ImPulsTanz: “My Fierce Ignorant Step” als kollektiver Körper

Sie hypnotisiert, fesselt, raubt jegliches Zeitgefühl: Mit “My Fierce Ignorant Step” hat Christos Papadopoulos eine Choreografie geschaffen, deren Kraft weit über die Bühne hinausstrahlt: Ein kollektiver Körper aus zehn Tanzenden verwandelt das Publikum durch mitreißende, nahezu synchrone Bewegungen. Im Vorfeld der Österreichpremiere im Rahmen des ImPulsTanz am Donnerstag (9. Juli) im Volkstheater war die APA bei einer Vorstellung im Pariser Théâtre de la Ville zu Gast.
Das Bühnendesign ist ganz in Schwarz gehalten, der Raum nur schwach beleuchtet, als zehn Tanzende in grauen, schwarzen und blauen Gewändern die Bühne betreten, sich mit eineinhalb Metern Abstand zueinander im Halbdunkel verteilen. Ihre Blicke starr ins Publikum gerichtet, beginnen die Performenden zu pulsieren – zartes Schulterkreisen, Nicken, winzige Schritte zur Seite. Synchron und doch merklich individuell. Alle Bewegungen sind exakt auf das aus der Soundanlage kommende Knacksen und Klopfen abgestimmt, als brächte das Ensemble die rhythmische Klangkulisse durch seine Schritte selbst hervor. Fesselnd – von Beginn weg.
Menschlich und mechanisch zugleich
Einer Dystopie gewordenen Welt will Papadopoulos ein Stück entgegensetzen, das Euphorie transportiert, jugendlichen Mut und Hoffnung zurückbringt. Denn Hoffnung sei der zündende Funke für Veränderung. Seine Vision manifestiert sich in einer kraftvollen Choreografie, der Dynamik eines nahezu uniformen Ensembles.
Ab und an scheint eine Person spontan aus der Reihe zu tanzen, der Fokus verschiebt sich von der Gruppe in Richtung Individuum. Überraschend heterogen. Das Kollektiv reagiert, gliedert den Abtrünnigen in Sekundenschnelle wieder ein. Faszinierend homogen. Fast ununterbrochen scheinen sich die Ensemblemitglieder ihres räumlichen Umfelds bewusst zu sein und auf kleinste Variationen zu reagieren.
Im Gegensatz zu einer perfektionierten Ballettinszenierung, wirkt die Synchronität fast unbeabsichtigt: durch äußere Reize bestimmt, die alle Performenden beeinflussen und sich dennoch der Wahrnehmung des Publikums entziehen. Mit einem Sprung, einer Körperwelle, zwei flotten Schritten rückwärts weichen sie unsichtbaren Hindernissen aus – scheinbar automatisch.
Durch seine Abstraktheit lässt Papadopoulos’ Werk weltliche Probleme für eine Stunde in den Hintergrund rücken. Die Gegenüberstellung von höchst kontrolliertem Pulsieren und seidig weichen Armbewegungen verleiht der Choreografie eine einzigartige Note. Sie vermittelt Dringlichkeit, packt aufgrund ihrer Intensität, die zusätzlich durch vereinzelte Stroboskopeffekte verstärkt wird. Gelegentlich wandert das Licht vom kollektiven Körper in Richtung Publikum. Eine Einladung zur Partizipation?
Einstündiges Crescendo, unerwarteter Höhepunkt
Drehungen und Sprünge sowie sukzessive hinzukommende Klänge und Melodieansätze steigern zunehmend die Dynamik. Regelmäßige Atmung des Ensembles, die sich nach und nach zu Rufen entwickelt, rhythmisiert zusätzlich. Inspiriert vom griechischen Komponisten Manos Hadjidakis und von Mikis Theodorakis’ Oratorium “Axion Esti” (“Gepriesen sei”) zur gleichnamigen Dichtung von Odysseas Elytis entsteht eine bewegende Klangkulisse – sowohl für das Publikum als auch für die Performenden. Sie verringern zeitweise die Abstände zwischen einander, ehe die performative Wolke wieder in Fragmente zerfällt.
Hat man das Prinzip der Choreografie durchschaut, entwickelt diese unter Umständen trotz dauerhaften Spannungsaufbaus Längen. Dennoch zieht einen die Vorstellung so in ihren Rhythmus, dass das Ende plötzlich wirkt. Die Frage, ob Papadopoulos die angestrebten Emotionen der Euphorie und jugendlichen Hoffnung hervorrufen kann, muss jeder und jede selbst beurteilen.
Zweifelsohne präsentiert Papadopoulos eine Performance, die verwandelt, die eint – nicht zuletzt zeigte sich das beim Pariser Publikum im Théâtre de la Ville. Applaudierend bedankte sich dieses für einen gelungenen Abend, während sich der strukturlose Beifall nach und nach zu einem rhythmischen, einheitlichen Klatschen entwickelte. Im Gleichklang – angesteckt von der Synchronität des Ensembles – wurden die Zusehenden unwillkürlich Teil des Kollektivs.
Beeindruckend und beunruhigend zugleich, wie wirkmächtig eine bloß einstündige Aufführung das Verhalten eines tausend Menschen umfassenden Saals formt. Mitunter die wichtigste Botschaft des Abends. Ob sich das Wiener Publikum im selben Ausmaß transformieren lässt, wird sich bei der Premiere im Volkstheater zeigen.
(Von Selina Teichmann/APA)
(S E R V I C E – “My Fierce Ignorant Step” im Rahmen des ImPulsTanz Festivals im Volkstheater Wien. Konzept und Choreografie: Christos Papadopoulos. Mitarbeit und Performance: Themis Andreoulaki, Maria Bregianni, Amalia Kosma, Georgios Kotsifakis, Sotiria Koutsopetrou, Tasos Nikas, Spyros Ntogas, Ioanna Paraskevopoulou, Danae Pazirgiannidi und Adonis Vais. Originalmusik: Kornilios Selamsis. Termine am 9., 11. und 12. Juli um 21 Uhr. )