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Warum diese WM anders verläuft als erwartet

12.07.2026 • 08:00 Uhr
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Die Stars liefern: Kylian Mbappé ist bei der WM in Top-Form und erzielte bislang acht Tore. AFP

Europa dominiert das Viertelfinale, die Superstars liefern – und trotzdem entwickelt sich diese Weltmeis­terschaft anders als erwartet. Eine Zwischenbilanz vor den entscheidenden Spielen um den Titel.

Nach knapp vier Wochen biegt die Weltmeisterschaft langsam auf die Zielgerade ein. Noch bevor die entscheidenden Spiele um den Titel beginnen, lässt sich bereits ein erstes Zwischenresümee ziehen. Sechs der acht Viertelfinalisten kommen aus Europa, die ganz große Sensation blieb bislang aus. Gleichzeitig zeigte das Turnier aber auch, dass die vermeintlich kleinen Nationen deutlich widerstandsfähiger auftraten, als viele Experten im Vorfeld erwartet hatten.
Kap Verde brachte sowohl Spanien als auch Argentinien an den Rand einer Niederlage, die Demokratische Republik Kongo verlangte England alles ab, Paraguay brachte Frankreich ins Wanken und Ägypten machte auch Argentinien das Leben schwer. Am Ende setzten sich zwar die Favoriten durch, wirklich souverän marschierte bislang jedoch kaum eine Mannschaft durch das Turnier. Statt spektakulärer Offensivfeuerwerke prägen vor allem defensive Stabilität, Standardsituationen und die individuelle Klasse weniger Ausnahmespieler diese Weltmeisterschaft.

Europas Dominanz

Mit sechs Viertelfinalisten stellt Europa erneut die dominierende Kraft dieser Weltmeisterschaft. Frank­reich, Spanien, England, Belgien, Norwegen und die Schweiz schafften den Sprung unter die besten acht. Titelverteidiger Argentinien hält für Südamerika und Marokko für Afrika die Fahnen hoch.
Bemerkenswert ist dabei die Tatsache, dass zum ersten Mal in der Geschichte von Weltmeisterschaften weder Deutschland noch Brasilien im Viertelfinale stehen. Für beide Teams war nach einem enttäuschenden Turnier früh Endstation: Der vierfache Weltmeister scheiterte blamabel im Sechzehntelfinale an Paraguay und steht nun wohl mit Jürgen Klopp vor einem Neuanfang. Der fünffache Weltmeister hingegen musste sich Überraschungsteam Norwegen im Achtelfinale trotz Führung noch 1:2 geschlagen geben. Am Ende des Tages stehen mit Frankreich, Spanien, England und Argentinien die vier prognostizierten Turnierfavoriten alle im Viertelfinale, der Weg dahin war jedoch kein einfacher.

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Auch Englands Kapitän Harry Kane hat bei dieser WM wichtige Treffer für die “Three Lions” erzielt. AFP

Superstars liefern

Ein zweiter Trend zieht sich bereits durch das gesamte Turnier: Die größten Stars dieser Endrunde übernehmen Verantwortung. Der mittlerweile 39-jährige Lionel Messi führt die Albiceleste quasi im Alleingang ins Viertelfinale, erzielte dabei acht der elf Treffer von Argentinien. Gleichzeitig liefert er sich ein Fernduell mit Kylian Mbappé. Nicht nur um die Torjägerkrone, sondern auch um die meisten WM-Tore aller Zeiten. Der 27-jährige Franzose erzielte beim 2:0 gegen Marokko sein 20. Tor im 20. WM-Spiel, acht davon allein bei dieser WM. Es ist die Offensive, die Frankreich zum Topfavoriten auf den Titel macht, denn auch Weltfußballer Ousmane Dembélé (fünf Tore) und Bayern-Star Michael Olise (fünf Vorlagen) überzeugen und machen die „Équipe Tricolore“ so unberechenbar. Und auch abseits von Messi und Mbappé liefern sich mit Harry Kane und Erling Haaland die zwei aktuell besten Mittelstürmer der Welt ein direktes Duell. Kane hat vor dem Viertelfinale sechs Treffer erzielt, Haaland einen mehr. Während der eine deutlich spielstärker ist, kommt der andere mehr über das Tempo und seine Physis. Beide eint aber vor allem eines: der unglaubliche Killerinstinkt in der gegnerischen Box.
Doch dort, wo diese individuelle Extraklasse fehlte, wurde es trotz ordentlicher Ansätze schwierig. Bei Deutschland, wo weder Florian Wirtz noch Jamal Musiala in Topform agierten, zeigte sich einmal mehr, wie wichtig Spieler sind, die in den entscheidenden Momenten den Unterschied machen können.

