Kritik an “Auszeit-WG”: Emmerling will Konzept offenlegen

23.08.2026 • 12:30 Uhr

Im Zuge der Diskussion um die Wiener “Auszeit-WG” für unmündige Intensivtäter hat die zuständige Stadträtin Bettina Emmerling (NEOS) am Samstag im Interview bei “Wien heute” angekündigt, das bisher unter Verschluss gehaltene Konzept zu veröffentlichen. Ein dazugehöriges Papier, das der APA vorliegt, war zuletzt öffentlich unter Beschuss geraten. Expertinnen und Experten fordern seit Langem eine volle Offenlegung der Unterlagen zu dem Projekt.

“Es ist kein Geheimnis, was dort gemacht wird”, sagte Emmerling. Das “umfangreiche Konzept” werde “in Kürze veröffentlicht”. Ein konkretes Datum dafür wurde auf APA-Anfrage am Sonntagvormittag nicht genannt. Der Grund dafür blieb unklar. Intern soll eine Veröffentlichung in den kommenden Wochen auf der Homepage der zuständigen Magistratsabteilung 11 (MA 11) für die Kinder- und Jugendhilfe geplant sein, wie es in Kreisen der Stadt Wien heißt.

Umstrittenes Papier weiter aktuell

Die diskutierte Unterlage sei “ein Konzeptpapier aus dem Frühling” gewesen, hatte Emmerling am Samstagabend mit Verweis auf jenes der APA vorliegende Dokument angegeben. Entgegen ihrer Aussage handelt es sich hierbei jedoch um eine mit “072026” datierte 17-seitige Datei aus dem heurigen Juli. Ebenfalls liegt der APA eine nahezu identische undatierte Version davon vor, die einem Überprüfungsantrag der Bewohnervertretung an das Bezirksgericht Innere Stadt beigefügt ist. Das Gericht stufte zuletzt die nächtliche Sperre der Haustür für den ersten Bewohner der Wohngemeinschaft als zulässig ein, ein Verschließen in der Zeit von 5.00 bis 23.00 Uhr hingegen als nicht zulässig. Derzeit läuft die Rechtsmittelfrist. Der 13-Jährige befindet sich seit 13. Juli in der Wohngemeinschaft.

Später war erstmals das 17-seitige Papier des Trägers “neue wege” bekanntgeworden. Der forensische Kinder- und Jugendpsychiater Patrick Frottier und der Österreichische Berufsverband der Sozialen Arbeit (OBDS) äußerten scharfe Kritik. Der Mediziner sprach von “gravierenden fachlichen Mängeln”. “Sozialarbeiterische Fachkräfte müssen sich gut überlegen, ob sie das im Rahmen ihrer professionellen Autonomie mittragen können”, hieß es von OBDS-Geschäftsführerin Julia Pollak. Beide forderten in diesem Zusammenhang volle Transparenz über die Rahmenstruktur der Einrichtung.

Aus dem Büro der Stadträtin war dazu gegenüber dem “Falter.morgen” entgegnet worden, dass “nicht nachvollziehbar” sei, auf welches Dokument sich die Kritik bezogen habe. Davor hatte gegenüber der APA geheißen, dass man ausgehe, dass es sich bei den Unterlagen lediglich “um Handouts des Trägers […] handelt”. Ein zweiseitiges der APA vorliegendes Handout wurde von der MA 11 jedenfalls Anfang August intern verschickt. Derartige Widersprüche in der Kommunikationslinie der Vizebürgermeisterin blieben am Wochenende weiter ungelöst.

Emmerling sieht Kritik an Projekt ideologisch motiviert

Hinter der vielfach geäußerten Expertenkritik an der WG vermutete Emmerling am Samstagabend die “ideologische Idee, dass man Kinder nicht einsperren soll”. Von “wackeligen rechtlichen Beinen” wollte die Stadträtin in Bezug auf die juristische Grundlage nicht sprechen. “Aber es ist kompliziert.”

Am Donnerstag wies die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (ÖGKJP) darauf hin, dass Straffälligkeit nicht per se “Ausdruck einer psychischen Erkrankung” sei. Zudem wurde die Eignung des für die WG maßgeblichen Heimaufenthaltsgesetzes (HeimAufG) als rechtliche Basis kritisiert. “Das Gesetz wurde nicht für eine längerfristige pädagogisch-therapeutische Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit massiv delinquentem Verhalten geschaffen”, hieß es in einer Stellungnahme.

In das gleiche Horn blies auch Volksanwalt Bernhard Achitz (SPÖ): “Das Heimaufenthaltsgesetz reicht bei weitem nicht aus”, sagte Achitz am Donnerstag in der “ZiB2”. Davor hatte der renommierte Verfassungsrechtler Heinz Mayer auf die Rechtslage hingewiesen. Der emeritierte Wiener Universitätsprofessor für Medizinrecht, Christian Kopetzki, sah schon vergangenes Jahr im HeimAufG “keine taugliche Grundlage für einen erzwungenen Aufenthalt in Heimen oder sonstigen Einrichtungen und schon gar nicht für eine behördliche Einweisung”, wie es in einem Fachartikel aus dem August 2025 zum Umgang mit unmündigen “Systemsprengern” heißt.

Ende Jänner sowie Anfang Februar hatten das Vertretungsnetz, der Dachverband Österreichischer Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen (DÖJ) und der Verein FICE Austria ihre fachlichen Bedenken geäußert.

Politische Angriffe von FPÖ und ÖVP

Politische Angriffe auf die Vizebürgermeisterin folgten am Sonntag. Der Wiener FPÖ-Klubobmann und Bildungssprecher Maximilian Krauss bezeichnete ihre Verteidigung der “Auszeit-WG” als “geradezu grotesk”. “Angesichts einer eskalierenden Jugendkriminalität” werde eine Einrichtung mit Betreuungsplätzen für maximal zwei Kinder gleichzeitig als Antwort auf ein Problem verkauft. “Das ist keine Lösung, sondern eine sündteure Alibiaktion. Die NEOS sitzen in der Bundesregierung, da wäre es ihre Aufgabe, sich für die Senkung der Strafmündigkeit einzusetzen – der einzig gangbare Weg.”

“Die von uns geforderte Transparenz kommt reichlich spät”, meinte hingegen Sabine Keri, Familiensprecherin der Wiener Volkspartei. Wenn Experten seit Wochen gravierende fachliche und rechtliche Bedenken äußern, dürfe Kritik nicht als ideologisch abgetan werden. “Gerade bei einem derart sensiblen Thema braucht es ein fachlich solides Konzept, klare Ziele und eine nachvollziehbare Evaluierung.”

Kosten von fast einer Million Euro pro Jahr

Das – wie sich bei einem kurzen APA-Lokalaugenschein am Wochenende zeigte – von außen unauffällige zweistöckige Haus mit Nebengebäude und eingezäuntem Garten befindet sich in einer kleinen, ruhigen Wohnsiedlung für Familien am Stadtrand in Wien-Simmering. Die Einrichtung verfügt laut MA 11 über Plätze für zwei Kinder. Vorgesehen sind Aufenthalte von bis zu drei Monaten. Die Kosten liegen bei fast einer Million Euro pro Jahr.