Jubel für Wien-Premiere von Jelineks “Unter Tieren”

05.09.2026 • 10:26 Uhr
Jubel für Wien-Premiere von Jelineks "Unter Tieren"

Es war gewissermaßen eine Rückkehr: Nach der Anfang Mai erfolgten “Urlesung” von Elfriede Jelineks neuem Stück “Unter Tieren”, das im August bei den koproduzierenden Salzburger Festspielen seine offizielle Uraufführung feierte, ist Nicolas Stemanns “Textumsetzungsmaschine” am Freitag unter großem Jubel im Burgtheater-Spielplan gelandet. Das Publikum zeigte im Laufe der dreidreiviertelstündigen Aufführung, die zu selbst gewählten Pausen einlädt, erstaunliches Sitzfleisch.

Wer schon im Mai, als die “Urlesung” im Burgtheater noch um 45 Minuten länger dauerte, dabei gewesen war, kam in der sowohl erweiterten wie auch verdichteten Endfassung voll auf seine Kosten. Wer Stemanns Werk jedoch bereits auf der Pernerinsel in Hallein gesehen hatte und auf Wiener Anpassungen wartete, wurde enttäuscht. Zwar wurde “Hase” Sebastian Rudolph im Burgtheater von “Frank, dem Wirtschaftsprüfer der Salzburger Festspiele” zum “Wirtschaftsprüfer des Burgtheaters”, bevor er anhand von Brot und Ballons höchst unterhaltsam – und erschreckend – die Grundprinzipien des Kapitalismus erklärte, ansonsten ließen sich jedoch kaum Änderungen feststellen.

Auch in Wien sammelt man Geld für Wolfgang Porsche

Selbst jene höchst lokal gefärbte Szene blieb erhalten, in der bei den Festspielen im Publikum von den Stockenten für Wolfgang Porsche gesammelt wurde, um dem steinreichen Industriellen zu beweisen, dass Österreich keineswegs reichenfeindlich sei und er die ehemalige Stefan-Zweig-Villa, die er nach Durchboxen einer eigenen Tunnel-Zufahrt nun doch abstoßen möchte, bitte der Stadt oder der Uni für ein Zweig-Museum schenken möge. Nach einer kurzen Erklärung Stemanns, der gewohnt dynamisch als Conférencier durch den Abend führte, zeigte sich das Wiener Publikum höchst spendenfreudig. Hier hätte man sich durchaus erwartet, eine auf das Wiener Publikum zugeschnittene Kollekte vorzufinden.

Auch sonst blieb der Abend, der das Publikum großflächig für die ersten beiden Stunden auf den Sitzen hielt, bevor erste Abwanderungen ins Pausenfoyer zu bemerken waren, frei von Überraschungen. Wie auch in Salzburg geriet die Vorgabe, bis 22 Uhr fertig gespielt zu haben, bestehen, was bei genau derselben Stelle – der vom Publikum lautstark mit Unmutsbekundungen begleiteten Streichung der Szene mit dem Esel – zu einem Überspringen einiger jener 110 Seiten führte, die auf einem Flipchart heruntergezählt wurden. Selbst die fingierte Live-Schaltung zum umstrittenen Tech-Milliardär Peter Thiel, der bekanntlich von den Wiener Festwochen zunächst ein- und dann wieder ausgeladen worden war, wurde als große Überraschung inszeniert.

Finanzwelt-Zynismus und Tierleid-Empathie

Und so wurde dem Wiener Publikum ein Abend geboten, der nicht nur zynische Erklärungsversuche der Finanzwelt brachte und als Fortsetzung des 2009 uraufgeführten Jelinek-Stücks “Die Kontrakte des Kaufmanns. Eine Wirtschaftskomödie” gelesen werden kann, sondern auch tiefe emotionale Einblicke in die Innenwelt von Tieren mit sich bringt. Besonders beklemmend bleibt jene Szene, in der es nicht nur den zahlreichen Stoff-Schweinen an den Kragen geht, sondern auch ihren in Fleisch-Suits gezwängten menschlichen Interpreten. Auch Caroline Peters’ Klage einer Kuh, nur als Milch- und Fleischproduzentin angesehen zu werden, lässt den eigenen Konsum tierischer “Produkte” in düsterem Licht erscheinen.

Nicht fehlen durften natürlich Kalauer wie “Tod und Geld sind Geschwister und sie haben Arschgesichter” oder das gemeinsam mit dem Publikum gesungene “Wir sind zu alt / oh je oh je”, wenn es um die Gewährung von Krediten geht. Apropos Musik: War auf der Pernerinsel noch die Musikkapelle Oberalm durch den Saal gezogen, war es diesmal wieder – wie bereits im Mai – die Blasmusik Perchtoldsdorf, die auch im Pausenfoyer vorbeischaute, wo vereinzelte Theaterbesucher bei Bier und (erstaunlicherweise nicht veganen) Würsteln ihre selbst gewählte Pause verbrachten und es bald aufgaben, dem via Bildschirm gestreamten Geschehen auf der Bühne zu folgen, das aufgrund des Lärmpegels kaum zu verstehen war.

Keine Pause für das mit vollem Einsatz spielende Ensemble

Keine Pause vergönnt war allerdings Caroline Peters, Sebastian Rudolph, Mavie Hörbiger, Branko Samarovski, Thiemo Strutzenberger, Azaria Dowuona-Hammond und Inge Maux (die auch diesmal ihr Hündchen mit auf die Bühne brachte): Mit vollem Körper- und Tierkostüm-Einsatz lieferten sie eine mitreißende Performance, die über die fast vier Stunden hinweg den Spannungsbogen halten konnte. Und so war es auch nicht verwunderlich, dass das Publikum stets wieder in den Saal zurückkehrte und die Fluktuation erstaunlich gering blieb.

Vor fast vollem Auditorium holte sich das Ensemble kurz vor 22 Uhr herzlichen Applaus, Bravo-Rufe und Jubelbekundungen ab. Der Applaus für Elfriede Jelinek, die kürzlich auf ihrer Website mit “In einem ausgelobten Land” einen Text über den Konflikt um die Palästinenser veröffentlichte und Kritik an der österreichischen Israel-Politik übte, kanalisierte sich, als Stemann die Buchausgabe von “Unter Tieren” in die Luft streckte. Ein rundum gelungener Saisonauftakt für das Burgtheater, bevor am Samstagabend das Akademietheater mit Antú Romero Nunes’ Inszenierung von Tankred Dorsts “Merlin oder Das wüste Land” in die Spielzeit startet.

(Von Sonja Harter/APA)

(S E R V I C E – “Unter Tieren” von Elfriede Jelinek, Regie: Nicolas Stemann, Bühne: Katrin Nottrodt, Kostüme: Marysol del Castillo, Musik: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel. Mit Mavie Hörbiger, Caroline Peters, Sebastian Rudolph, Branko Samarovski, Thiemo Strutzenberger, Azaria Dowuona-Hammond, Inge Maux. Koproduktion mit den Salzburger Festspielen. Weitere Termine am Burgtheater: 9., 14., 21. und 29. September sowie am 17., 23. und 31. Oktober, jeweils um 18 Uhr. ; Buchausgabe bei Rowohlt: 220 Seiten, 24,70 Euro, ISBN: 978-3-498-00967-0)