Landestheater: Intendant Abdullah im Gespräch

Der Wiener Regisseur und Autor Ali M. Abdullah leitet in den kommenden zwei Spielzeiten das Vorarlberger Landestheater. Die NEUE traf ihn an seinem ersten Arbeitstag in Bregenz zum Gespräch.
Was hat Sie dazu bewogen, sich für diese Stelle zu bewerben?
Ali M. Abdullah: Der Aufsichtsrat [Anmerkung: KuGes] war auf der Suche nach einer interimistischen Leitung. Dann wurde ich gefragt, ob ich mir das vorstellen kann. Und dann sind wir ins Gespräch gekommen. Jetzt sitze ich hier und lerne alle Mitarbeiter und die Presse kennen.

Sie agierten von 2014 bis 2023 als künstlerischer Leiter des Werk X in Wien. Was für Bezugspunkte haben Sie zur Vorarlberger Theaterlandschaft?
Abdullah: Martin Gruber vom aktionstheater ensemble ist ein treuer Kollege, mit dem wir im Werk X schon zehn Stücke realisiert haben. Seine Schauspieler haben schon in meinen Stücken gespielt und umgekehrt. So auch die Musiker. Da gibt es große künstlerische Überschneidungen. Außerdem kenne ich das Projekttheater Vorarlberg um Dietmar Nigsch. Sie waren immer wieder bei uns, sind aber nicht mehr aktiv. Die Bedingungen hier in Vorarlberg wurden aber von allen immer sehr positiv beschrieben, was auch mich positiv stimmt.
Wie steht es um das Publikum? Hatten Sie schon die Gelegenheit, Theateraufführungen in Vorarlberg zu sehen?
Abdullah: Nein. Das ist aber sehr wichtig und steht natürlich ganz oben auf meiner Liste. Man macht Theater ja nicht für sich selbst, sondern für das Publikum.
Sie sprechen in einer Aussendung vom Theater der Zukunft. Was sind die Probleme des Theaters der Gegenwart?
Abdullah: Ich glaube, dass wir uns mit den gesellschaftspolitischen Dingen beschäftigen müssen, die nicht nur heute Probleme schaffen, sondern in Zukunft unsere Hauptthemen sein werden. Das Theater ist ein Ort, wo man öffentlich nachdenkt und kritisch auf die Gesellschaft schaut. Sehr oft hat man eher das Verständnis, dass Theater die Probleme der Vergangenheit abbildet. Daran kann man auch lernen, aber ich glaube, es ist nicht so wirkungsvoll, wie wenn man etwa ein Stück über die KI oder die Klimakrise macht. Das betrifft uns jetzt. Edward Albee hat einmal gesagt, er möchte, dass der Zuschauer nach einem Theaterbesuch so verstört, so sehr aus seiner festgefertigten Bahn geworfen wird, dass er nachdenkend über die befahrene Straße vor dem Theater taumelt und zusammengefahren wird.
Gibt es einen Fortschritt im Bewusstsein der Kunst, wenn der soziale Fortschritt der Gesellschaft ausbleibt?
Abdullah: Natürlich ist die vorrangige Frage, was Kunst heute noch bewirken kann. Ich war letztens in Venedig bei einer Performance von Florentina Holzinger, die ja auch in Bregenz war. Durch das Recycling von Fäkalien zu Trinkwasser hat sie auf der Biennale einen Ort geschaffen, der zeigt, wie absurd der viele Abfall ist, den wir als Gesellschaft produzieren.

Trabt hier die Kunst nicht der Technik nach?
Abdullah: Puh, das weiß ich nicht. Ich würde nicht sagen, dass sie nachfolgend ist. Kunst ist für mich die dreidimensionale Verhandlung all dieser Themen. Manchmal vorausdenkend, manchmal nacheifernd, vor allem aber ist sie ein großer Multiplikator. Deshalb suche ich für das Theater zuerst nach spannenden Themen und nicht unbedingt gleich nach einem spannenden Stück. Als Ausgangsmaterial dienen mir Romane, philosophische Schriften oder auch Dokumentarfilme.
Sie haben vorhin ein Ideal politischer Kunst umschrieben. Glauben Sie nicht, dass sie den gegenteiligen Effekt haben kann? Im Sinne einer Ersatzhandlung. Man konsumiert etwas „Radikales“, also fühlt man sich auch so und muss nichts mehr machen.
Abdullah: (Lacht). Was politisches Theater ausmacht, wird in Wien laufend rauf und runter diskutiert. Ich sage immer: Alles, was auf der Bühne verhandelt wird, ist ein politischer Vorgang. Wenn das Boulevardstück keine Inhalte hat, ist das auch ein Ausdruck. Das heißt: Die Welt ist in Ordnung, wir wollen nur lachen. Oder: Die Welt ist in Ordnung, aber man könnte ein bisschen was tun.

Wie haben Sie als Leiter einer Theaterbühne die Wiener Kulturpolitik erlebt?
Abdullah: Schwierig. In der Wiener Kulturpolitik gibt es eine gläserne Decke. Dabei geht es um die Frage, welche Schicht finanziell gefördert wird, damit sie Kultur konsumieren kann. Das konzentriert sich sehr auf den ersten Bezirk. Mit dem Werk X haben wir in einem Randbezirk quasi eine Randkultur gepflegt und immer wieder gegen diese Decke angekämpft. Hier in Bregenz kommen die Leute gerne ins Theater, da ist die Aufgabe eine andere.
Mit 35 Jahren bin ich oft der jüngste Mann auf Theaterpremieren, nicht nur in Bregenz.
Abdullah: Das ist ein Problem, dass ich mir anschauen werde. Schließlich geht es darum, verschiedene Zielgruppen anzusprechen. Sei es der Bürgerchor oder die türkische Community – mein Ziel ist es, verschiedenen Bevölkerungsschichten ein Sprachrohr zu geben. Diversität ist ja auch in Vorarlberg ein Thema. Schließlich geht es mir um ein Theater, für alle, die hier wohnen und es auch mit ihren Steuern mitfinanzieren. Deren Themen sollten hier verhandelt werden.
Wie wird es mit dem Ensemble weitergehen?
Abdullah: Alle Verträge wurden verlängert. Das Ensemble bleibt also unangetastet. Wie es nach meinem Zwei-Jahres-Vertrag weitergeht, wird sich zeigen.