Spanien als Gegenmodell

Den vielleicht interessantesten Gegenentwurf zu den offensiven Schlagzeilen liefert Spanien. Die Mannschaft von Luis de la Fuente hat auf dem Weg ins Viertelfinale noch kein einziges Gegentor kassiert. Torhüter Unai Simón stellte damit einen neuen WM-Rekord auf. Der blutjunge Pau Cubarsí und der erfahrene Aymeric Laporte bilden bei diesem Turnier ein herausragendes Innenverteidiger-Duo, das wohl nur Frankreich mit Dayot Upamecano und William Saliba toppen kann. Der Europameister überzeugt bei diesem Turnier vor allem durch Kontrolle, Organisation und einer außergewöhnlich stabilen Defensive. Offensiv fehlen jedoch noch die Dynamik und Gefährlichkeit wie beim EM-Titel 2024 in Deutschland. Aber: Auch 2010 holte Spanien mit einer ähnlichen Herangehensweise, ohne groß zu glänzen, den Titel. Damals gewann die „Furia Roja“ jedes einzelne K.o.-Spiel mit 1:0.

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Der junge Pau Cubarsí (l.) ist aus Spaniens Abwehr nicht mehr wegzudenken. AFP

Defensive schlägt Spektakel

Überhaupt fällt auf, wie selten diese WM echte Offensivfeuerwerke erlebt. Selbst Frankreich, das mit Mbappé, Olise oder Dembélé über enorme Qualität verfügt, tat sich gegen Paraguay überraschend schwer. Viele Partien wurden durch eine einzelne Standardsituation, einen Konter oder einen individuellen Moment entschieden. Gerade ruhende Bälle haben deutlich an Bedeutung gewonnen. So setzte sich zum Beispiel Argentinien in der Verlängerung gegen Kap Verde am Ende auch dank zweier Ecken durch.

Schlagzeilen

Für viel Diskussion sorgte die Weltmeisterschaft auch abseits des Rasens. Besonders die nachträgliche Aberkennung einer Roten Karte nach öffentlichem Druck aus dem Umfeld von US-Präsident Donald Trump löste international heftige Reaktionen aus. Die Debatte über politischen Einfluss auf sportliche Entscheidungen dürfte das Turnier deshalb noch länger begleiten. Auch weil die Schiedsrichter immer wieder im Fokus stehen.
Welche vier Mannschaften tatsächlich im Halbfinale stehen werden, lässt sich zum Zeitpunkt dieser Zwischenbilanz noch nicht sagen. Einige Entwicklungen dieser Weltmeis­terschaft zeichnen sich jedoch bereits deutlich ab: Europa dominiert das Teilnehmerfeld, die Superstars liefern, Außenseiter kämpfen hartnäckiger als je zuvor – und vor allem zeigt sich, dass defensive Stabilität und Standardsituationen im modernen Turnierfußball oft wichtiger sind als spektakuläre Offensivkunst. Die kommenden Tage werden zeigen, welche Mannschaft diese Balance am besten beherrscht und sie auch zeigen kann.

Von Florian Gabriel