Lecavalier flirtete bei ImPulsTanz mit Licht und Schatten

“Tanz ist ein Duett mit dem Nichts”, schreibt die kanadische Tanzikone Louise Lecavalier über ihr Stück “danses vagabondes”, das am Sonntag im Rahmen von ImPulsTanz im Akademietheater zur umjubelten österreichischen Erstaufführung geriet. Rund 60 Minuten lang testete die 67-Jährige mit jeder Faser ihres Körpers ihre eigenen wie die Grenzen des Raumes aus – “jene eines Tages, eines Jahres, eines Alters”. Ein Ereignis.
Präzise und zugleich suchend, hoch konzentriert und sich dem Moment unterwerfend, standen kleine Gesten wie das Vibrieren einzelner Finger neben ausufernden wie einladenden Bewegungen, die von Anfang an einen unsichtbaren Faden in den Zuschauerraum spannen, den Lecavalier je nach Lust und Laune bis zum Zerreißen festzog, nur um ihn Sekunden später wieder locker schwingen zu lassen.
Jeder Schritt könnte der erste sein
Diese “wandernden Tänze” – inspiriert von Carlo Rovellis “Écrits vagabonds” – scheinen kein Ziel zu haben, vielmehr ist es ein Weg voller Überraschungen, den Lecavalier hier im Duett mit Licht und Schatten geht und einer Zauberin gleich eine verborgene Welt eröffnet, in die sie ihr Publikum zu mal knackigen, mal plätschernden und dann wieder düster-wummernden Beats von Dawn of Midi über Nils Frahm bis zu Nick Cave mitnimmt – und nicht mehr auslässt.
“Den nächsten Schritt machen, als wäre es der erste, darin liegt ein unschuldiger Reiz”, schreibt Lecavalier, die in den 1980er Jahren unter der Leitung von Édouard Lock zu La La La Human Steps kam und dort rasch zur Ikone der Compagnie wurde, ehe sie 2006 mit Fou Glorieux ihr eigenes Kollektiv gründete, mit dem sie nun auch in Wien zu sehen war. Und tatsächlich hat diese Performance, die alles Erlebte nicht einfach abhakt, sondern tanzend neu befragt, etwas beklemmend Unschuldiges.
Im Duett mit den LED-Punkten
Hinter der leeren Tanzfläche fungierte eine riesige LED-Leinwand weniger als Kulisse denn als digitale Duett-Partnerin. Mal in gleißendem Weiß, dann in blendendem Rot, voll bespielt oder nur in Teilen aufblinkend, reagieren die Visuals von Jean-François Piché auf Lecavaliers Suchbewegungen in ihrer eigenen Erinnerung, in den Erinnerungen der Menschheit, die man in ihren Bewegungen meist nur erahnen, aber selten fassen kann.
Im schwarzen Jogginganzug, mit einem seidenen Mantel verhüllt, betritt sie von einer Kapuze verdeckt die Bühne. Zwei dünne, weiße Zöpfe hüpfen über die Brust, als sie sich rhythmisch zu den wummernden Bässen bewegt, sich in kleinsten Schritten rasend schnell vorwärts wie rückwärts über die Bühne bewegt und ihre Gliedmaßen gleichermaßen bei voller Fahrt im Raum zu erkunden scheint, über die sie die Kontrolle sucht – und schließlich auch findet.
Sie krümmt sich, sie öffnet sich, wirft sich den Mantel von hinten über den Kopf und lugt geisterhaft durch den so entstandenen Spalt, bevor sie sich nach und nach ihrer Verkleidung entledigt und Kleidungsstück für Kleidungsstück ablegt – ihr weißes, langes Haar hat sich da schon längst aus seinen Zöpfen gelöst -, bis sie nur mehr in Hose und transparentem, ärmellosem Shirt in einem einzigen Scheinwerferlicht vor ihrem Publikum steht, und zeigt: Das bin ich.
(Von Sonja Harter/APA)
(S E R V I C E – ImPulsTanz – “Danses vagabondes” von Louise Lecavalier / Fou Glorieux im Akademietheater. Choreografie und Performance: Louise Lecavalier, Licht- und Videodesign: Jean-François Piché, Kostüm: Yso. Weiterer Termin: 21. Juli, 19 Uhr. )