Keine Tragödie: Nunes bringt “Merlin” ans Akademietheater

28.08.2026 • 05:00 Uhr
Keine Tragödie: Nunes bringt "Merlin" ans Akademietheater

Am 4. September startet die neue Burgtheater-Saison mit der Wien-Premiere von Jelineks “Unter Tieren” im Haupthaus. Anderntags folgt der Spielzeit-Anpfiff im Akademietheater. Antú Romero Nunes inszeniert “Merlin oder Das wüste Land” von Tankred Dorst, eine 1981 uraufgeführte Bilderfolge zur Artus-Sage. Er habe “einfach versucht, Kindertheater für Erwachsene zu schreiben”, habe der Autor ihm einst erklärt, erzählt der Regisseur im APA-Interview.

APA: Sie haben “Merlin” bereits 2011 am Thalia Theater Hamburg inszeniert. Mit welchem veränderten Blick schauen Sie heute auf denselben Text?

Antu Romero Nunes: Die existenzielle Grundfrage – “Was macht Sinn im Leben?” – ist geblieben. Aber das Tolle ist, dass diese Frage im Laufe der Zeit andere Dinge in den Fokus rückt. Als die Dramaturgie des Burgtheaters mich fragte, ob ich das machen möchte, sprachen wir darüber, dass das Stück jetzt den “Fall der Linken” beschreibt. Das ist ein Thema, das damals nicht da war. Mein Zugang ist ein schräger und liebevoller geworden, mit anderen Ritter-Geschichten als damals. Die Handlung ist anders. Wir sind im Akademietheater jetzt auf einer intimeren Bühne als damals im Thalia Theater und sind figürlicher, genauer.

“Machen Sie keine Tragödie daraus!”

APA: Es würde angeblich 15 Stunden dauern, den gesamten Text aufzuführen. Worauf fokussieren Sie?

Nunes: Ich hatte damals das Glück, noch mit Tankred Dorst sprechen zu können. Er sagte: “Bitte machen Sie nicht den Fehler, eine Tragödie daraus zu machen. Ich habe einfach versucht, Kindertheater für Erwachsene zu schreiben.” Den Auftrag habe ich angenommen. Im Grunde ist auch Shakespeare Kindertheater für Erwachsene. Was Dorst schreibt, ist Shakespeare-esk, aber es hat die Bögen nicht. Es ist ein Labyrinth, man geht darin verloren. Wir haben aber eine sehr straffe Version. Der Kern ist so etwas wie ein poetischer Existenzialismus.

APA: Wie deutlich wird dem Publikum die Interpretation des “Falls der Linken” in der Inszenierung vor Augen geführt?

Nunes: Gar nicht, die müssen das auch gar nicht sehen. Ich hoffe, dass sie ganz viel anderes sehen. Heutzutage muss man am Theater ja immer sagen, was und warum man es macht. Ich glaube, dass es der absolute Tod ist für das Theater, dass es ständig erklären muss, warum es Subventionen bekommt. Wir haben Politik den ganzen Tag – Radio, Fernsehen, Internet. Warum sollte ich ins Theater gehen und nochmal was über den Fall der Linken hören? Ich glaube, dass alles, was im Leben geschieht, aus einer existenzialistischen Frage entsteht: Warum bin ich hier? Was hat alles, was auf der Welt passiert, mit mir zu tun? Braucht es mein Handeln überhaupt?

“Das wird absurd und lustig”

APA: Und Merlin versucht, durch sein Handeln etwas zu bewirken …

Nunes: Es gibt eine faustische Wette zwischen dem Teufel und Merlin. Der Teufel behauptet: “Die Welt ist Chaos, du kannst nichts machen.” Merlin behauptet: “Nein, ich weiß, ich komme aus einer Clownsfamilie, möchte aber trotzdem Sinn stiften.” In unserer Inszenierung haben wir Zugriffe gefunden, die den Zuschauer erleben lassen, was es heißt, die Zukunft zu kennen und sie nicht verändern zu können. Das ist ein Aspekt, der mich 2011 nicht so interessiert hat. Ich möchte hier zeigen, wie man sich in dieser Situation verhält. Kannst du trotzdem handeln? Was bedeutet Hoffnung in diesem Zusammenhang? Das wird absurd und lustig. Die Komik entsteht für mich dadurch, dass man Mensch-Mechaniken erkennt.

