ImPulsTanz: Christos Papadopoulos bewegt zum Widerstand

Ein starkes Zeichen für Zusammenhalt und Hoffnung setzt das ImPulsTanz Festival mit seinem heurigen Opening Act “My Fierce Ignorant Step” am 9. Juli im Volkstheater. Christos Papadopoulos’ Werk, international umjubelt und bis 2028 weltweit präsent, verspricht ein Entkommen aus der dystopischen Realität. Für den griechischen Choreografen ist es das erste Mal beim Vienna Dance Festival: “Ein Jugendtraum wird wahr”, erzählt er der APA vorab im Rahmen seines Paris-Gastspiels.
In “My Fierce Ignorant Step” bewegt sich ein zehnköpfiges Ensemble als kollektiver Körper rhythmisch und nahezu synchron durch den Raum. Die Bühne ist ganz in Schwarz gehalten, die Beleuchtung mit Ausnahme einzelner Stroboskopeffekte dezent gestaltet. Der Fokus liegt auf den Körpern, ihrer fesselnden Interaktion und der als Crescendo entstehenden Klangkulisse.
Ein erster Schritt in Richtung Veränderung
Als “Akt des Widerstands” und “Weg der Hoffnung” wird Papadopoulos’ Stück in internationalen Programmankündigungen beschrieben. Warum es eine solche Performance braucht? “Weil wir uns in einer dystopischen Welt wiederfinden, von der ich dachte, ich müsste sie niemals erleben. Als ich jünger war, glaubte ich, all dieser Wahnsinn gehöre der Vergangenheit an”, so der griechische Choreograf. In seiner Jugend habe er sich den Kopf darüber zerbrochen, wie der Zweite Weltkrieg und der Holocaust passieren konnten. “Leider ist diese Frage nun beantwortet, denn es geschieht wieder. Und wir sehen nur zu, ohne wirklich etwas zu unternehmen.”
Die Vielzahl an Krisen und Kriegen inspiriert zurzeit zahlreiche Kunstschaffende zu kreativen Werken. Papadopoulos, der nicht nur Tanz, Choreografie und Theater, sondern auch Politikwissenschaft studierte, sieht seine Performance als Resultat seines geschärften Blicks, möchte sie aber nicht als “politisches Stück” betiteln. Eine direkte Verbesserung der gegenwärtigen Weltlage könne Tanz zwar nicht bieten, so der Choreograf, doch Kunst könne durchaus wirkungsmächtige Emotionen wecken. “Als Teenager war ich fest davon überzeugt, dass wir eine schöne Welt schaffen können, wenn wir gemeinsam dafür kämpfen. Für mich ist das Stück ein Weg, dieses Gefühl wiederzufinden – nicht aus Nostalgie, sondern als Quelle kraftvoller Hoffnung, als Schlüssel zu Veränderung. Hoffnung bewegt Menschen zum Handeln.”
Glücksgefühl durch Gemeinsamkeit
Die Suche nach den Gefühlen seiner Jugend führte Papadopoulos zu Mikis Theodorakis’ monumentalem Musikwerk “Axion Esti” (“Gepriesen sei”) über die gleichnamige Dichtung von Odysseas Elytis. Das Werk des Literaturnobelpreisträgers thematisiert den Zweiten Weltkrieg und die Diktatur in Griechenland. “Elytis verband die Gräueltaten der Menschheit mit dem Besten, was die Menschheit zu bieten hat, und führt auf einen Weg hin zum Licht und zur Schönheit der Natur”, beschreibt Papadopoulos. Die Vertonung – Theodorakis’ Musik – habe in Griechenland nicht nur demokratische Werte geprägt, sondern auch Generationen miteinander verbunden.
Basierend auf den von “Axion Esti” hervorgerufenen Gefühlen und der zusätzlichen Inspiration durch den griechischen Komponisten Manos Hadjidakis entfaltet sich in “My Fierce Ignorant Step” eine Klangkulisse, die den Weg für tänzerische Kohäsion ebnet. Das Ensemble bewegt sich als performative Wolke über die Bühne. Die Blicke starr ins Publikum gerichtet, werden räumliches Bewusstsein und Anpassungsfähigkeit während der gesamten Vorstellung aufrecht erhalten. “Ein höchst forderndes Unterfangen”, so Papadopoulos, der die Tanzenden mit seiner komplexen Choreografie dazu zwingt, “ihre Fühler auszustrecken und die Gruppe um Hilfe zu bitten”.
