„Es sieht komisch aus, ich kann’s nicht schönreden“

ansonsten befindet sich ihr Trainingsmittelpunkt auf dem Laufband.
Dedeleit (2)
Geherin Theresia Emma Mohr von der TS Egg ist als gelernte Raumausstatterin im elterlichen Betrieb tätig und wird, im Betriebsurlaub, bei der EM in Birmingham den Halbmarathon laufen. Für das Training der oftmals skeptisch beäugten Disziplin wählt die 20-Jährige das Laufband.
Wenn ein Foto zu einer Geschichte gesucht wird, bietet sich ein Wettkampfbild oder ein Schnappschuss am Trainingsort an, wo der Athlet nicht selten den Großteil seiner „Freizeit“ verbringt. Fragt man Theresia Emma Mohr, überrascht die Antwort doch ein wenig. „Auf dem Laufband“, sagt die Geherin der TS Egg, die Österreich bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham vertreten wird.
Die 20-jährige Andelsbucherin muss dabei selbst lachen, „aber ja, zu 85 Prozent bin ich dort zu finden“. In einem großen Raum, mit Crosstrainer, Laufband, einem eingespannten Fahrrad –und Gewichten. Dank einer großen Fensterfront mit Blick auf den Brühlbach ist die Natur im Nachbarhaus des Wohnhauses allgegenwärtig. Dass Trainingspartner für eine Geherin dieser Klasse nicht zuhauf zu finden sind (vor ihrem US-Aufenthalt war Vereinskollegin Pauline Schedler oftmals an der Seite), ist jedoch nur ein Grund für die Wahl des Laufbands.
Bei Männern roboterhaft
„Zum einen hilft es ungemein, ein Tempo durchgängig zu laufen. Meist erreiche ich so schnellere Zeiten, denn wenn du langsamer wirst, spickt’s dich raus“, sagt Mohr und muss wieder lachen. Zudem falle es ihr mental leichter als im Freien zu gehen. Und dies ist der nächste, doch bemerkenswerte Grund für die Entscheidung gegen die Öffentlichkeit: „Im Dorf kennt dich freilich jeder. Und wenn dann Jungs in meinem Alter entgegenkommen, heißt es, was macht die denn da? Das sieht aber komisch aus!“ Theresia Emma Mohr wird etwas nachdenklicher, aber nicht unsicher. „Ich mach es gerne, das Gehen macht Spaß, auch wenn es brutal anstrengend ist. Aber ich versteck es doch ein wenig. Weil es einfach komisch aussieht, ich kann’s nicht schönreden.“
Etwas Positives findet Österreichs Nachwuchsathletin des Jahres (als erste Gehsportlerin überhaupt) aber auch: „Bei Frauen sieht es geschmeidiger aus, sie haben einen besseren Hüftschwung. Männer kommen doch eher roboterhaft daher.“
Kaum Förderungen
Ins Gehen sei sie „reingerutscht“, hin und wieder wagt die Andelsbucherin den Ausflug auf die „normale“ 5000-Meter-Laufstrecke, „du wirst automatisch auch im Laufen besser, aber beides auf hohem Niveau durchzuziehen ist nicht möglich. Und wenn du keine dementsprechenden Platzierungen erreichst, ist die Förderung weg“, weiß die U23-Geherin, die vom ÖLV unlängst in den B-Kader der Erwachsenen hochgestuft wurde. Sporthilfe gibt es keine mehr, das Olympiazentrum sieht sie nur für die Leistungsdiagnostik oder auch mal für einen Besuch beim Physiotherapeuten von innen. Einen Mentalbetreuer erwägt die Siebte der U20-Europameisterschaften in Tampere einmal zu Rate zu ziehen, „ich bin des Öfteren krank, vor allem, wenn ich mir selbst Druck mache, löst das eine Erkältung aus. Etwa, wenn Prüfungen wie die für den Führerschein anstehen. Komischerweise nicht, wenn es zu großen Meisterschaften wie ÖM oder EM geht.“
Dass die Förderungen von welcher Seite auch immer nicht so wie gewünscht fließen, kann Theresia Mohr verkraften, geht sie als gelernte Raumausstatterin im elterlichen Betrieb einem Fulltimejob nach. Zumeist seien es 45 Stunden die Woche, „meine Eltern fordern schon etwas ein, die Übernahme des Betriebs ist ja wie auch für meine Schwester Anna-Maria (24) ein Thema. Aber vielleicht kann ich mal ein wenig verhandeln“, sagt die dreifache nationale Titelträgerin, der jedoch bewusst sei, dass der Job vor dem Sport kommt. Trainingslager gehen sich nicht aus, zur Zeit der EM ist Betriebsurlaub, die weiteren Wettkämpfe fallen aufs Wochenende oder gehen von ihrem Urlaub ab. So auch zuletzt beim glanzvollen Auftritt bei den Raiffeisen Austrian Open in Eisenstadt, wo die 20-Jährige als Zweite zu einer neuen Weltbestleistung (6:21.85 Minuten) über die selten gelaufene Distanz von einer Meile ging. „Das war schon cool, der Veranstalter hat sich richtig gefreut. Aber für mich sind Erfolge wie in Tampere bei einer EM schon eine Stufe höher anzusiedeln.“ Dort bekam Mohr auch von ÖLV-Teamleiter und Dreisprung-Doppel-Olympiasieger Christian Taylor ein Extralob, indem er die Eigenschaften der Geherin explizit erwähnte („Sie zeigt, was mit Willen, Talent und Disziplin zu erreichen ist.“).

