ImPulsTanz: In “nocturne (Parade)” umtanzt der Tod das Leben

Anthropomorphe Plastikmarionetten treffen auf wesensverändernden Wind: Zwischen Tanz, Puppenspiel und zeitgenössischem Zirkus entfaltet Phia Ménards “nocturne (Parade)” auf der Burgtheater-Bühne eine nächtliche Traumlandschaft, die dem Publikum noch lange in Erinnerung bleiben wird. Gewürdigt wurde das emotionalisierende einstündige Spektakel, das im Rahmen von ImPulsTanz seine österreichische Erstaufführung feierte, am Samstagabend mit Standing Ovations. Ein wilder Ritt.
In ihrem 2025 uraufgeführten Werk “nocturne (Parade)” bietet die aus der Zirkuskunst kommende Ménard nicht nur Zugang zu ihrer eigenen Biografie und Gefühlswelt, sie ermöglicht dem Wiener Publikum zugleich einen Blick hinter die Kulissen des geschichtsträchtigen Theaters am Ring: An diesem Abend wird das Haus über den Bühneneingang betreten, denn für die Darbietung der französischen Künstlerin wurde der Zuschauerraum dorthin verlegt, wo sich üblicherweise nur die Schauspielenden aufhalten. Vorbei an Maskenzimmer und Duschen und von Ménard persönlich auf die Bühne geleitet, nimmt das Publikum auf einer kreisrunden Tribüne Platz. In ihrer Mitte befindet sich ein Holzpodest, umrahmt von zwölf schwarzen Ventilatoren. Eine anschwellende Klangkulisse aus Hufklappern lässt erahnen, was sogleich folgen wird, wenn der Saal in Finsternis versinkt: “Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?”
Zwischen Leben und Tod
Mit Goethes Ballade vom Erlkönig, in der ein Vater nachts mit seinem kranken Kind durch den Wald reitet, sind Verlust und Trauer tief in Ménards Stück eingeschrieben. Sie selbst begleitete ihren vom Algerienkrieg gezeichneten Vater bis zum letzten Atemzug, während “nocturne (Parade)” Form annahm. Entstanden ist eine Hommage an einen geliebten Menschen – stellvertretend für all jene Hinterbliebenen, die ihre Liebsten durch Kriege verloren haben.
Der Schatten des Todes scheint omnipräsent, selbst wenn der Wind der Ventilatoren hauchdünnen, transparenten Plastikhüllen auf magische Weise Leben einhaucht, sie im Bühnenraum auf und ab tanzen lässt. Zu Camille Saint-Saëns’ “Danse Macabre” entspinnt sich gleich zu Beginn ein zirkusartiger Pas de deux zwischen einer menschlich anmutenden Plastikkreatur und einem Reifen. Ein verzaubernder Anblick. So manche Gestalt, die in “nocturne (Parade)” durch das Burgtheater schwebt, mag an Wesen der Kindheit erinnern, die abends über dem Bett tanzten, ehe sich der Schleier der Träume über uns legte.
Bloß ist es ein Albtraum, den Ménard für ihr Publikum bereithält. Skelette werden in den Raum geblasen und verursachen Chaos, klammern sich an die Beine des Zirkusartisten, dessen schwebendes Kunstwerk in Abwesenheit des Winds schließlich in sich zusammenbricht. Zurück bleibt bloß ein Berg an Plastikmüll. Formlose, leblose Hüllen, die von Co-Performer Fabrice Ilia Leroy in den Untergrund der Holzbühne gekehrt werden. Begraben.
Dem Erdboden gleichgemacht
Der Albtraum hält an: Stroboskopeffekte, Nebel, ein Pferd und ein Junge nehmen auf dem Podest Gestalt an. Kindliches Kichern wird vom Gleichschritt einer Armee an marschierenden Soldaten übertönt. Ein Schuss – tot ist der Knabe. Ménard wiegt ihn zärtlich in ihren Armen, ehe auch er anteilnahmslos mit dem Schaft eines Gewehrs in sein Grab gekehrt wird.
Kriegerische Eskalation hat die Bühne vollends eingenommen. Tanzende Zirkusartisten sind längst überproportional großen Plastikmarionetten gewichen, die ihre vermeintliche Überlegenheit zelebrieren und, umgeben von brennenden Raketen, Plastikautos und Skeletten, Zerstörung verursachen. Beim orangenen Hautton des Unruhestifters hat sich Ménard wohl kaum im Farbtopf vergriffen.
Mut zur Umdichtung
Trauernd sinkt die Performerin zu Boden, alles scheint verloren, als plötzlich zwei flatternde, weiße Geflechte die Bühne beleben. Sie erinnern an wild wachsendes Gras im Frühling. Hoffnung auf frischen Wind, auf einen Neubeginn? Ihr Anblick ist ein Aufatmen nach den fürchterlichen Eindrücken des Kriegs, von denen wir nur zu gut wissen, dass sie längst nicht nur unsere Albträume beherrschen.
Aus seinem Grab erhebt sich nun auch das totgeglaubte Pferd, mit ihm ein Kind und sein Vater. Ménard, gezeichnet von den Verlusten der vergangenen Stunde, erhebt sich, ein Funkeln in den Augen, breitet die Arme aus und zieht die schwebende Puppe in eine innige Umarmung. Auf die Frage, ob die Geschichte vom Erlkönig womöglich ein anderes Ende nehmen könnte, hat Ménard eine klare Antwort. Höchste Zeit also, den Albtraum hinter uns zu lassen.
(Von Selina Teichmann/APA)
(S E R V I C E – “nocturne (Parade)” im Rahmen des ImPulsTanz-Festivals im Wiener Burgtheater. Konzept, Umsetzung und Bühnenbild: Phia Ménard. Performance: Phia Ménard in Abwechslung mit Cécile Briand und Fabrice Ilia Leroy. Produktion: Compagnie Non Nova – Phia Ménard. Hinweis: Diese Performance enthält Theaternebel, Stroboskop-Effekte sowie laute Musik. Weitere Termine am 26. und 27. Juli um 16 und 19.30 Uhr. )