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Warum Spanien und Argentinien im Finale stehen

19.07.2026 • 08:00 Uhr
POY
Andres Iniésta (r.) erzielte in der Nachspielzeit des WM-Finales 2010 in Südafrika gegen den Niederländischen Nationalkeeper Maarten Stekelenburg (l.) das entscheidende Tor für Spanien. AFP

Der Titelverteidiger fordert den Europameister. Altmeister Lionel Messi empfängt seinen 20 Jahre jüngeren Nachfolger beim FC Barcelona. Doch wer schnappt sich heute die begehrte Trophäe?

Nach vier intensiven Wochen und 102 absolvierten Spielen stehen die beiden Finalisten der bisher größten Weltmeisterschaft aller Zeiten fest. Zum ersten Mal in der Geschichte duellieren sich der amtierende Weltmeister und der amtierende Europameister um die begehrteste Trophäe im Fußball. Argentinien und Spanien erreichten das Finale auf unterschiedliche Art und Weise, doch beide hatten am Ende eines gemeinsam: Nicht die spektakulärsten Offensivreihen oder die teuersten Starensembles setzten sich durch, sondern jene Mannschaften, die in den entscheidenden Momenten geschlossener, klarer und mental stärker wirkten. Beide verkörpern derzeit mehr Team als Einzelkämpfer.

Dominanz durch das Kollektiv

Spanien spielt keine überragende Weltmeisterschaft – aber eine effiziente. Die Mannschaft von Luis de la Fuente setzte vom ersten Spiel weg auf eine solide Defensive und die richtige Balance im Spiel nach vorne: Kontrolle statt Spektakel. Am Ende war nicht Lamine Yamal der große Star Spaniens, sondern das Kollektiv. Denn obwohl Spanien nominell nur mit einer Viererkette plus Rodri davor als einzigem Sechser auflief, kassierte man auf dem Weg ins Finale nur ein Gegentor und spielte in sechs Spielen zu Null – Rekord. Selbst gegen die beste Offensive der WM um Kylian Mbappé, Michael Olise, Ousmane Dembélé und Désiré Doué ließ die „Furia Roja“ nahezu nichts zu. Man war schlichtweg besser organisiert und hatte vor allem dank Rodri die Kontrolle im Mittelfeld. Frankreich-Teamchef Didier Deschamps hätte vermutlich früher auf mehr Balance setzen und einen zusätzlichen zentralen Mittelfeldspieler bringen müssen, selbst wenn dafür einer der großen Offensivnamen geopfert worden wäre.

Die Spanier erspielten sich im Halbfinale keine Flut an Chancen, doch sie waren klarer, konsequenter und wirkten in jeder Phase des Spiels kontrollierter. Und so greifen die Iberer in den USA nach ihrem zweiten Stern. Auch 2010 ging man als amtierender Europameister ins Endspiel. Damals setzte man sich nach hartem Kampf gegen die Niederlande mit 1:0 nach Verlängerung dank Andres Inista durch.

Mentalität und Messi

Wenn Spanien das Finale mit Struktur erreichte, dann Argentinien mit Mentalität und Lionel Messi. Die „Albiceleste“ drehte bereits zum zweiten Mal bei dieser Weltmeisterschaft ein Spiel in der Nachspielzeit. Gegen Ägypten machte man im Achtelfinale aus einem 0:2 ein 3:2, gegen England aus einem 0:1 ein 2:1. Zudem setzte man sich gegen Kap Verde und die Schweiz nach Verlängerung durch. Argentinien glänzte bei diesem Turnier selten, zeigt aber, dass die Mannschaft nichts aus der Ruhe bringen kann. Natürlich gab es im Turnierverlauf auch Entscheidungen, die zugunsten der Südamerikaner ausfielen. Doch das allein erklärt den Finaleinzug nicht.

Mit 39 Jahren liefert Lionel Messi Zahlen ab, die selbst in seiner außergewöhnlichen Karriere surreal wirken: acht Tore und vier Vorlagen. Vor allem aber zieht er seine Mannschaft mit. In den größten Spielen ist der Weltmeister von 2022 erneut der Unterschiedsspieler – der Inbegriff eines Big-Game-Players. Während Messi das Spiel an sich riss, blieben Jude Bellingham und Harry Kane im Halbfinale offensiv weitgehend ohne Wirkung. Trotzdem gingen die „Three Lions“ nach einem schönen Angriff in Führung. Doch anstatt zu beflügeln, hemmte der Treffer die Mannschaft. Thomas Tuchel stellte früh auf eine extrem defensive Formation mit einer faktischen Sechserkette um. Das ist grundsätzlich ein bewährtes Mittel, doch gegen Argentinien kam die Umstellung viel zu früh. England verlor jede Entlastung, auch weil kein schneller Konterspieler am Feld war. Die Folge: Argentinien drückte die Engländer immer weiter in die eigene Hälfte, bis die Partie in der Nachspielzeit komplett auf den Kopf gestellt wurde. Auch dank zweier Assists von Messi.

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Lionel Messi hat bei der WM 2022 in Qatar mit seinem Tor in der 109. Spielminute das Elfmeterschießen gegen Frankreich erzwungen und so sein Land schlussendlich zum WM-Titel geführt. AFP

Gemeinsamkeiten

So unterschiedlich Spanien und Argentinien auch auftreten: Der eine Finalist überzeugt mit Ballkontrolle und taktischer Ordnung, der andere mit Leidenschaft, Widerstandsfähigkeit und einem überragenden Messi. Doch beide haben etwas gemeinsam. Sie wirken in den entscheidenden Momenten geschlossener als ihre Gegner. Frankreich besaß die größere Offensivpower, England vielleicht den breiteren Kader. Im Finale stehen trotzdem Spanien und Argentinien – weil bei dieser Weltmeisterschaft bislang nicht nur die besten Einzelspieler, sondern vor allem die besten Mannschaften gewinnen.

Und dann schreibt dieses Endspiel auch noch eine weitere ganz besondere Geschichte: Der mittlerweile 39-jährige Lionel Messi trifft erstmals auf seinen prädestinierten Thronfolger beim FC Barcelona: Lamine Yamal. Was vor 18 Jahren mit einem Bad begann, als Messi den damals erst wenige Monate alten Yamal für ein Benefiz-Kalenderfoto badete, findet nun seinen vorläufigen Höhepunkt im MetLife Stadium in New Jersey. Und auch wenn der 19-jährige Yamal diesem Turnier bislang noch nicht seinen Stempel aufdrücken konnte, zählt er längst zu den absoluten Starspielern der „Furia Roja“. Heute kann er es seinem großen Idol nachmachen und erstmals Weltmeister werden. Oder gelingt doch Messi mit Argentinien die Titelverteidigung? Ein Kunststück, das bisher nur Brasilien und Italien gelungen ist.

Von Florian Gabriel