Kopf-an-Kopf-Rennen bei Neuseeland-Wahl
Neuseeland steht vor einer schwierigen Regierungsbildung: Bei der Parlamentswahl haben sich die konservative National Party von Premierminister Christopher Luxon und die sozialdemokratische Labour-Partei des Herausforderers Chris Hipkins ein Kopf-an-Kopf-Rennen geliefert. Beide Parteien kamen nach Auszählung von mehr als 95 Prozent der Stimmen am Samstag auf knapp 30 Prozent der Gesamtstimmen, wie die Wahlkommission mitteilte.
Nur wenige Tausend Stimmen trennten die beiden stärksten politischen Kräfte des Landes. Die derzeitige konservative Dreierkoalition könnte einer Hochrechnung der Wahlkommission zufolge jedoch eine knappe Mehrheit von zwei Sitzen im Parlament erreichen.
Vertreter von National und Labour Party erklärten jeweils, der Wahlausgang bleibe vorerst unklar. “Es ist ermutigend zu sehen, dass National nach den bisherigen Zahlen wieder die stärkste Partei im Parlament ist und wir einen Weg zur Bildung der nächsten Regierung haben”, sagte Luxon vor seinen Anhängern in Auckland. Das Rennen sei derzeit jedoch noch zu knapp für eine Entscheidung. Hipkins äußerte sich in der Nähe von Wellington ähnlich: “Neuseeland hat heute Abend gesprochen.” Es werde jedoch noch etwas dauern, um genau herauszufinden, wie die Entscheidung der Wähler laute.
Per Stellenanzeige zur Königsmacherin
Für eine Regierungsbildung ist eine absolute Mehrheit erforderlich, aufgrund des neuseeländischen Wahlsystems gibt es häufig Koalitionen. Die kleineren Parteien dürften somit eine entscheidende Rolle spielen. Besonderes Augenmerk gilt der aufstrebenden Opportunity Party: Sie liegt mit 5,9 Prozent über der Fünf-Prozent-Hürde und dürfte damit erstmals ins Parlament einziehen. Mit voraussichtlich mehreren Sitzen könnte sie zum entscheidenden Partner bei der Regierungsbildung werden.
Regierungschef Luxon hatte eine Zusammenarbeit mit Opportunity bisher ausgeschlossen. Grund ist vor allem die Steuerpolitik der Partei, die eine neue Bodensteuer und ein bedingungsloses Grundeinkommen fordert – beides lehnt der konservative Regierungschef ab. Opportunity-Chefin Qiulae Wong hält dagegen an ihrem Angebot fest, mit beiden politischen Lagern zu verhandeln. Nach Vorliegen des offiziellen Ergebnisses wolle sie mit der Fraktion verhandeln, die die meisten Sitze errungen hat.
Die 38-jährige Wong ist eine politische Quereinsteigerin. Die frühere Unternehmensberaterin und Nachhaltigkeitsexpertin stieß 2025 eher zufällig auf eine Stellenanzeige der Opportunity Party, die eine neue Vorsitzende suchte. Sie bewarb sich – und schaffte innerhalb eines Jahres den Aufstieg von einer weitgehend unbekannten Politikerin zur möglichen Königsmacherin.
Endergebnis erst Ende des Monats
Rund 3,8 Millionen Menschen waren zur Wahl aufgerufen. Die Bevölkerung des Pazifikstaates beschäftigt vor allem die angespannte Wirtschaftslage mit hohen Lebenshaltungskosten, Inflation und steigender Arbeitslosigkeit. Luxons Regierung steht deshalb unter Druck. Mögliche Entlastungen für die Haushalte dominierten den Wahlkampf.
In den kommenden Wochen werden außerdem noch Hunderttausende sogenannte Sonderstimmen ausgezählt. Dazu gehören unter anderem Stimmen von Neuseeländern im Ausland und von Wählern, die außerhalb ihres eigentlichen Wahlkreises abgestimmt haben. Das endgültige Ergebnis wird für den 27. November erwartet. Die nachträgliche Auszählung könnte die Kräfteverhältnisse noch deutlich verschieben.
Größeres Parlament in Aussicht
Eine weitere Besonderheit des neuseeländischen Wahlsystems könnte zudem dafür sorgen, dass das Parlament größer wird als üblich. Normalerweise hat es 120 Sitze. Bei dieser Wahl sind jedoch sogenannte Überhangmandate möglich: Gewinnt eine Partei mehr Direktmandate in den Wahlkreisen, als ihr nach ihrem landesweiten Stimmenanteil zustehen, darf sie diese zusätzlichen Sitze behalten.
Das Parlament wird dann entsprechend vergrößert. Nach bisherigen Berechnungen könnte es diesmal auf etwa 130 Abgeordnete anwachsen. Damit wären für eine Mehrheit nicht wie üblich 61, sondern mindestens 66 Sitze nötig.
“Neuseeland hat heute Abend gesprochen”
Luxons Nationalpartei führt seit 2023 eine Koalition mit der rechtsliberalen ACT-Partei und der populistischen New Zealand First und hofft auf eine zweite Amtszeit des konservativen Regierungschefs. Auch bei der letzten Wahl war er gegen Labour-Chef Hipkins (48) angetreten. Hipkins war bereits 2023 nach dem Rücktritt von Jacinda Ardern mehrere Monate lang Ministerpräsident. Eine Rückkehr an die Macht ist nicht ausgeschlossen – aber wochenlange Verhandlungen über eine neue Koalition könnten bevorstehen.