Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ist 80

20.10.2026 • 05:00 Uhr
Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ist 80

Ein paar Mal hat sich Elfriede Jelinek in den vergangenen Jahren bei öffentlichen Anlässen gezeigt, etwa 2023 bei der Überreichung der Urkunde als Wiener Ehrenbürgerin, 2024 bei einer Ehrung in der Französischen Botschaft oder 2025 einer Feier im “Lotte-Brainin-Hof”. Als Mitunterzeichnerin von Manifesten und Aufrufen sowie als Verfasserin von Theaterstücken ist sie präsent wie eh und je. Öffentliche Auftritte zu ihrem 80. Geburtstag am 20. Oktober wird es dennoch nicht geben.

Auch der pompösen Nobelpreiszeremonie in Stockholm blieb die Dichterin fern. Die Schwedische Akademie zeichnete sie 2004 für den “musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen” in ihren Werken, in denen sie “die Absurdität gesellschaftlicher Klischees und ihrer unterjochenden Macht” offenlegt, aus. Die Literaturnobelpreis-Urkunde und die dazugehörige Medaille bekam sie eine Woche nach der offiziellen Gala in der Residenz der Schwedischen Botschaft in Wien überreicht, ihre “Im Abseits” betitelte Preisrede schickte sie per Video. Der Nobelpreis habe sie “vollkommen und endgültig von der menschlichen Gesellschaft abgeschlossen”, sagte sie ein Jahr danach. “Ich finde das aber nicht so schlecht. Jetzt fühle ich mich frei.”

“Es ist kein Wollen, sondern ein Müssen”

Jelinek fühlt sich frei zu schreiben, was, wann und wie sie will, ihr bevorzugtes Publikationsorgan ist seit langem ihre Homepage, um die sich bis zuletzt ihr 2022 verstorbener Ehemann, der deutsche Komponist und Informatiker Gottfried Hüngsberg, kümmerte. Hier nimmt sie auch regelmäßig Stellung zu den Themen der Zeit, die sie in ihren Stücken häufig mit der Literatur- und Kulturgeschichte von der Antike aufwärts in Bezug setzt. “Es ist kein Wollen, sondern ein Müssen; ich bin eine Triebtäterin”, kommentierte sie in einem APA-Interview einmal ihren Schreibzwang, den sie selbst in ihren Texten häufig ironisiert. Dass sie den Regisseurinnen und Regisseuren mit ihren Textflächen (häufig ohne Rolleneinteilung) gänzlich freie Hand lässt, sorgt nicht nur für Abwechslung, sondern auch für Beliebtheit in den Theatern.

Elfriede Jelinek wurde – wiewohl Tochter eines in Wien lebenden Ehepaares – am 20. Oktober 1946 in Mürzzuschlag in der Steiermark geboren. Ihre “ungemein leistungsbezogene” Mutter habe sie zum Wunderkind “dressieren” wollen, erklärte Jelinek einmal. Mit sechs Jahren begann sie ihren Klavierunterricht und übte schon bald an einem eigens angeschafften Steinway-Flügel. Mit 13 wurde sie jüngste Schülerin in der Musikhochschule und begann ein Orgelstudium. Später lernte sie auch Bratsche und Gitarre, mit 16 auch noch Komposition.

Nach der Matura, die sie an einer Klosterschule ablegte, studierte sie am Wiener Konservatorium Klavier und Komposition, belegte daneben aber auch Sprachen, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte. Aus der für sie von der dominanten Mutter Ilona Jelinek, die bis zu ihrem Tod im Jahr 2000 großen Einfluss auf das Leben ihrer Tochter hatte und wohl in “Die Klavierspielerin” verewigt wurde, geplanten Musikerinnenkarriere wurde dennoch nichts, Elfriede Jelinek wurde Autorin. Noch als Studentin veröffentlichte sie 1967 ihren ersten Gedichtband “Lisas Schatten”.

