen von Konflikten. Man sieht auch, wie Leute danach Wege finden, weiterzumachen”, so Echevarria. Andere Themen sind etwa Klimawandel und Umwelt (“Los Angeles in Flammen”).
Einblicke in gesellschaftlichen Wandel
Manche Bilder geben Einblicke in Communitys. Ausgezeichnet wurde heuer etwa Fotojournalistin Chantal Pinzi für ihre Serie über Reiterinnen in Marokko, die sich eine über Jahrhunderte ausschließlich von Männern vorbehaltene Tradition aneignen. Hinter der Arbeit stecke intensive Vorbereitung, erzählte sie im APA-Gespräch. “Es gibt also viele Elemente, die man gewissermaßen studieren muss, um zu verstehen: Okay, das ist wichtig für ein Foto. Etwa, dass die Reiterinnen immer Koranseiten bei sich haben.”
Dann spreche sie schon Monate vor dem Shooting mit den Protagonistinnen. “Ich rufe sie an, wir lernen uns kennen, während ich noch zu Hause bin, und baue so eine Beziehung auf, bevor ich sie schließlich besuche.” Pinzis Projekte konzentrieren sich auf Frauen, die sich Räume erobern, von denen sie ausgeschlossen wurden. “Ich überlege immer, wie ich die Gemeinschaft stärken kann. Wie kann ich aktiv einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft ausüben? Es geht also nicht nur darum, hinzugehen, abzudrücken und wieder zu verschwinden.”
Die Schau “World Press Photo” ist ein Jubiläum: Sie findet zum 25. Mal in der 25-jährigen Geschichte von Westlicht statt. “Gerade in Zeiten von Fake News wird diese Ausstellung immer bedeutender”, betonte Museumsgründer Peter Coeln. Man führe rund 200 Klassen durch die Präsentation. “Wir sehen, dass die Schülerinnen und Schüler anders betroffen sind, wenn sie hier Bilder sehen und nicht am Handy.” Parallel zur Hauptschau zeigt Westlicht einen Ausschnitt aus einer Langzeitserie der serbisch-österreichischen Fotografin Maša Stanić über Roma.
(S E R V I C E – “World Press Photo 2026” und “Call it ‘Dubai'” im Fotomuseum Westlicht, Wien 7, Westbahnstraße 40, 11.9. bis 22.11., täglich 11-19 Uhr, donnerstags 11-21 Uhr; )