IEA: Österreichs Energiewende braucht raschere Umsetzung

11.05.2026 • 15:34 Uhr

Die Internationale Energieagentur (IEA) hat Österreich am Montag ein gutes Zeugnis bei der Energiewende ausgestellt, mahnt aber raschere Umsetzung ein. Der nun veröffentlichte Bericht “Austria 2026” fordert mehr Flexibilität und einen schnelleren Windkraftausbau. Überschattet wurde die Präsentation in Wien von eindringlichen Warnungen des IEA-Chefs Fatih Birol vor den globalen Folgen der blockierten Straße von Hormuz für die Energie- und Wirtschaftsmärkte.

“Die globale Energiekarte wird neu gezeichnet, auch die Handelsrouten”, betonte Birol. Das Vertrauen in bestehende Lieferwege sei nachhaltig zerstört. “Die Vase ist zerbrochen und kann nicht wieder zusammengesetzt werden. Was einmal passiert ist, kann wieder passieren”, warnte der IEA-Exekutivdirektor. Er sprach von der größten Energiekrise der Geschichte. “Kein Land, aber auch gar kein Land, ist immun dagegen.” In Asien habe die Energierationierung bereits begonnen. Die Region beziehe 80 bis 90 Prozent ihres Öls über die blockierte Meerenge. Auch Europa leide massiv, da es zuletzt 75 Prozent seines Kerosins aus dem Nahen Osten importiert habe.

Birol erwartet Aufschwung für Atomkraft

Ähnlich wie in den 1970er-Jahren werde der Schock eine technologische Transformation auslösen, so Birol. Damals habe ein Auto 20 Liter auf 100 Kilometer verbraucht, nach der Krise waren es 10 Liter. Ähnliches passiere jetzt: Die aktuellen Ereignisse würden nicht nur der Elektromobilität einen Impuls geben, sondern auch der Verbesserung der Energieeffizienz, prognostizierte Birol. Auch bei Lkw könnte man “Überraschungen erleben”. International sieht die IEA zudem einen Aufschwung für die Atomkraft, bedauerte jedoch, dass einige Länder in Asien nun wieder auf Kohle setzen.

Österreich selbst wurde von Birol eine hohe Resilienz bescheinigt. Staatssekretärin Elisabeth Zehetner (ÖVP) verwies auf die aktuellen wirtschaftlichen Belastungen: “Wir haben derzeit in Österreich keine Versorgungskrise, aber eine Preiskrise.” Sie forderte Eingriffe auf europäischer Ebene und kritisierte die Merit-Order in Kombination mit dem EU-Emissionshandel. Es könne nicht sein, dass man einerseits mit höheren Gaspreisen konfrontiert sei, aber “dass wir hier dann den höheren Preis auch für grüne Energie zahlen”, sagte Zehetner. Dies solle national auch durch Hilfen für energieintensive Unternehmen von bis zu 900 Millionen Euro abgefedert werden.

Lücke zwischen Ambition und Umsetzung

Der über 80 Seiten starke IEA-Prüfbericht stellt Österreichs Ziel, bis 2030 bilanziell 100 Prozent erneuerbaren Strom zu erzeugen, ein gutes Zwischenzeugnis aus. Mit einem Erneuerbaren-Anteil von 90 Prozent am Stromverbrauch im Jahr 2024 ist Österreich EU-Spitzenreiter. Der Bericht warnt jedoch vor einer wachsenden Lücke zwischen Ambition und Umsetzung. IEA-Experte Ali Saffar formulierte fünf Kernbotschaften: Die ehrgeizigen Klimaziele müssen mit konkreten Finanzmitteln in Einklang gebracht werden. Flexibilität müsse das grundlegende Prinzip des künftigen Energiesystems werden. “Österreich hat extrem ambitionierte Ziele, und das Hauptproblem ist nun, wie diese Ziele rasch umgesetzt werden können”, sagte Saffar. Das neue Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) mit seiner Förderung von dynamischen Tarifen und dem Wegfall von Doppelnetzgebühren für Speicher werde hier als sehr positiv bewertet.

