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ÖGB gegen WKV und IV: Streit um kürzere Arbeitszeiten

16.09.2026 • 17:40 Uhr
ÖGB gegen WKV und IV: Streit um kürzere Arbeitszeiten
Vollzeit oder Teilzeit? In Vorarlberg ist ein Grundsatzstreit über die Arbeitszeit entbrannt. ÖGB, Hartinger (2), APA

ÖGB-Chef Reinhard Stemmer fordert eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich. WKV-Direktor Julian Fässler und IV-Präsident Elmar Hartmann warnen vor höheren Kosten und einem Verlust an Wettbewerbsfähigkeit. Im Zentrum steht ein Zahlenduell: Arbeiten die Menschen 29,4 oder 41,6 Stunden?

An der Arbeitszeitfrage entzündet sich in Vorarlberg ein heftiger Streit zwischen Arbeitnehmer- und Wirtschaftsvertretern. Auslöser ist die Forderung des Interregionalen Gewerkschaftsrats Bodensee nach einer generellen Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich. Dessen Präsident, der Vorarlberger ÖGB-Landesvorsitzende Reinhard Stemmer, sieht darin eine überfällige Beteiligung der Beschäftigten am Produktivitätsfortschritt.

Standort

WKV-Direktor Julian Fässler hält dagegen: Weniger Arbeitszeit bei gleichem Monatslohn würde die Kosten pro Arbeitsstunde erhöhen und den Standort zusätzlich belasten. Unterstützung erhält er von IV-Präsident Elmar Hartmann. Gerade die stark industriell geprägte Vorarlberger Wirtschaft könne sich eine weitere Verteuerung der Arbeit derzeit nicht leisten.

Zahlenstreit

Besonders scharf kritisiert Stemmer die von der WKV ins Treffen geführte durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 29,4 Stunden. Diese vermische Teilzeit und Vollzeit und erwecke damit den Eindruck, die Menschen würden zu wenig arbeiten.

Die Zahl selbst ist allerdings korrekt. Laut Statistik Austria arbeiteten Erwerbstätige 2025 durchschnittlich 29,4 Stunden pro Woche. Darin enthalten sind Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigte sowie Selbstständige. Zudem werden die tatsächlich geleisteten Stunden gezählt: Urlaub, Krankenstände und andere Abwesenheiten senken den Durchschnitt.

Stemmer verweist auf die deutlich längere Arbeitszeit von Vollzeitbeschäftigten. Nach der aktuellen Eurostat-Statistik kamen diese in Österreich 2025 üblicherweise auf 41,6 Wochenstunden. Österreich lag damit innerhalb der EU hinter Griechenland an zweiter Stelle. Die vom ÖGB genannten 40,7 Stunden entsprechen hingegen nicht dem aktuellen Eurostat-Wert.

Beide Seiten vergleichen somit unterschiedliche Größen. Die 29,4 Stunden zeigen das durchschnittliche tatsächliche Arbeitsausmaß aller Erwerbstätigen. Die 41,6 Stunden beziehen sich auf die übliche Arbeitswoche der Vollzeitbeschäftigten.

Vorarlbergs Teilzeit

Für Stemmer liegt das Kernproblem nicht bei den Vollzeitbeschäftigten, sondern bei den Bedingungen, unter denen Menschen ihre Arbeitszeit reduzieren müssen. In Vorarlberg arbeiten rund 55 Prozent der Frauen in Teilzeit. Als wichtige Gründe nennt der ÖGB fehlende Kinderbetreuung, Pflegeaufgaben und andere unbezahlte Sorgearbeit.

Das habe langfristige Folgen. Stemmer verweist auf einen Gender Pay Gap von 21,7 Prozent und einen Gender Pension Gap von 46,7 Prozent in Vorarlberg. Wer das Arbeitsvolumen erhöhen wolle, müsse deshalb bessere Betreuungsangebote schaffen und Arbeitszeiten stärker mit dem Familienleben vereinbar machen.

Hartmann setzt an einem anderen Punkt an. Viele Menschen würden ihre Stunden nicht erhöhen, weil sich Mehrarbeit finanziell zu wenig auszahle. Die IV fordert daher eine stärkere steuerliche Entlastung zusätzlicher Arbeitsstunden. Das Teilzeitproblem lasse sich nicht lösen, indem die Normalarbeitszeit für alle Beschäftigten reduziert werde.

Druck auf Betriebe

Fässler warnt davor, Produktivitätsgewinne vergangener Jahrzehnte als Finanzierung für eine heutige Arbeitszeitverkürzung zu betrachten. Entscheidend sei, was die Unternehmen aktuell erwirtschafteten. Steigen die Kosten je Arbeitsstunde stärker als die Produktivität, verliere Österreich an Wettbewerbsfähigkeit.

Hartmann verweist zusätzlich auf Branchen, in denen Arbeitszeit nicht ohne Weiteres durch Technik oder effizientere Abläufe ersetzt werden könne. Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen oder die Polizei benötigten mehr Personal, wenn die gleiche Leistung in weniger Arbeitsstunden erbracht werden solle.

oher diese zusätzlichen Beschäftigten kommen sollen, bleibe unbeantwortet.
Nicht mehr aktuell ist allerdings die von WKV und IV verwendete Aussage, Österreich befinde sich aktuell im dritten Rezessionsjahr. Laut Statistik Austria wuchs die Wirtschaftsleistung 2025 real um 0,6 Prozent, nach zwei Jahren mit Rückgängen. Die Vorarlberger Industrie steht dennoch unter erheblichem Kosten- und Wettbewerbsdruck.

In Vorarlberg prallen damit zwei Probleme aufeinander: lange Arbeitswochen für Vollzeitbeschäftigte und eine hohe Teilzeitquote auf der einen Seite, Fachkräftemangel und Kostendruck auf der anderen. ÖGB, WKV und IV setzen völlig unterschiedliche Prioritäten. Ein konkretes Modell, das kürzere Arbeitszeiten, Lohnausgleich und zusätzlichen Personalbedarf zusammenführt, liegt bislang allerdings nicht vor.