Kindliches Gangbild erhöht das Unfallrisiko

Das Gangbild von Kindern unterscheidet sich grundlegend von jenem Erwachsener – und das wirkt sich direkt auf das Unfallrisiko im Straßenverkehr aus. Kürzere Schritte, häufigere Stopps, spontane Richtungswechsel und ein wechselndes Gehtempo machen Kinder für andere Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer schwerer einschätzbar, informierte der ÖAMTC in einer Aussendung am Donnerstag. 2025 verunglückten 566 Kinder als Fußgänger im Straßenverkehr, zwei davon tödlich.
185 dieser Unfälle ereigneten sich am Schulweg, ein Kind wurde dabei getötet. Gerade zu Schulbeginn empfiehlt der ÖAMTC daher, die unterschiedlichen Bedürfnisse und das langsamere, teilweise unvorhersehbare Gangbild von Kindern zu berücksichtigen.
“Ein sechs- bis siebenjähriges Kind macht aufgrund der Körpergröße kürzere Schritte, es neigt zu spontanen Richtungswechseln, bleibt öfter stehen, schaut sich um, springt oder trippelt zwischendurch. Dieses typisch kindliche Gangbild führt dazu, dass Kinder unvorhersehbar und damit unsicherer unterwegs sind. Dadurch sind sie im Straßenverkehr besonders gefährdet”, erklärte ÖAMTC-Verkehrspsychologin Marion Seidenberger.
500 Meter können für Kinder zehn Minuten dauern
Kinder benötigen für dieselbe Strecke deutlich länger als Erwachsene. Ein sechs- bis siebenjähriges Kind braucht für 500 Meter unter Idealbedingungen etwa acht bis zehn Minuten, ein Erwachsener legt diese Strecke in rund fünf bis sechs Minuten zurück. Angst, Unsicherheit, Ablenkung oder Stress können die Schrittlänge eines Kindes zusätzlich um zehn bis 30 Prozent verkürzen. “Kinder machen dann viele kleine Schritte. Durch diesen trippelnden Gang verlängert sich die Wegzeit, das Stolper- und Sturzrisiko sowie die Verletzungsgefahr steigen”, erklärte Seidenberger.
Die durchschnittliche Schrittlänge eines Volksschulkindes liegt bei etwa 40 bis 55 Zentimetern, Erwachsene erreichen rund 60 bis 80 Zentimeter pro Schritt. Für realistische Schätzungen von Gehstrecken, etwa beim Schulweg, könne daher bei Volksschulkindern mit rund 45 bis 50 Zentimetern pro Schritt gerechnet werden. Auf 500 Metern macht ein Kind damit ungefähr 1.000 Schritte, ein Erwachsener rund 700. In der Gangforschung gilt die Variabilität der Schrittlänge als guter Indikator für Unsicherheit. “Je stärker die Schrittlänge von Schritt zu Schritt schwankt, desto unsicherer ist das Gehen. Somit ist die Schrittlängenberechnung – inklusive Ablenkung, Unsicherheit und Stopps – ein aussagekräftiger Wert”, erklärte Seidenberger.
Die höhere Schrittfrequenz und die unregelmäßigen Bewegungen erschweren es Autofahrerinnen und Autofahrern, das Verhalten von Kindern einzuschätzen. Besonders gefährlich wird es, wenn Kinder plötzlich und unvorhersehbar auf die Straße laufen – etwa zwischen geparkten Autos – oder ihr Tempo beim Überqueren eines Zebrastreifens stark verändern. Dieses impulsive Verhalten zählt zu den Hauptursachen für Fußgängerunfälle bei Kindern unter neun Jahren und erfordert besondere Rücksicht von allen Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmern.
Unsicherheit zeigt sich im Gangbild
Ein stabiles, erwachsenenähnliches Gangbild entwickelt sich bei Kindern grundsätzlich noch vor dem siebenten Lebensjahr. Dennoch können Ablenkungen beim Gehen für Kinder besonders störend sein. Gehen, Tempo halten und Wegfindung erfordern aktive Konzentration. Dadurch stehen weniger Kapazitäten für die visuelle Erfassung des Verkehrs, der Infrastruktur und anderer Verkehrsteilnehmer zur Verfügung. Diese Merkmale können auch bei Erwachsenen auftreten, etwa bei Ablenkung oder bei älteren Personen mit Mobilitätseinschränkungen.
Der ÖAMTC rät, den Schulweg vor Schulbeginn zu üben. Kinder sollen beim Gehen nicht gestresst oder gedrängt werden, dafür soll ausreichend Zeit für den Schulweg eingeplant werden.