Sexualität, Gewalt und Macht

Sowohl ihr Romandebüt “wir sind Lockvögel, baby” (1970) als auch die Romane “Die Ausgesperrten” (1980) und “Die Klavierspielerin” (1983) begeisterten die Kritiker, stießen jedoch in gleichem Maße auf heftigen Widerstand. In ihrer literarischen Arbeit übt Jelinek immer wieder scharfe Kritik an der Männer- und Klassengesellschaft und setzt sich kritisch mit den Themen Sexualität, Gewalt und Macht auseinander. Aufsehen, Neugier und Widerspruch erregte besonders der Roman “Lust” (1989). Als ihr “opus magnum” bezeichnet sie selbst “Die Kinder der Toten” (1995). Im Jahr 2000 erschien “Gier”, ein vieldeutiger Kriminalroman aus der österreichischen Provinz. Ihren bisher letzten Roman “Neid” (2008) veröffentlichte sie im Internet. Ausgedruckt umfasst er 936 Seiten.

“Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaft” war 1979 das erste Theaterstück Elfriede Jelineks. Es folgten “Clara S.” (1982), “Burgtheater” (1985), “Krankheit oder Moderne Frauen” (1987) und “Wolken. Heim” (1988), eine Montage aus Texten von Hölderlin, Kleist, Fichte, Hegel, Heidegger und Auszügen aus Briefen der RAF-Häftlinge. Um Fremdenfeindlichkeit, Heimat und Intoleranz gegenüber anderen ging es auch in ihrem szenischen Essay “Totenauberg” (1992), der ebenso wie “Raststätte oder Sie machen’s alle” (1994), “Stecken, Stab und Stangl” (1996) und “Ein Sportstück” (1998) am Burgtheater uraufgeführt wurde.

Zunehmend wurde Elfriede Jelinek mit ihrer Verweigerung von klassischer Dramaturgie und der Entwicklung von monologartigen Textflächen zur Herausforderung der Theater, die mit immer größerer Begeisterung angenommen wurde. Zu Jelineks wichtigsten Regisseuren wurden Christoph Schlingensief (“Bambiland”), Jossi Wieler (“Macht nichts”, “Rechnitz (Der Würgeengel)”) und vor allem Nicolas Stemann (u.a. “Das Werk”, “Babel”, “Ulrike Maria Stuart”, “Die Kontrakte des Kaufmanns”, “Wut”, zuletzt: “Unter Tieren”). Im Februar 2026 fand mit der Uraufführung der Oper “Monster’s Paradise. Eine Grand Guignol Opéra” in Hamburg nach über zwei Jahrzehnten auch ihre Zusammenarbeit mit der Komponistin Olga Neuwirth eine Fortsetzung.

Abwehrreflex bei Gegnern

Ihr Bestseller “Lust” (1989), die Uraufführungen ihrer Porno-Satire “Raststätte oder Sie machen’s alle” durch Claus Peymann (1994) und von “Ein Sportstück” durch Einar Schleef (1998) sowie die Verfilmung ihres 1983 erschienenen Romans “Die Klavierspielerin” durch Michael Haneke fanden weit über die Grenzen des Literatur- und Theaterbetriebs Beachtung. Zeitungen (wie die “Kronen Zeitung”) und politische Gegner (die FPÖ plakatierte 1995 sogar den Slogan “Lieben Sie Scholten, Jelinek, Häupl, Peymann, Pasterk… oder Kunst und Kultur?”) griffen Elfriede Jelinek immer wieder an. Zumindest bei der FPÖ hat sich am Abwehrreflex nichts geändert.

Die FPÖ Wien, die schon gegen die Zuerkennung der Wiener Ehrenbürgerschaft protestiert hatte, befand jüngst die Ausgabe von 600.000 Euro, die aufgrund entsprechender Gutachten von der Wienbibliothek im Rathaus für den “erhaltenen Teil des literarischen Archivs” der Autorin gezahlt wurden, als “eine Provokation”.

(S E R V I C E – )