Kommission prüft Vorwürfe zu Missbrauch im Kindergarten

18.05.2022 • 17:29 Uhr / 7 Minuten Lesezeit

In einem städtischen Kindergarten in Wien soll vor 13 Monaten ein Pädagoge ein Kind mutmaßlich missbraucht haben, mittlerweile könnte es zwei weitere mögliche Fälle geben. Nach Bekanntwerden wurde die Staatsanwaltschaft eingesetzt und der Mann versetzt. Die Eltern der anderen Kinder erhielten keine Information, das geschah erst kürzlich. Im Auftrag der Stadt prüft nun eine Kommission den Fall und mögliche Fehler. Ein Rechtsanwalt zweifelt an der Unabhängigkeit des Gremiums.

In der Kommission ist neben der Kinder- und Jugendanwaltschaft auch das Kinderschutzzentrum Möwe und die Kinder- und Jugendhilfe Wien vertreten. Die Expertinnen und Experten haben sich am späten Mittwochnachmittag erstmals zu einer Sitzung getroffen. “Unser Ziel ist, den ganzen Prozess anzuschauen – vom Verdacht des sexuellen Missbrauchs bis jetzt – und nach Fehlern zu suchen, um die in Zukunft zu vermeiden”, erklärte der Kinder- und Jugendanwalt der Stadt, Ercan Nik Nafs, in der ORF-Sendung “Wien heute” (Dienstag).

Plan sei, Anfang Juli einen Bericht zu präsentieren. Die Kinder- und Jugendanwaltschaft sei von sich aus tätig geworden, hieß es in dem Bericht. Für ihn, Nik Nafs, sind die Informationen zu spät an die übrigen Eltern ergangen, kritisierte er in “Wien heute”: “Sobald der Verdacht erhärtet war und die Anzeige bei der Staatsanwaltschaft eingegangen war, müssten die anderen Eltern informiert werden.”

In der ersten Sitzung der Kommission sollen die Arbeitsweise und die nächsten Schritte geklärt werden, sagte Sonja Benyes von der Kinder- und Jugendanwaltschaft Wien der APA. Der Beschluss, ein derartiges Gremium einzuberufen, sei am Montag gefallen.

Auslöser ist ein mutmaßlicher Missbrauchsfall im März 2021 in einer städtischen Einrichtung in Penzing. Darüber berichtete zunächst die “Kronen Zeitung”. Eine Familie habe das Gespräch mit der Kindergartenleitung gesucht, da die Tochter von intimen Berührungen des Pädagogen erzählt habe, hieß es. Nun soll es auch in zwei weiteren Fälle diesbezüglich Vorwürfe geben.

Laut Staatsanwaltssprecherin Nina Bussek werden nun drei Fälle von der Behörde überprüft. Es geht um den Vorwurf des schweren sexuellen Missbrauchs von Unmündigen bzw. des sexuellen Missbrauchs von Unmündigen. In dem Fall, der ein Jahr zurückliegt, wurde ein Gutachten beauftragt, auf dessen Ergebnis laut Bussek gewartet wird. In den zwei neuen Fällen, die eben erst bekannt wurden, müssen Gutachten noch eingeholt werden.

Der Verdächtige wurde zwar nach Bekanntwerden des Verdachts in den Administrationsdienst versetzt und angezeigt, einem größeren Personenkreis wurde von der Causa aber offenbar nicht erzählt. Die Eltern des Kindergartens sollen erst kürzlich darüber informiert worden sein, was für scharfe Kritik sorgte.

So auch von Rechtsanwalt Johannes Bügler, der mittlerweile fünf Elternpaare, deren Kinder in der betroffenen Einrichtung betreut würden, vertritt. “Es werden laufend mehr”, sagte er im APA-Gespräch. Den Schilderungen der Eltern zufolge würden die Kinder Symptome eines möglichen Missbrauchs zeigen. Ob unter seinen Mandaten jene drei mutmaßlichen und bisher bekannten Fälle seien, wisse er noch nicht, da er noch keine diesbezüglichen Akten einsehen hätte können.

Die Vorgehensweise, jetzt – nach 13 Monaten – die Eltern zu informieren, könne er in keiner Weise nachvollziehen. Wenn es fix sei, dass sonst niemand betroffen sei, dann sei es schlimm, jetzt alle Eltern “wahnsinnig zu machen”. Falls man bis dato nicht kommuniziert habe, weil die ganze Zeit befürchtet worden sei, dass es mehr Betroffene gebe, sei das genauso furchtbar. “Egal wie man es dreht und wendet, die Vorgangsweise ist atemberaubend.”

Die Leiterin der für die Kindergärten zuständigen MA 10, Daniela Cochlar, wies Vertuschungsvorwürfe zurück. So sagte sie Medienberichten zufolge, es werde von Fall zu Fall entschieden, wie informiert werde. “Im Regelfall veranstalten wir Elternabende, begleiten die Eltern gut. Also das heißt, es kommt durchaus vor, wenn bei uns der Eindruck entsteht, dass akuter Handlungsbedarf da ist und zum Schutz der Kinder etwas geschehen muss, dass diese Wege gewählt werden”, sagte sie zum ORF-Radio “Ö1”. Im Gespräch mit der APA betonte Cochlar, dass man das Beste tue, um Licht in die Sache zu bringen: “Wir nehmen das wirklich ernst.” Für den morgigen, Donnerstag, Abend ist ein Elternabend für die Familien vom betroffenen Standort geplant. Dieser wird auf Bitte der Eltern unter Ausschluss der (Medien-)Öffentlichkeit stattfinden.

Bügler will jedenfalls die Stadt in die Pflicht nehmen und hat bereits ein Anwaltsschreiben geschickt, indem er etwa die Aktenzahl für die laufenden Verfahren erfragen wollte – ohne Antwort, wie die Tageszeitung “Österreich” berichtete. “Wir checken gerade die Rechtsschutzversicherungen. Dann klagen wir die Stadt Wien einmal auf 50.000 Euro pro betroffenem Kind – vorbehaltlich weiterer Forderungen.” Den heutigen Tag haben Bügler und sein Team mit der Recherche nach Aktenzahlen verbracht, um mehr Details zu den laufenden Ermittlungen zu erfahren.

Seines Erachtens müsste eine unabhängige Stelle die Geschehnisse in dem Kindergarten und gesetzten Maßnahmen aufarbeiten. Die von der Stadt eingesetzte Kommission bzw. deren Mitglieder hält der Jurist nicht für unabhängig, da sie Förderungen erhalten bzw. von öffentlicher Hand finanziert würden. “Da braucht man sich nichts erwarten, sie werden nicht die Hand, die sie füttert, beißen”, ist er überzeugt.

Aus dem Rathaus hieß es auf APA-Anfrage zu drohenden Klagen: “Wir kennen die Klage nicht, es steht dem Anwalt aber selbstverständlich frei im Sinne seiner Mandantinnen und Mandanten rechtliche Maßnahmen zu setzen. Die Justiz wird diese dann zu bewerten haben”, wurde in einem schriftlichen Statement vom Büro des für die Kindergärten zuständigen Stadtrats Christoph Wiederkehr (NEOS) mitgeteilt.

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