La Strada-Auftakt: Fallen, fliegen und einander auffangen

Kopfüber fliegt der Mensch dem Boden entgegen. Im allerletzten Moment sind da die Hände. Sie greifen nach ihm, fangen ihn auf, tragen ihn weiter. Fliegen, fallen, auffangen: Das 19-köpfige französische Collectif XY hat am Freitagabend gemeinsam mit dem Choreografen Rachid Ouramdane das Straßenkunstfestival La Strada in der Grazer Oper eröffnet. “Möbius” erzählt eine atemberaubend berührende Geschichte von Gemeinschaft und Vertrauen.
Zuerst steht da nur eine Person auf der Bühne. Barfuß, vor schwarzem Hintergrund und auf weißem Boden. Dann kommt eine zweite dazu, eine dritte, immer mehr. Bald laufen 19 Menschen wild umher. Aus dem Gerenne, aus völligem Chaos wird Symmetrie und Ordnung. Körper finden zusammen, lösen sich wieder voneinander und bilden neue Formationen.
Inspiriert ist “Möbius” von Bewegungsmustern aus der Natur, zum Beispiel den sogenannten Murmurationen, den Schwarmflügen der Stare. Hunderte Vögel bewegen sich dabei so präzise und dicht, als wären sie ein einziger Organismus. Auch auf der Bühne sind die Artistinnen und Artisten einmal viele Einzelne und im nächsten Moment ein großes Ganzes. Was entsteht, ist ein Spannungsfeld zwischen Individuum und Gruppe.
Stark und verletzlich
Aus einem Menschen werden zwei, drei, sogar vier. Auf Schultern wachsen Türme in die Höhe, Körper werden zu Leitern und Plattformen. Die Menschen helfen einander hinauf, halten Beine, Rücken und Arme fest. Wenn eine Artistin den Menschenturm erklimmt, stehen die anderen darunter, warten ringsum den Artisten – der allein schon zwei Menschen trägt – bereit zum Stützen.
Es sieht leicht aus, wenn die einzelnen Körper meterhoch durch die Luft fliegen. Gleichzeitig lässt “Möbius” die Anstrengung sichtbar werden. Oberarme zittern, Füße suchen nach Halt, Gesichter verziehen sich vor Konzentration. Die Gruppe strauchelt, Figuren geraten ins Wanken, fallen gemeinsam und bauen sich wieder auf. Das Publikum geht gebannt jede Bewegung mit: Immer wieder Raunen, ungläubiges Kopfschütteln, Seufzen, Luft anhalten, Mitschwitzen in der Hitzewelle und erleichtertes Auflachen.
Die Spannung reißt nie ab, man ist ganz nah dran, wenn die Artistinnen und Artisten sich stark und verletzlich zeigen, alleine und zusammen in Wellen das Leben durchlaufen: Sie geraten aneinander, stoßen sich ab, umarmen sich, wachsen über sich hinaus und ruhen gemeinsam auf dem Boden. Verbundenheit und Innigkeit sind groß, Grenzen und Möglichkeiten werden sichtbar. Darin liegt die Stärke der Inszenierung. Die Körper können nur deshalb so hoch hinaus, weil andere bereitstehen. Gemeinschaft bedeutet hier nicht, dass Unterschiede verschwinden. Sie bedeutet, dass die Einzelnen ihren Platz wechseln können: Einer trägt, dann wird er selbst getragen.
Plädoyer für Zusammenhalt
Das Collectif XY arbeitet seit mehr als 17 Jahren als große Gruppe, gemeinsam mit Rachid Ouramdane ist ihm ein körperlich höchst eindrucksvolles und zugleich intimes Plädoyer für Zusammenhalt gelungen. Nach rund einer Stunde gibt es begeisterte Standing Ovations.
La Strada läuft noch bis 8. August. Insgesamt stehen 21 Produktionen in 101 Vorstellungen auf dem Programm, mehr als 80 davon bei freiem Eintritt. Zu den weiteren Höhepunkten zählen der belgische Circus Ronaldo mit seiner Familiengeschichte “Da Capo” im Zirkuszelt beim Reininghauspark, ein Fahrradballett von La Bande à Tyrex auf dem Hauptplatz sowie die kanadische Formation Le Patin Libre, die mit Rollschuhen und Cellisten auf die Augartenwiese, den Bauernmarkt und in den Murpark kommt. Auch Performances und Workshops zum Mitmachen hält La Strada wieder bereit.
(Von Anna Stockhammer/APA)
(S E R V I C E – Festival La Strada, 31. Juli bis 8. August, )