„Atempause für Körper und Seele“: Kirchen als Rückzugsorte in der Hitze

Bekommen Kirchen an heißen Sommertagen eine neue Bedeutung als kühle Rückzugsorte? Worauf Besucher achten sollten und warum sich das Vorbeikommen sonst noch lohnt, erklären drei Vorarlberger Pfarrer.
Werden Kirchen zu Abkühlungsoasen?
Paul Burtscher, Pfarrer von Bildstein: Die Basilika Maria Bildstein wird kaum aufgesucht nur wegen der Abkühlung. Aber wer sie betritt, erlebt die angenehme Kühle, was auch zur Beruhigung und zum Innehalten beiträgt.
Dominik Toplek, Pfarrer in Dornbirn: Eine Kirche bietet nicht nur angenehme Kühle an heißen Tagen, sondern auch etwas, das in unserer Zeit fast noch kostbarer geworden ist: Ruhe. Draußen herrschen oft Lärm, Hektik und ständige Bewegung. In einer Kirche darf man einfach sein. Wir Menschen sind nicht nur zum Tun, sondern auch zum Sein geschaffen. Gerade der Sommer lädt dazu ein, innezuhalten, zu schauen und zu staunen.

„Eine Kirche bietet nicht nur angenehme Kühle an heißen Tagen, sondern auch etwas, das in unserer Zeit fast noch kostbarer geworden ist: Ruhe.“
Dominik Toplek, Pfarrer in Dornbirn
Was gibt es dabei zu beachten, welche ungeschriebenen Regeln gelten in Kirchen und sind sie überhaupt noch bekannt?
Ralf Stoffers, Pfarrer der evangelischen Pfarrgemeinde A.u.H.B.: Evangelische Kirchenräume an sich sind keine „heiligen“ Räume. Als Empfehlung gilt: Man sollte sich in ihnen so benehmen, dass man einerseits andere Personen beziehungsweise deren Ruhebedürfnis nicht stört. Andererseits so, wie man sich wünscht, dass andere Menschen sich benehmen, damit man sich selbst auch wohl fühlt.
Burtscher: Kirchen sind sakrale Gebäude und „Orte des Gebetes“. Wer ein religiöses Empfinden hat, spürt das und verhält sich dementsprechend. Leider müssen wir aber feststellen, dass nicht wenige Menschen der heutigen Zeit jedes Gespür für Pietät vermissen lassen. Hier gibt es eine Bandbreite zwischen Herumspazieren wie in einem Ausstellungsraum und Vandalismus und Diebstahl. Trotzdem sind wir als Kirche bemüht, die Gotteshäuser für alle zugänglich zu bewahren.
Toplek: Ich glaube nicht, dass wir zuerst Regeln vermitteln sollten. Viel wichtiger ist eine Haltung des Willkommens. Viele Menschen kennen kirchliche Gepflogenheiten heute nicht mehr oder kommen aus anderen Kulturen. Dann ist Freundlichkeit hilfreicher als Belehrung. Wer sich willkommen fühlt, verhält sich meist auch respektvoll.

„Jede Kirche hat meiner Meinung nach etwas Besonderes, das zu entdecken sich lohnt.“
Ralf Stoffes, Pfarrer der evangelischen Pfarrgemeinde A.u.H.B.
Was wünschen Sie sich von Kirchenbesuchern?
Stoffers: Ich habe keine Wünsche an Besucherinnen und Besucher unserer Kirche, höchstens Wünsche für sie. Nämlich, dass ihnen eine kleine Atempause für Körper und Seele inmitten des oftmals hektischen Alltags geschenkt sein möge.
Toplek: Dass sie sich Zeit nehmen. Nicht nur für ein schnelles Foto oder einen kurzen Blick, sondern vielleicht für fünf Minuten Stille. Einfach hinsetzen, durchatmen und den Raum auf sich wirken lassen. Unsere Kirchen erzählen Geschichten von Menschen, die hier über Jahrhunderte gebetet, gehofft, getrauert und gedankt haben.

„Wer die Kirche betritt, erlebt die angenehme Kühle, was auch zur Beruhigung und zum Innehalten beiträgt.“
Paul Burtscher, Pfarrer in Bildstein und Schwarzach
Was macht Kirchen Ihrer Meinung nach zum gefragten Tourismusmagnet?
Burtscher: Kirchen sind geschichtsträchtige Gebäude und Zeichen einer langen Glaubenstradition. Deshalb sind sie oft auch kunsthistorisch und geschichtlich sehr interessant. Kirchenführungen geben darüber Auskunft. Weiters lassen Kirchen zur Ruhe kommen und lenken auf das Wesentliche hin. Sie vermitteln einen gewissen „inneren Frieden“, wenn wir von Unruhe und Sorgen getrieben sind.
Toplek: Vielleicht liegt das daran, dass Kirchen über Jahrhunderte für das Wesentliche gebaut wurden: für Hoffnung, Gemeinschaft und die Frage nach dem Sinn des Lebens und Gott natürlich. Gerade in einer Zeit, in der vieles immer schneller wird, gewinnen solche Orte wieder an Bedeutung. Sie laden dazu ein, nicht ständig etwas leisten zu müssen, sondern einfach für einen Moment anzukommen. Genau darin liegt ihre besondere Anziehungskraft – für Einheimische ebenso wie für Gäste.
Stoffers: Jede Kirche hat meiner Meinung nach etwas Besonderes, das zu entdecken sich lohnt. In Bregenz laden die römisch-katholische und die evangelische Kirche ja genau deshalb seit einigen Jahren zur ökumenischen Sommerkirche ein. An jedem Sonntag in den Sommerferien gibt es eine kurze Führung/ein kurzes Innehalten in einer anderen Kirche. Am kommenden Sonntag ist unsere Kreuzkirche am Ölrain Gastgeberin.
