Lula gegen Bolsonaro: Brasilianer wählen Präsidenten

02.10.2022 • 16:41 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Lula gegen Bolsonaro: Brasilianer wählen Präsidenten

In Brasilien hat am Sonntag die Präsidentenwahl begonnen. Bei der Abstimmung forderte der linke Ex-Staatschef Luiz Inácio Lula da Silva (2003-2010) den rechten Amtsinhaber Jair Bolsonaro heraus. Mehr als 156 Millionen Wahlberechtigte sind aufgefordert, über ihren neuen Staatschef abzustimmen. Sollte im ersten Wahlgang keiner der Kandidaten mehr als 50 Prozent der Stimmen erhalten, treffen die beiden stärksten Bewerber am 30. Oktober in einer Stichwahl aufeinander.

Lula gab kurz nach Öffnung der Wahllokale seine Stimme ab und sagte dabei, er wolle Brasilien im Falle seines Wahlsieges zur “Normalität” zurückführen. Er warb für gesellschaftlichen Frieden. “Die Mehrheit der Gesellschaft will keine Konfrontation, sie will Frieden. Die Leute wollen keine Waffen verkaufen, sie wollen Bücher vertreiben. Die Menschen werden in Frieden leben”, sagte er laut einem Bericht des Nachrichtenportals UOL, nachdem er in São Bernardo do Campo seine Stimme abgegeben hatte. “Wenn die Leute sich nicht daran halten wollen und das Gesetz missachten, dann ist das ihr Problem. Aber ich denke, es wird uns leicht fallen, Demokratie und Frieden in diesem Land wiederherzustellen.”

Bolsonaro wählte am Sonntagmorgen im Stadtteil Vila Militar in Rio de Janeiro. In einem gelben Brasilien-T-Shirt gab er dort in einer Schule seine Stimme ab. “Worauf es ankommt, sind saubere Wahlen ohne Probleme”, sagte der Staatschef. “Möge der Bessere gewinnen.” Als Journalisten ihn fragten, ob er das Ergebnis anerkennen werde, drehte er sich weg. Bolsonaro streute zuletzt immer wieder Zweifel am Wahlsystem – ohne Anführung von Beweisen – und deutete an, das Ergebnis möglicherweise nicht anzuerkennen.

In den Umfragen führte zuletzt der linksgerichtete Ex-Präsident Lula mit großem Vorsprung vor dem rechtsradikalen Amtsinhaber Bolsonaro. Sollte er die Wahl gewinnen, wäre er der erste demokratische Präsident Brasiliens, der in eine dritte Amtszeit geht.

Neben dem künftigen Präsidenten werden auch Abgeordnete, Senatoren und Gouverneure gewählt. Mit ersten Ergebnissen wird in der Nacht auf Montag gerechnet.

Die Wahl hat die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas extrem gespalten. Lula bezeichnete Bolsonaro wegen dessen zögerlicher Corona-Politik als einen Völkermörder, Bolsonaro nannte seinen Kontrahenten nach dessen Verurteilung wegen Korruption einen Dieb. In den vergangenen Monaten wurden mindestens drei Lula-Anhänger von mutmaßlichen Bolsonaro-Anhängern getötet. Die Unterstützer des Amtsinhabers fordern immer wieder unverhohlen einen Militärputsch.

Nicht wenige in Brasilien machen sich auf eine brasilianische Version der Unruhen gefasst, die nach der Weigerung von Bolsonaros politischem Vorbild Donald Trump, seine Niederlage anzuerkennen, die USA erschütterten.

“Ich wünsche mir ein besseres Gesundheits- und Bildungssystem, eine bessere Wohn- und Lebenssituation”, sagte Fátima Janke, die ihre Stimme in einer Schule im Viertel Copacabana in Rio de Janeiro abgab, der Deutschen Presse-Agentur. Sie trug ein rotes T-Shirt und eine rote Jacke in den Farben der linken Arbeiterpartei.

Viele Anhänger des 76-Jährigen verbinden Lula mit den goldenen Zeiten Brasiliens, als die Wirtschaft aufgrund der hohen Rohstoffpreise boomte und die Regierung mit Hilfe von Sozialprogrammen Millionen Menschen aus der bittersten Armut holte. Für seine Gegner hingegen ist Lula verantwortlich für Korruption und Freunderlwirtschaft. “Wir können keinen Ex-Häftling wählen, der korrupt ist”, sagte Bolsonaro-Anhänger Francisco Inácio nach der Stimmabgabe in Rio. “Wir brauchen einen ehrlichen Präsidenten.”

Die Präsidentenwahl in Brasilien hat auch für den Rest der Welt eine große Bedeutung. Als riesiger Kohlenstoffspeicher spielt das Amazonasgebiet im Kampf gegen den weltweiten Klimawandel eine wichtige Rolle. Gerade angesichts der angespannten Lage auf dem Energie- und Lebensmittelmarkt wegen des Ukraine-Kriegs ist das Land mit seinen enormen natürlichen Ressourcen und seiner großen Agrarwirtschaft auch ein interessanter Handelspartner.

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