Quotenplatz gesichert
Wichtig war für die Bregenzerwälderin auch der Wiener Prater, wo sie sich zur ersten österreichischen Staatsmeisterin im Halbmarathon-Gehen kürte. In 1:42.51 setzte sie sich auf der neuen Distanz, die seit heuer das 20-Kilometer-Gehen abgelöst hat, auch gegen internationale Konkurrenz durch. Dank dieser Zeit und der Bonuspunkte für den Titel verbesserte sich Mohr im European Ranking weiter nach vorne und konnte sich als 24. (von 35 Geherinnen) ihren Quotenplatz für die Teilnahme an den Europameisterschaften sichern. Die österreichische Rekordhalterin der allgemeinen Klasse über 3000 Meter Indoor, zehn Kilometer Bahngehen, über 20 Kilometer und im Halbmarathon (pB 1:37.51) freut sich vor allem über Erfolge bei den Erwachsenen, so beim Gold-Meeting der World Athletics Race Walking Tour in Podebrady/Tschechien, wo sie Zehnte im Halbmarathon wurde. „Das Gehen ist anstrengend, das sagt jeder, der es schon probiert hat. Im Hinterkopf musst du auch immer die Technik haben, die ich aber von Anfang an intus gehabt habe. Für die Gelenke ist das Gehen gesünder, auch die Hüfte hat noch nie weh getan. Nur Muskelkater in den Schienbeinen hat es schon gegeben. Wer gefordert werden will, der soll es mal machen“, so die zweifache Starterin des European Youth Olympic Festivals (EYOF), die stilistisch oftmals eine der Besten ist und sich im Normalfall nicht mit gelben oder gar roten Karten der Jury beschäftigen muss „Es heißt nur, ich könnte beim Gehen noch mehr die Arme mitnehmen. Ob mich das schneller macht, weiß ich nicht. Ich habe es ein paar Mal probiert, der Puls ging dann immer gleich zehn Schläge hoch.“
Zukunftspläne
Die 65. der Weltrangliste blickt trotz EM heuer schon auf 2027. Trotz großer Freude über Erfolge gegen Erwachsene steht bei Mohr die U23-EM Ende Juli in Bydgoszcz/Polen hoch im Kurs, denn „da will ich in dieser Altersklasse noch einmal angreifen, da mein Jahrgang brutal gut ist. Die EM bei den Erwachsenen kann ich noch öfter laufen, ich muss das Jungsein noch ausnützen.“ Und auch 2028 ist ein großes Ziel, das mit der U23-EM zusammenhängt, schon im Kopf der Andelsbucherin: „Mit den Titelkämpfen in Polen beginnt der Qualifikationszeitraum für die Olympischen Spiele in Los Angeles. Und da wäre ich gerne dabei“, sagt die Raumausstatterin, die für dieses Großereignis in Übersee wohl auch Sonderurlaub bekommen würde.

Die TS Egg, der Mohr seit neun Jahren angehört, wird somit auch heuer wieder des Öfteren in den Schlagzeilen stehen. Bodo-Preisträgerin 2026 des VLV wurde Claudia Lüthi, die Trainerin der TS steht im Gegensatz zum Fußball nicht so im Vordergrund wie ihre Athleten oder der Verein. Dieser sorgte schon 2025 bei den U20-Europameisterschaften in Tampere als erfolgreichster Klub im ÖLV für Schlagzeilen, die Turnerschaft durfte mit Platz sieben und neun über die besten Platzierungen bei diesen Titelkämpfen jubeln. Dafür sorgten Theresia Emma Mohr und 1500-Meter-Mittelstrecklerin Pauline Schedler, die heuer bei den U20-Weltmeisterschaften in Eugene starten wird. Aber auch EYOF-Teilnehmer Zsombor Klucsik läuft bekanntlich für die Egger, der 400-Meter-Hürdenspezialist sprintet derzeit bei der U18-EM in Rieti um eine weitere vordere Platzierung in seiner ebenfalls noch jungen Karriere.
Von Jochen Dedeleit