Windkraft-Ausbau beschleunigen

Zudem müsste laut IEA der Ausbau der Windkraft massiv beschleunigt werden. Während bei der Photovoltaik ein Boom verzeichnet werde, hinke die Windkraft aufgrund langwieriger Genehmigungsverfahren hinterher, rügt der Bericht. Ein weiterer Schwerpunkt ist der Konsumentenschutz bei der Fernwärme. Da diese Netze oftmals als natürliches Monopol fungieren, bei dem klassischer Wettbewerb fehlt, fordert die IEA eine deutlich strengere behördliche Aufsicht, um faire Preise sicherzustellen.

Zuletzt mahnt die IEA die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit der Industrie ein, die in Österreich 22 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) beiträgt. Staatliche Hilfen müssten strikt an klimafreundliche Investitionen gekoppelt sein. Im Bereich Wasserstoff empfiehlt die IEA Österreich den Fokus auf ein Startnetz in Industrie-Clustern wie Linz, der Steiermark oder Wien. Der Infrastrukturausbau müsse exakt an die industrielle Nachfrage gekoppelt werden, um Fehlinvestitionen zu vermeiden. Birol wird seine energiediplomatischen Bemühungen am Montag noch bei Treffen mit Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) und OPEC-Vertretern fortsetzen.

Stromwirtschaft fordert Netzausbau

Die heimischen Reaktionen auf den IEA-Bericht fielen am Montag gemischt aus. Barbara Schmidt, Generalsekretärin der Branchenvertretung Oesterreichs Energie, sieht die starke Ausgangsposition Österreichs bestätigt, fordert aber deutlich mehr Tempo beim Ausbau der Erneuerbaren und der Netze. Obwohl im Jahr 2024 rund 90 Prozent des Strombedarfs erneuerbar gedeckt worden seien, zeige der Blick auf die Jahresdaten, dass derzeit nur “rund jede fünfte Stunde vollständig aus erneuerbaren Quellen gedeckt” werden könne. Schmidt forderte einen raschen Beschluss des Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetzes (EABG), denn Österreichs “Windkraft-Lücke” müsse im Hinblick auf die Winterversorgung endlich geschlossen werden. Ähnlich argumentierte die IG Windkraft, die eine Beschleunigung für sofort umsetzbare Windenergieprojekte sowie mehr Planungssicherheit für Investitionen einforderte.

FPÖ kritisiert unkontrollierten PV-Ausbau

Scharfe Kritik an der Regierung übte hingegen die FPÖ. Der Bericht sei “eine schallende Ohrfeige für die permanente energiepolitische Selbstbeweihräucherung der ÖVP”, erklärten die FPÖ-Energiesprecher Axel Kassegger und Paul Hammerl. Sie rügten einen unkontrollierten Photovoltaik-Ausbau, der durch fehlende Steuerungsmöglichkeiten zu Netzüberlastungen und teurer Überschussproduktion führe. Die FPÖ fordert eine Novelle des Erneuerbaren-Ausbau-Gesetzes (EAG), um marktwirtschaftliche Preissignale in den Vordergrund zu rücken und Fehlanreize im Fördersystem zu beenden.

Der von Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung finanzierte Verein oecolution sieht den wesentlichen Flaschenhals in den langwierigen Genehmigungsverfahren. Neue Wind- und Wasserkraftprojekte sowie Stromleitungen würden “durch Einsprüche von grünen NGOs über Jahre, manchmal Jahrzehnte, verzögert”, kritisierte oecolution-Geschäftsführer Christian Tesch.

Kritik auch von Grünen und Global 2000

Die Grünen und die Umweltschutzorganisation Global 2000 üben in ihren Reaktionen Kritik am Umsetzungstempo der Regierung und fordern insbesondere beim Ausbau der Windkraft mehr Verbindlichkeit gegenüber den Bundesländern. Der grüne Energiesprecher Lukas Hammer warnt davor, dass das geplante Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetz (EABG) ein “zahnloser Papiertiger” bleibe, solange die Länder nicht ausreichend Flächen für Windräder bereitstellen. In dasselbe Horn stößt Johannes Wahlmüller, Klima- und Energiesprecher von Global 2000. Er pocht ebenfalls darauf, dass die Bundesregierung gesetzlich für Windkraftzonierungen in den Bundesländern sorgen müsse, und verlangt zudem verbindliche Umstellungsfristen für Öl- und Gasheizungen sowie ein klares Bekenntnis zu entsprechenden Investitionen im kommenden Budget.