Levit und Hinterhäuser in Salzburg im Klangstrudel

Olivier Messiaens “Visions de l’Amen” ist kein Werk für pianistische Zurückhaltung. Der siebenteilige Zyklus fordert zwei Pianisten mit enormer klanglicher Fülle und technischer Virtuosität. Igor Levit und Markus Hinterhäuser machten daraus am Dienstagabend bei den Salzburger Festspielen einen technisch beeindruckenden, ungemein farbigen Klavierabend. Dabei waren es gerade ihre unterschiedlichen Arten, sich dieser Musik hinzugeben, die dem Abend Spannung verliehen.
Messiaen lässt in seinen sieben Visionen musikalische Gedanken wiederkehren, ohne sie in ihren Grundfesten wesentlich zu verändern. Stattdessen werden sie immer dichter ausgeschmückt und neu koloriert, tonale Klänge treffen dabei ganz selbstverständlich auf atonale Komplexe. Zusammengehalten wird der Zyklus von einem choralartigen Thema, das bereits zu Beginn erklingt und immer wieder zurückkommt.
Levit und Hinterhäuser machten diese Schichtungen auch durch eine zunächst deutlich wahrnehmbare Rollenverteilung hörbar. Hinterhäuser trug am Beginn schwere Akkorde durch den Saal, während Levit darüber hohe Töne plätschern ließ. Doch je weiter der Zyklus voranschritt, desto stärker geriet diese Ordnung in Bewegung. Hinterhäuser blieb dabei meist konzentriert in den Noten, während Levit seinem Partner immer wieder aufmerksam zuhörte und die Musik auch körperlich mitvollzog. Mal spielten sie einander Akkorde und Figuren zu, dann bündelten sie ihre Kräfte wieder in Unisono-Passagen. Aus dem Nebeneinander zweier unterschiedlicher Pianisten entwickelte sich so zunehmend das Miteinander eines eingespielten Teams.
Kein bloßes Virtuosenstück
Dazwischen öffneten sich immer wieder lichte Räume. Mal wirkten einzelne Töne wie kleine Steine, die in einen stillen See geworfen wurden und von dort ihre Wellen zogen. Besonders in Hinterhäusers Spiel schimmerte stellenweise eine Klangwelt durch, die an Debussys “Clair de lune” denken ließ. Richtung Ende wurde aus diesem Spiel mit Wiederkehr und Veränderung ein immer intensiverer pianistischer Kraftakt. Die Klangschichten türmten sich auf, Akkorde und Figuren flogen zwischen den Flügeln hin und her. Levit hatte dabei sichtlich Freude an den Sprüngen der letzten Passagen, während Hinterhäuser seinen Part mit konzentrierter Ruhe dagegenstellte. Technisch war das beeindruckend, ohne zum bloßen Virtuosenstück zu geraten: Zu deutlich war zu spüren, dass hier zwei Pianisten auf sehr unterschiedliche Weise Freude an Messiaens Musik hatten.
Am Ende löste sich schließlich auch diese Unterschiedlichkeit im gemeinsamen Rausch auf. Levit und Hinterhäuser gingen mit voller Kraft ins Ziel, das Plätschern des Beginns blitzte noch einmal auf, bevor sich beide vom anschwellenden Klangstrudel mitreißen ließen. Das Publikum folgte ihnen bereitwillig. Binnen kurzer Zeit stand der Saal, es gab Jubel und Standing Ovations, sogar einige Blumen flogen Richtung Hinterhäuser auf die Bühne.
(Von Larissa Schütz/APA)
(S E R V I C E – Olivier Messiaen: “Visions de l’Amen”, Markus Hinterhäuser, Igor Levit. )