Jüdischer Stadttempel feierte Wiedereröffnung

16.09.2026 • 18:01 Uhr

Die Wiedereröffnung des jüdischen Stadttempels in Wien nach dessen Sanierung ist mit einem Festakt gefeiert worden. Für die Gemeinde steht das Gebäude bereits seit vergangener Woche offen. Bei der Feier am Mittwoch zugegen waren unter anderem Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP). Auch Vertreter anderer Religionsgemeinschaften nahmen teil. Die größte Synagoge Österreichs feiert in diesem Jahr zugleich ihr 200-Jahr-Jubiläum.

“Dieses Haus ist schöner als je zuvor. Es ist die schönste Synagoge der Welt. Dass ich nicht alle gesehen habe, ist heute nebensächlich”, würdigte der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien, Oskar Deutsch, die fertig gestellten Arbeiten am Haus. Die Baukosten von 10,5 Mio. Euro wurden zu zwei Dritteln von der öffentlichen Hand finanziert, der Rest stammte aus Spenden. “Das Judentum gehört zu Österreich, wie die Milch in die Melange”, merkte Deutsch an.

Der IKG-Präsident kam aber erwartungsgemäß nicht daran vorbei, an die Novemberpogrome zu erinnern, die der Stadttempel nur aufgrund von Auflagen beim Bau vor 200 Jahren überstanden: Die Synagoge musste aussehen, “wie ein gewöhnliches Zinshaus”. Und auch heute habe man mit wachsendem Antisemitismus zu kämpfen. “Der Hass verschwindet nicht. Er wechselt die Worte, die Chiffren”, betonte Deutsch. “Und anstelle von ‘der Jude’ wird heute oft Israel verunglimpft.” Und auch Oberrabbiner Jaron Engelmayer ging in seiner kurzen Rede auf die erneuten antisemitischen “Auswüchse” ein.

Große politische Beteiligung

“Erneuerung bedeutet nicht, die Vergangenheit zu vergessen oder hinter sich zu lassen. Sie bedeutet, aus ihr Zukunft entstehen zu lassen”, sagte Bundeskanzler Stocker. Auch er erinnerte an die “dunkelsten Kapitel unserer Geschichte”, die ihre Spuren hinterlassen haben. Aufgabe sei es nun, dafür zu sorgen, “dass Jüdinnen und Juden in Österreich sicher, sichtbar und selbstverständlich jüdisch leben können”. Gerade in einer Zeit, in der Antisemitismus wieder offener auftritt, sei dies keine Selbstverständlichkeit.

Die Ränge im neuen Stadttempel waren hochrangig besetzt. Neben Van der Bellen und den Mitgliedern der Bundesregierung waren auch der Zweite Nationalratspräsident Peter Haubner (ÖVP) und die Dritte Präsidentin Doris Bures gekommen, Nationalratspräsident Walter Rosenkranz (FPÖ) fehlte hingegen, wie überhaupt Vertreter der FPÖ, bestätigte die IKG. Die IKG verweigert offiziell den Kontakt mit der Partei aufgrund rechtsextremer Tendenzen, wie argumentiert wird. Im Publikum waren auch Grünen-Bundessprecherin Leonore Gewessler und NEOS-Klubchef Yannick Shetty.

Große Religionsgemeinschaften vertreten

Aber auch Vertreterinnen und Vertreter der anderen großen Religionsgemeinschaften feierten die Wiedereröffnung des Stadttempels. Für die römisch-katholische Kirche kamen der Linzer Bischof Manfred Scheuer sowie Generalsekretär Peter Schipka. In der selben Reihe saßen die evangelisch-lutherische Bischöfin Cornelia Richter und der Vorsitzende der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Ümit Vural.

Auch Wiens Bürgermeister Michael Ludwig würdigte den restaurierten Stadttempel. Und auch der Künstler Gottfried Helnwein war im Publikum. Er hatte das Projekt ebenfalls unterstützt und Bilder von zehn jüdischen Kindern in der Synagoge präsentiert.