Muss die Kunst im Magazin 4 der Verwaltung weichen?

Seit Wochen kursieren in der Bregenzer Kulturszene Gerüchte über das Ende des Ausstellungsraums. Laut Recherchen der NEUE sieht die künstlerische Zukunft düster aus.
Wie kaum andere Kommune im Land rühmt sich die Stadt Bregenz für ihr kulturelles Engagement. Doch bereits seit Wochen macht unter Künstlern der Landeshauptstadt das Gerücht die Runde, dass der Ausstellungsraum im Magazin 4 vor dem Aus stehen könnte. Die NEUE hat sich in der Stadtpolitik und Kulturszene umgehört.

Stimmen aus der Politik
Kulturstadtrat Reinhold Einwallner (SPÖ) bestätigt auf Anfrage, dass es Überlegungen gibt, die städtische Sicherheitswache beziehungsweise Stadtpolizei in den Rathausbezirk zu verlegen. Dies hätte weitere Umstrukturierungen zur Folge. Konkret komme es dann, so Einwallner, “zu einer anderen Raumnutzung im 2. Stock des Magazin 4, weil der Raum für andere Verwaltungsbereiche benötigt wird”.

Laut Stadtrat werden die “endgültigen Entscheidungen” diesen Herbst getroffen. Falls diese zu Ungunsten des Ausstellungsraums ausfällt, würde die Stadt nach einer “alternativen Lösung suchen, um auch zukünftig ein hochwertiges Programm anbieten zu können.”

Stadträtin Sandra Schoch (Grüne) kritisiert: “Die SPÖ/ÖVP-Stadtregierung muss endlich umfassend über ihr Sparpaket informieren, statt Informationen scheibchenweise durchsickern zu lassen. Gerade für Kunstschaffende, die Monate im Voraus planen und bereits Projekte zur Förderung eingereicht haben, schafft dieses Vorgehen massive Unsicherheit.”

Nach dem Kino der nächste Verlust?
So auch bei der Galeristin Lisi Hämmerle. Ihr Ausstellungsraum befindet sich ebenfalls im Besitz der Stadt und ist nur wenige Meter vom Magazin 4 entfernt. Hämmerle und das Magazin 4 wurden im Juli bei der Eröffnung der städtischen Sommerausstellung als zentrale kulturelle Impulsgeber der vergangenen Jahrzehnte würdigend erwähnt. Sie schätzt die Nachbarschaft zum Ausstellungsraum und befürchtet, dass es im Falle einer Schließung “in der Bregenzer Kulturlandschaft wieder etwas kälter wird”. Die Galeristin verweist auf Dornbirn, wo mit der CampusVäre “vielseitige Möglichkeiten für junge Künstler und Künstlerinnen” geboten werden. Konkret hebt sie die günstigen Atelier- und Lagermöglichkeiten hervor und kritisiert den Umstand, das es in der Landeshauptstadt nicht einmal mehr ein Kino gibt.

“Stellt ganze Existenzen in Frage”
Das Ensemble für unpopuläre Freizeitgestaltung (Unpop) bespielt seit der Pandemie verstärkt den öffentlichen Raum, zuletzt den Kornmarktplatz. Ohne feste Spielstätte sind sie im besonderen Ausmaß von räumlichen Kooperationen abhängig. Noch im April konnte die kleine Theaterkompanie das Stück “Alte Meister” von Thomas Bernhard im Magazin 4 aufführen. Caroline Stark (künstlerische Leitung und Bühnenbild) bezeichnet es als „etwas ganz Besonderes für uns“, dass Unpop den Raum bespielen konnte. Schließlich sei das Magazin 4 “ein wunderschöner geschichtsträchtiger Kunstraum”. Viele Ausstellungen hätten sie schon in ihrer Jugend geprägt und ihre Berufsentscheidung nachhaltig beeinflusst. “Es ist nicht zu verstehen, warum ein seit 30 Jahren der Kunst gewidmeter Raum nun innerhalb der Stadtverwaltung aus Einsparungsgründen einfach gecancelt wird. Die Degradierung der Kunst an sich und der freien Szene im Besonderen ist verheerend und stellt ganze Existenzen in Frage”, kritisiert die Bühnenbilderin. Sie wollte den Ausstellungsraum im kommenden Jahr erneut für ein Unpop-Stück gewinnen. Offenkundig rechnet die Theatermacherin nicht mit einem Fortbestand der Institution. Weiters fordert sie: “Wenn das Magazin 4 die Pforten für die Kunst dichtmacht, müssen andere vermeintlich institutionelle besetzte Räume für die Szene als Produktionsstätten geöffnet werden, das ist unabdingbar und nur fair, sonst bedeutete das der Tod der Vielfalt.”

“Einzigartiger Kultur- und Begegnungsort”
Künstlerin Selina Reiterer rückt die Bedeutung des Hauses ins Zentrum. Das Magazin4 sei ein einzigartiger Kultur- und Begegnungsort im Herzen Bregenz. Mit seinen hohen wie hellen Räumen biete der 1927/28 errichtete Sichtbetonbau “ideale Bedingungen für Ausstellungen und Veranstaltungen.” Gerade deshalb dürfe das “architektonische und kulturelle Juwel” nicht zu einem der Öffentlichkeit unzugänglichen Bürogebäude verkommen, mahnt Reiterer.

Geschichte lässt sich nicht übersiedeln
Tim Hartmann vom Duo “ebony tylah” warnt davor, das Thema nur als Frage einer weiteren Örtlichkeit zu behandeln. Ein Raum sei zunächst einmal nur ein Raum, so der Künstler, doch erst, wenn ein Ort verschwindet, merke man, dass er nie bloß aus Wänden, Böden und Fenstern bestanden habe. Vielmehr seien sie Träger einer Geschichte, die sich nicht einfach übersiedeln lässt. Das Magazin 4 schätzt er als einen Ort für Dinge, bei denen man noch nicht wusste, was sie werden. “Kunst braucht Räume, in denen etwas passieren darf, bevor klar ist, ob es funktioniert”, so der Modeschöpfer. Diese Örtlichkeiten dürfen seiner Ansicht nach “nicht ausschließlich nach ihrer Auslastung, ihrem Nutzen oder ihrer Verwertbarkeit beurteilt werden”. Hartmann ist sich bewusst, dass Bregenz durch die mögliche Änderung vielleicht “ein bisschen übersichtlicher und effizienter” wird, betont aber, dass die Stadt damit “gleichzeitig auch ein bisschen ärmer” wird.