“Leopoldstadt” in Bregenz – vom hohen Wert der Erinnerung

03.10.2026 • 18:01 Uhr

Die Kultur des Eingedenkens ist für Österreich, das sich nach dem Ende der NS-Diktatur jahrzehntelang in der Opferrolle inszenierte und die Täterrolle negierte, ein wichtiges Thema. Johannes Lepper fokussiert sie in seiner vom Premierenpublikum gut aufgenommenen Inszenierung des Dramas “Leopoldstadt” von Tom Stoppard. Mit seiner Geschichte einer jüdischen Familie in Wien von 1899 bis 1955 hat das Vorarlberger Landestheater am Freitagabend die Saison eröffnet.

Dass das 2020 in London uraufgeführte, nach dem Wiener Bezirk Leopoldstadt betitelte Stück auch nach Wien gehört, stand für das Theater in der Josefstadt, das die von Daniel Kehlmann erstellte deutsche Fassung bereits 2022 präsentierte, außer Frage. Hatte der Brite Tom Stoppard (1937-2025), dessen Eltern vor den Nazis aus dem tschechischen Zlín nach Singapur flohen und der erst als über Fünfzigjähriger von seiner jüdischen Herkunft und der Ermordung vieler Mitglieder seiner Familie erfuhr, sein Stück doch eigens in der Donaumetropole angesiedelt. Dort, wo viele jüdische Intellektuelle um die Jahrhundertwende den kulturellen Reichtum der Stadt mitgestalteten und wenige Jahrzehnte später vertrieben und vernichtet wurden.

Einem Bedürfnis nach Erinnerungskultur entsprechend

Die Realisierung am Vorarlberger Landestheater entspricht, wie Regisseur Johannes Lepper im Gespräch mit der APA erläuterte, einem “Bedürfnis nach Erinnerungskultur. Wir haben die Geschichte einer Familie, an der wir die Auswirkungen der äußeren Geschichte sehen. Es ist erschreckend, wie wenige von den jungen Menschen noch wissen, was der Holocaust bedeutet. Ich stehe dazu, dass man das erzählen muss.”

Das Premierenpublikum pflichtete ihm am Freitagabend bei: Nach dem Auftritt des Regisseurs ging der Applaus für das Schauspielensemble in Standing Ovations über, die auch der Stückwahl von Stephanie Gräve zuzurechnen sind. Die ehemalige Landestheater-Intendantin hatte einen Spielplan für die Saison 2026/27 zu erstellen, in der das Bregenzer Kornmarkttheater wegen dessen Sanierung nicht zur Verfügung steht. Das Stück erzähle nicht nur viel über unsere Geschichte, sondern auch über unsere Gegenwart, erklärte sie der APA ihre Wahl. Da die “großartige Literatur Raum zum Atmen braucht”, war die Werkstattbühne im Festspielhaus der geeignete Ort. Eine gute Überlegung: Tom Stoppards großes, erschütterndes Gesellschaftspanorama schmilzt in Bregenz nicht zu einer kleinen Version.

Gesellschaftspanorama zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Wien

Gemeinsam mit Doreen Back, die das Bühnenbild und die Videos verantwortet, versteht Johannes Lepper die gesamte weite Fläche vor der Zuschauertribüne zu nutzen. Ein Luster, eine lange Tafel, zahlreiche Stühle, ein Flügel und den Raum unterteilende, für Projektionen taugliche Vorhänge bilden den Rahmen für die auftretenden Mitglieder einer weit verzweigten, weitgehend assimilierten jüdischen Familie in Wien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

In der Runde von Unternehmern, Ärzten und Wissenschaftern feiert man Weihnachten und den Sederabend, Eheschließungen mit Christen sind kein Konfliktgrund. Eher bekundet man unterschiedliche Meinungen zur Sinnhaftigkeit eines Staates für das jüdische Volk. Die Erwähnung von Arthur Schnitzler, Gustav Mahler, Sigmund Freud und Gustav Klimt illustriert das Gesellschaftspanorama zusätzlich. Die Konfrontation mit antisemitischen Ressentiments um 1900 ist etwa in der Begegnung mit einem deutschnational angehauchten Offizier fein gezeichnet und kippt in der Bregenzer Inszenierung ebenso nicht ins Belehrende wie die gut recherchierten Bemerkungen zu den Anschlussbestrebungen an Deutschland bereits um 1920.

Keine Sequenz wirkt zu lang

Die Rollen mehrfach zu besetzen verlangt nach Konzentration, die das Ensemble mit Nurettin Kalfa, Nanette Waidmann, Rebecca Hammermüller, Isabella Campestrini, Maria Lisa Huber, Nico Raschner-Ernst, Luzian Hirzel und mehreren neuen oder in Bregenz bereits bekannten Gästen (etwa Michael Witte, Thieß Brammer und Sabine Wegmann) einbringt. Keine Sequenz wirkt zu lang in den über zweieinhalb Stunden Spieldauer. Die Artikulation ist meist scharf, die im großen Raum notwendige akustische Verstärkung ist mitunter eine Spur zu laut eingestellt. Eine spezifische Figur zu gestalten, die bewusst auch für ein stereotypes Verhalten stehen kann – dieses Spiel beherrschen alle bestens. Die eingeblendeten Videos deuten schemenhaft auf die Zeit vom Ersten Weltkrieg bis zu den Novemberpogromen 1938, die Bühnenszenen mit den Demütigungen sind schmerzhaft.

Am Ende, im Jahr 1955, treffen sich drei Nachkommen der Familie in der ehemaligen Wohnung wieder. Rosa ist aus New York angereist und erzählt vom Klimt-Porträt ihrer Tante, das einst enteignet nun im Belvedere hängt. Der als Engländer sozialisierte Leo erfährt erstmals von seinen jüdischen Vorfahren. Nathan, gespielt von Thieß Brammer, ist als einer der wenigen, die die Vernichtungslager überlebt haben, nach Wien zurückgekehrt, will bleiben und schafft es, in seinen Erinnerungen unausgesprochen den wesentlichen Begriff zu vermitteln: Verantwortung.

(Von Christa Dietrich/APA)

(S E R V I C E – “Leopoldstadt” von Tom Stoppard, übersetzt von Daniel Kehlmann. Regie: Johannes Lepper; Bühne und Video: Doreen Back; Kostüme: Monika Gebauer; Licht: Simon Tamerl. Mit Thieß Brammer, Isabella Campestrini, Olga Gubina, Rebecca Hammermüller, Luzian Hirzel, Maria Lisa Huber, Nurettin Kalfa, Nico Raschner-Ernst, Nanette Waidmann, Sabine Wegmann, Michael Witte und einigen Kindern und Jugendlichen. Weitere Aufführungen am 4., 6., 7., 8., 9., 10. und 11. Oktober auf der Werkstattbühne im Bregenzer Festspielhaus. )