Das euphorische Glücksgefühl, das entsteht, wenn die anspruchsvolle Schrittfolge gemeinsam umgesetzt wird, vergleicht der Choreograf mit einem Marathonlauf, der zusammen mit einem Freund bestritten wird: “In den schwierigsten Momenten gibt man einander Halt und Hoffnung, dass man es schaffen kann.” “My Fierce Ignorant Step” sei kein euphorisches Stück, sondern eines, “das Euphorie hervorruft, wenn man als Gruppe trotz Anstrengung, Reibung und Diskurs die komplexe Choreografie gemeinsam meistert”.
Die Macht des Kollektivs
Papadopoulos choreografische Auseinandersetzung mit dem Kollektiv und seiner Kraft erfreut sich seit der Uraufführung im Mai 2025 in Athen großer internationaler Beliebtheit. Bis inklusive 2028 stehen Vorstellungen auf Spielplänen von Brüssel über Kanada bis China. Vergangenes Jahr war das Stück für den “Fedora – Van Cleef & Arpels” Tanzpreis nominiert. Heuer darf sich der Choreograf, den Gastspiele bereits mehrmals nach Österreich führten, auch über seinen ersten Programmpunkt beim Wiener ImPulsTanz freuen. “Seit ich studiert habe, war es mein Wunsch, Teil dieses inspirierenden Spektakels zu sein, das durch Tanz so viele Sprachen und Kulturen zusammenbringt.”
Ein Kollektiv könne eine beflügelnde Kraft darstellen, allerdings auch eine Bedrohung sein – im Sinne einer Armee, die durch ein Prinzip synchronisiert. Das hänge vom Grund für die Gruppenbildung ab, so Papadopoulos. In “My Fierce Ignorant Step” lässt er einzelne Performende immer wieder aus der Reihe tanzen, improvisierte Variationen der Schrittfolge erkunden, ehe sich die Ausreißer scheinbar mühelos und automatisch wieder ins Ensemble eingliedern. Das Vorgehen vergleicht der Choreograf mit einem Vogelschwarm, der als Überlebensprinzip das Kollektiv sucht: “Bewundern wir die Zugvögel am Himmel, dann ist es nicht die Schönheit ihrer Formationen, die uns imponiert, sondern das Verständnis für Zusammenarbeit. Es gibt keine höhere Macht, die dieses Verhalten diktiert, sondern es basiert auf individuellen Entscheidungen.”
Wie man als Gesellschaft das Gefühl von Zusammenhalt und Zusammengehörigkeit wiedererlangen kann? Papadopoulos sieht den bedeutendsten Schritt im Loslassen der Angst vor dem Unbekannten. Jungen Kunstschaffenden rät er zudem, sich von kreativen Erwartungen zu befreien. Mit Blick auf den Beginn seiner choreografischen Karriere im Jahr 2015 sagt er: “Nach meinem Studium wollte ich eigene Werke schaffen, dachte aber, ich sei nicht gut genug und hätte nichts Neues hervorzubringen. Dann wurde mir durch meine Arbeit klar, dass das Einzige, was ein Künstler tun sollte, darin besteht, hart zu arbeiten und persönlich zu sein.” Wer sich von der Last, etwas Neues sagen zu müssen, befreie, werde authentischer. “Je persönlicher die Arbeit, desto einzigartiger ist sie.”
Vertrauen in die Jugend
In die junge Generation, ihre Resilienz und Transformationskraft setze der griechische Choreograf große Hoffnung. “Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie mutiger ist als meine Generation: im Hinblick auf die Akzeptanz ihrer Körper, ihrer Sexualität und ihrer Identität.” Besonders bewundere er seine Nichte, die ihn bereits mit elf Jahren dazu inspiriert habe, seine eigene jugendliche Hoffnung wiederzubeleben. “Junge Menschen, die an Veränderung glauben, sind nicht naiv. Sie sind stark.”
(Von Selina Teichmann/APA)
(S E R V I C E – “My Fierce Ignorant Step” im Rahmen des ImPulsTanz Festivals im Volkstheater Wien. Konzept und Choreografie: Christos Papadopoulos. Mitarbeit und Performance: Themis Andreoulaki, Maria Bregianni, Amalia Kosma, Georgios Kotsifakis, Sotiria Koutsopetrou, Tasos Nikas, Spyros Ntogas, Ioanna Paraskevopoulou, Danae Pazirgiannidi und Adonis Vais. Originalmusik: Kornilios Selamsis. Termine am 9. und 11. Juli um 21 Uhr und am 10. Juli um 19 Uhr. )