APA: Mit Sarah Viktoria Frick besetzen Sie den Merlin mit einer der intensivsten Schauspielerinnen des Ensembles. Michael Maertens ist Ihr König Artus. Welche Dynamik entsteht durch diese Besetzung zwischen dem Zauberer und seinem erschaffenen König?

Nunes: Die beiden sind unglaublich. Seit der ersten Probe dachte ich: Ich würde mit denen sofort alles machen. Sarah ist komödiantisch, aber wahnsinnig berührend und hochintelligent. Michael ist in all seiner Komödiantik ein wahnsinnig ernsthafter Figuren-Forscher. Die beiden sind Partner, die so lange suchen, bis aus Realem Groteskes wird. “Merlin” ist einer dieser archaischen Stoffe, die zeigen, wie die Welt funktioniert. Und dafür braucht man Schauspieler, die vor Fantasie sprühen.

“Hoffnung ist auch ein Machtinstrument”

APA: Kürzlich hat Bachmann “Wir sind noch einmal davongekommen” inszeniert. Welche Rolle spielt Hoffnung in “Merlin”?

Nunes: Eine sehr große. Warum soll ich handeln, wenn ich das Ergebnis schon kenne? Da ist Hoffnung extrem wichtig, die Dinge trotzdem zu tun. Aber Hoffnung ist auch ein Machtinstrument – etwa wenn Politiker den Leuten immer sagen, es wird besser, wenn du mich wählst, kann das frustrierend und irreführend sein. Wenn man das Spiel mit der Hoffnung auf die Bühne bringt, wirkt es noch absurder als in dem, was wir Realität nennen. Die Welt war aber immer schon ein riesiger, grausamer Witz auf Kosten der Menschheit und auf Kosten der Erde. Die Frage ist: Wie kann man da mitmachen, um zur Handlungsfähigkeit zu kommen? Die Bühne macht Vorschläge für andere Denkweisen. Zum Beispiel: erkennen, dass der Witz grausam, aber deswegen nicht weniger zum Lachen ist.

APA: Also ist Ihre Inszenierung eine Handlungsanweisung zur Handlungsfähigkeit?

Nunes: Kunst ist nicht dafür da, es richtig zu machen. Theatermachen macht keinen Sinn, aber man macht es trotzdem. Deswegen liebe ich die Probebühne – das ist ehrlicher als das echte Leben. Im echten Leben tun wir so, als wäre alles existenziell. Aber die Wahrheit ist: Wir könnten alle gehen, man würde es nicht so sehr merken. Das Theater schafft einen Raum, der einen woanders hinbringt – wie in ein anderes Land, wo man sich selbst neu kennenlernt.

APA: Wie kann man sich dieses fremde Land von “Merlin” vorstellen?

Nunes: Die Zuschauenden werden Sachen können, die sie vorher nicht konnten. Wie durch Zauberhand.

“Ich unterhalte mich gut”

APA: Man merkt Ihnen den Spaß an der Sache an.

Nunes: Ich unterhalte mich gut. Unterhaltsam bedeutet nie leer. Unterhaltsames Theater bedeutet für mich Respekt vor der Zeit des Publikums und meiner eigenen Zeit. Ich verstehe nicht, warum man Stücke nicht unterhaltsam machen sollte. Es wurde des Öfteren versucht, mir zu erklären. Es war sinnlos.

(Das Gespräch führte Sonja Harter/APA)

(S E R V I C E – “Merlin oder Das wüste Land” von Tankred Dorst im Akademietheater, Premiere am 5. September, 19 Uhr. Regie: Antú Romero Nunes, Bühne und Kostüme: Matthias Koch, Musik: Pablo Chemor. Mit u.a. Sarah Viktoria Frick, Michael Maertens, Katharina Lorenz, Marie-Luise Stockinger, Michael Wächter und Lilith Hässle. Weitere Termine: 9., 17. und 30. September. )