Intensives “Die Waffen nieder!” im Schauspielhaus Graz

26.09.2026 • 12:37 Uhr

“Die Waffen nieder!” – die 1889 in Romanform geschriebene Forderung von Bertha von Suttner – wird in einer Fassung von Regisseurin Sandra Strunz und Chefdramaturgin Anna-Sophia Güther auf die Bühne des Schauspielhauses Graz gebracht. Die Texte der österreichischen Erstaufführung – Premiere war am Freitag – sind der Aufzählung und Beschreibung der Kriege Österreich-Ungarns im 19. Jahrhundert entkleidet, aber nichtsdestoweniger mitnehmend, im Sinne des Wortes.

Suttners Aufruf wurde schon vier Jahre nach dem Erscheinen in Deutschland dramatisiert. Bühnenfassungen gab es selten, umso wichtiger ist es in Zeiten gefühlt zunehmender Radikalisierung und der gleichgültigen Akzeptanz von Krieg als Lösungsansatz. Und wie ist der Frieden machbar, der ewige Menschheitstraum, der meisten Menschen gewisslich, ohne sich gleich im unbewaffneten Vertrauen auf die Unberechenbarkeit weniger träumender Bewaffneter auf das Ungewisse einzulassen?

Kriegshandwerk als Familientradition

So funktioniert es jedenfalls nicht, wie Suttners Protagonistin Martha (Marielle Layher) es erlebt: Kriegshandwerk als Familientradition. Das muss durchbrochen werden, dämmert es der geistig wachen Martha. Ihre traditionellere Schwester Marie (Annette Holzmann) bleibt lange unter dem Einfluss des Vaters, des hohen Offiziers Graf Althaus (Anna Rausch), bis auch sie die letzte Konsequenz ihres Nichtdenkens spürt. Die Kriege der Donaumonarchie töten Marthas Männer und einen großen Teil ihrer Familie. Ihr Widerstand, anfangs verhalten und immer wieder zurückschreckend, wird entschlossener und ausformulierter, je öfter das Grauen und der Tod nach ihrem Umfeld greifen. Die Schilderungen Suttners sind hochaktuell, leider, und ebenso leider auf jeden bewaffneten Konflikt anwendbar.

Marielle Layhers Martha ist eindrücklich laut, leise, präsent. Marthas zweiter Mann, der nachdenkliche Offizier Friedrich Tilling (Mario Lopatta), stellt den Zweifler einfühlsam auf die Bühne, in deren Mitte ein Gebilde aus Stangen und Brettern die mit rotem Wasser gefüllten kleinen Gräben überbrückt. Der eigentlich für die Musik verantwortlich zeichnende Rainer Süßmilch sprang bei der Premiere ebenso kurzfristig und überzeugend für Željko Marović in der Dreifachrolle des ersten Ehemanns von Martha, des Offiziers Graf Arno Dotzky, ein, und agiert auch als ihre Freundin Lori und als Minister. Graf Althaus (Anna Rausch), der Vater von Martha und Marie (Annette Holzmann, auch Arzt an der Front) und Marie (Holzmann) gestatten dem Publikum gelegentlich dringend notwendige komödiantische Momente. Marthas Sohn Rudi (Luisa Schwab, auch der Hausarzt Dr. Bresser) schwenkt in seiner Entwicklung schmerz- wie glaubhaft auf die Linie der Mutter ein. Cousin Konrad (Dominik Puhl) entkommt dem Schlachten, aber offenbar zum Preis des Wahnsinns.

Wuchtiger Musik-, intensiver Körpereinsatz

Chefdramaturgin Güther zitierte im Vorfeld der Aufführung Marlene Streeruwitz, die gemeint habe, Suttner lasse Martha über die Männer erzählen. Das habe man nicht so reproduzieren wollen, so Güther – Schwab, Rausch und Holzmann rechtfertigen diese Entscheidung durch ihr differenziertes Spiel. Die Musik setzt auf zarte Klavierklänge, oft grob unterbrochen, und wuchtige Blechblasinstrumente. Das Ensemble entlockt letzteren fröhliche Volks- und Marschmusik, aber auch das tosende Dröhnen des Schlachtfeldes – Anspielung auf den heute inflationär gebrauchten Begriff “Dual Use”, sowohl für zivile als auch militärische Zwecke einsetzbare Güter?

Die Inszenierung setzt vor allem auf den Körper- und Stimmeinsatz des Ensembles – im Grunde genügt dies völlig, um die Absurditäten des Kriegs und die abstrusen Rechtfertigungen von Konflikten zu schildern. Gegen Ende wird es vielleicht zu plakativ, wenn das Ensemble in den kleinen Becken mit roter Farbe badet, watet, sich wälzt, noch dazu mit weißen Kostümen. Einige Zuschauer nahm die Aufführung sichtlich mit – “Erschütternd”, so ein Kommentar nach dem Schlussapplaus, der teils in stehenden Ovationen gegeben wurde. Heftiger konnte er wohl angesichts des Themas nicht ausfallen.

(Von Peter Kolb/APA)

(S E R V I C E – “Die Waffen nieder!” nach Bertha von Suttner, Schauspielhaus Graz, Vorstellungen am 29. und 30.9., 8., 10., 11. 20. und 30.10, 4., 5., 19.11 und 22.12. jeweils 19.30 Uhr. Tickets unter )