Kultur

Die Frau, die Bregenz moderne Kunst zumutete

17.07.2026 • 19:16 Uhr
Sommerausstellung der Landeshauptstadt Bregenz: Die Galeristin Ursula Krinzinger und Bregenz
Die Galeristin Krinzinger und der Künstler Gottfried Bechtold. Sein erster Beton-Porsche wurde ihr erster Skandal. Steurer

Was 1971 in der Bregenz irritierte, wurde später international gefeiert. Eine Schau zeigt Krinzingers Weg von der lokalen Ablehnung zur globalen Kunstvermittlung.

„Ihr habt eine Gestörte.“ So, erinnert sich die 1940 geborene Ursula Krinzinger, hätten sich Bekannte bei ihren Eltern echauffiert, als sie 1971 in der Deuringstraße ihre erste Galerie etablierte. Zur Eröffnung sei „ganz Bregenz“ gekommen, „aber dann war Ende“. Jedenfalls für die Landeshauptstadt.

55 Jahre Galerie Krinzinger Rückblicke
Krinzinger

An den Pulsadern des Kunstbetriebs

Für Krinzinger hingegen begann damals eine Laufbahn, die sie über Innsbruck nach Wien und von dort an die Pulsadern des internationalen Kunstbetriebs führte. Heute zählt die Galeristin zu den bedeutendsten Vermittlerinnen zeitgenössischer Kunst. Nicht wegen ihrer langen Karriere, sondern weil sie Positionen vertrat, als diese für viele noch Provokation waren. Bereits 1975 arbeitete Krinzinger mit Marina Abramović, auch Günter Brus, Hermann Nitsch und Valie Export gehören seit Jahrzehnten zu den Konstanten ihres Programms.

Sommerausstellung der Landeshauptstadt Bregenz: Die Galeristin Ursula Krinzinger und Bregenz
Steurer

Nun kehrt sie 55 Jahre später an ihren Ausgangspunkt zurück. Der Kulturservice der Landeshauptstadt widmet ihr mit „Die Galeristin Ursula Krinzinger und Bregenz“ die heurige Sommerausstellung im Künstlerhaus Palais Thurn und Taxis. Eröffnet wird sie am Sonntag, 19. Juli, um 11.30 Uhr, zu sehen ist sie bis 30. August.

Sommerausstellung der Landeshauptstadt Bregenz: Die Galeristin Ursula Krinzinger und Bregenz
Steurer

Der erste Skandal

Legendär wurde der Beton-Porsche von Gottfried Bechtold. Krinzinger entwickelte das Projekt mit dem Künstler, half gemeinsam mit ihrem Mann beim Abguss, organisierte den Kran und reservierte den Parkplatz. Dann stand das in Beton gegossene Auto mitten in Bregenz. „Der Beton-Porsche war der erste Skandal“, erinnert sie sich.

55 Jahre Galerie Krinzinger Rückblicke
Krinzinger

Heute klingt der Vorwurf absurd: Man dürfe kein Nicht-Automobil auf einem Parkplatz abstellen. Damals wurde die Arbeit angezeigt. Bechtold beschreibt es rückblickend als Versuch, „die Skulptur in eine neue Zeit hinüberzuretten“. Während damals noch die anthropomorphe Figur dominierte, sei ein industrielles Artefakt als bildhauerisches Thema kaum denkbar gewesen. Heute gilt der Beton-Porsche als Meilenstein der österreichischen Konzeptkunst und wird speziell von spielenden Kindern geschätzt.

55 Jahre Galerie Krinzinger Rückblicke
Bechtold in jungen Jahren. Krinzinger

Überhaupt sei das Klima schwierig gewesen. „Im Land gabes keine Vorbereitung in Richtung Zeitgenossen“, schildert Krinzinger. Auch Ausstellungen mit Miró, Kokoschka oder Hundertwasser seien wenig beachtet worden. „Es war sehr, sehr schwierig.“ Verbittert klingt sie dennoch nicht. „Ablehnung macht immer Lärm. Ablehnung lehrt einen etwas.“

55 Jahre Galerie Krinzinger Rückblicke
Krinzinger

Haltung präsentieren

Diese Beharrlichkeit bildet den Ausgangspunkt der Ausstellung. Kulturservice-Leiterin Judith Reichart und Kurator Gerald Matt verzichten bewusst auf eine chronologische Galeriegeschichte.

Sommerausstellung der Landeshauptstadt Bregenz: Die Galeristin Ursula Krinzinger und Bregenz
Kulturamtsleiterin Reichart (r.) fühlt sich wie „an Weihnachten“. Steurer

„Die Idee war, nicht nur Werke zu zeigen, sondern die Haltung von Ursula Krinzinger zu präsentieren“, erklärt Reichart. Matt bezeichnet Krinzinger als „die Galeristin“ schlechthin. Sie stehe „wie kaum eine andere Persönlichkeit“ für Leidenschaft, Vertrauen in Künstlerinnen und Künstler und den Mut, neue Positionen gegen Widerstände zu vertreten. Allein 1971 in Bregenz eine Galerie für Gegenwartskunst zu eröffnen, sei „vielleicht sogar eine geistige Verwirrung“ gewesen.

Sommerausstellung der Landeshauptstadt Bregenz: Die Galeristin Ursula Krinzinger und Bregenz
Thomas Krinzinger, Sohn und Galerie-Nachfolger seiner Mutter und Kurator Thomas Matt. Steurer

Statt einer Retrospektive entwickelte das Kuratorenduo ein Beziehungsgeflecht. Werke treten miteinander in Dialog: Gottfried Bechtold mit Chris Burden, Maria Lassnig mit Marina Abramović, Gina Pane mit Valie Export, Peter Kogler mit Paul McCarthy.

Sommerausstellung der Landeshauptstadt Bregenz: Die Galeristin Ursula Krinzinger und Bregenz
steurer

Ergänzt wird die Schau durch Arbeiten von Hermann Nitsch, Arnulf Rainer, Bruno Gironcoli, Eva Schlegel, Monica Bonvicini, Jonathan Meese, Toni Schmale, Erwin Wurm und weiteren Künstlerinnen und Künstlern sowie historische Fotografien, Plakate und Archivalien.

Sommerausstellung der Landeshauptstadt Bregenz: Die Galeristin Ursula Krinzinger und Bregenz
steurer

Für Kulturstadtrat Reinhold Einwallner setzte Krinzinger in Bregenz „die allerersten Impulse“ für jene internationale Gegenwartskunst, die heute selbstverständlich erscheint. Dass die Stadt mittlerweile mit dem Kunsthaus, dem Magazin 4, der Galerie Lisi Hämmerle und zahlreichen anderen Ausstellungsstätten zu den wichtigsten Kunststandorten Österreichs zählt, betrachtet die Galeristin mit Genugtuung.

Sommerausstellung der Landeshauptstadt Bregenz: Die Galeristin Ursula Krinzinger und Bregenz
steurer

„Es hat 20 Jahre gebraucht“, beschreibt sie rückblickend. Vielleicht habe gerade die Ablehnung der Anfangsjahre den Boden für das bereitet, was heute selbstverständlich geworden ist.