Mamdanis Kampagnenexpertin erwartet Wahlsieg der Demokraten

09.10.2026 • 06:00 Uhr
Mamdanis Kampagnenexpertin erwartet Wahlsieg der Demokraten

Wie stehen die Chancen, dass die Demokraten die Midterms gewinnen? Glaubt man Gabriella Zutrau, ziemlich gut. Die Wahlkampfhelferin des demokratischen New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani ist nämlich eine Pessimistin. “Als Zohran kandidierte, dachte ich: Keine Chance, das wird nie passieren. New York ist nicht bereit dafür”, erzählt sie im APA-Interview. Es kam ganz anders. Drei Wochen vor der US-Kongresswahl geht die New Yorkerin fix von einem Sieg ihrer Partei aus.

“Ich hoffe es, und ich glaube es. Das Land ist nämlich so ein Trümmerfeld, dass ich mir nicht vorstellen kann, wie die Republikaner die Wahl gewinnen sollen”, betont die Social-Media-Expertin. Selbst als gut situierte New Yorker Influencerin – der Account ihrer Hündin Edna mit 224.000 Followern wirft jährlich zehntausende Dollar ab und damit “viel mehr als meine Mutter verdient” – spüre sie die Teuerung. “Meine Supermarktrechnungen, meine Stromrechnungen… Wie schaffen das denn alle anderen Leute? Es ist astronomisch.”

Trump hat “alle rechtlichen Möglichkeiten” zur Wahlbeeinflussung ausgeschöpft

“Das einzige, was einen Sieg der Demokraten verhindern kann, ist Einmischung”, spricht Zutrau gleich den Knackpunkt des bevorstehenden Urnenganges an, bei dem alle 435 Abgeordneten des Repräsentantenhauses und 33 der 100 Senatoren gewählt werden. Wie fair wird er sein, und wie weit könnte der republikanische US-Präsident Donald Trump gehen, um eine Niederlage seines Lagers abzuwenden? Im Vorfeld der Wahl habe Trump “alle rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft, damit bestimmte Stimmen nicht gezählt werden, bestimmte Bevölkerungsgruppen nicht wählen können, Wahllokale aus bestimmten Stadtteilen entfernt werden und die Briefwahl unterbunden wird”, so Zutrau. “Gott sei Dank ist das alles von Gerichten gestoppt worden.”

Trump drohe aber immer noch damit, bewaffnete Beamte der Einwanderungsbehörde zu den Wahllokalen zu schicken. “Schon allein die Drohung wird einige Leute davon abhalten, zur Wahl zu gehen”, sagt die Social-Media-Expertin, die aktuell auch eine Wahlbeobachtungs-NGO in Kalifornien berät. Auf die Frage, ob solche Malversationen auch durch Beiträge in sozialen Netzwerken aufgedeckt und bekämpft werden könnten, sagt Zutrau: “Ich hoffe es, aber das wird nicht über Politiker passieren, sondern über einfache Nutzer.”

Kritik am Establishment der Demokraten

Vom Establishment der US-Demokraten ist sie enttäuscht. Viele Kandidaten würden nämlich stundenlang am Telefon sitzen, um Großspender zu keilen statt mit den Wählerinnen und Wählern in Austausch zu gehen. Einmal gewählt, vertreten auch die Demokraten dann diese Lobby-Interessen. Es gebe diesbezüglich wenige Ausnahmen, verweist sie auf die linken Aushängeschilder, Senator Bernie Sanders und Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez. Letztere wünscht sich Zutrau als Präsidentschaftskandidatin und würde auch in der Kampagne mithelfen.

Zugleich tritt sie der verbreiteten Meinung entgegen, dass linksgerichtete Kandidaten bei landesweiten Wahlen keine Chance hätten. Nein, jemand wie Mamdani könnte auch außerhalb der Demokratenhochburg New York gewinnen, betont Zutrau. “Ich habe diesbezüglich keinen Zweifel.” Auch in der Kampagne vor den Midterms sehe man das bereits, etwa im Rennen um die Senatssitze in Texas und Michigan. “Die beiden Kandidaten sind zwar keine Sozialisten, aber ihre Botschaft ist eine des Wirtschaftspopulismus.”

Auch die Gaza-Frage sei wichtig, räumt Zutrau ein. Schon bei der Präsidentenwahl 2024 sei sie ein wichtiger Grund für das schlechte Abschneiden der Demokratin Kamala Harris gewesen. Viele Anhänger der Demokraten seien damals nicht zur Wahl gegangen, “weil sie sagten, es ist so, als würde ich für jemanden stimmen, der für den Völkermord ist”.

“Fear of Missing Out” als Wahlkampfstrategie

Zutrau war diese Woche in Wien, um beim Political Communication Summit über die Social-Media-Strategie Mamdanis zu berichten. Die Veranstalter hatten sie auf einen der kleineren Säle im Wiener Rathaus gebucht, doch das Interesse der Kommunikationsexperten aus ganz Europa war riesig. Dabei erklärte sie, wie die Kampagne unter Nutzung von automatisierten Messages die Reichweite auf Instagram rasch erhöhen und aktive Follower gewinnen konnte. Einer der Wendepunkte in der Kampagne sei ein emotionales Video gewesen, in dem Mamdani mit ICE-Chef Tom Homan aneinandergeriet. Mamdanis Account hatte damals weniger als 100.000 Follower, wenige Monate später sei es eine Million gewesen, erzählt Zutrau im APA-Gespräch.

Die beste Kommunikationsstrategie nutzt freilich nichts, wenn die Inhalte nicht passen. Mamdani habe ähnlich wie Trump auf ganz wenige einfache Botschaften gesetzt und diese über die ganze Kampagne durchgehalten. Ganz wesentlich seien auch seine Wahlkampfveranstaltungen gewesen. “Die Menschen wollen zu einer richtigen Veranstaltung gehen, und das hat die Mamdani-Kampagne so gut gemacht. Ich nenne das die FOMO-Maschine”, erläutert Zutrau unter Verwendung des englischen Akronyms für das Zeitgeistphänomen der Angst, etwas zu verpassen (“Fear of Missing Out”). Wahlveranstaltungen seien in Social-Media-Videos so gut in Szene gesetzt worden, dass die Nutzer Lust bekommen hätten, beim nächsten Event dabei zu sein.

“Alle Regeln haben sich verändert”

Die Mittdreißigerin begann sich schon auf der Uni intensiver mit Social Media zu beschäftigen. Sie habe einen Weg gesucht, sich trotz körperlicher Beeinträchtigungen politisch engagieren zu können, so Zutrau. “Und da kippte ich immer mehr in den Bereich Kommunikation und Digitales.” Auf die Frage, was sich im vergangenen Jahrzehnt in diesem Bereich geändert habe, seufzt Zutrau laut auf. “Oh mein Gott, so viel hat sich verändert. Alle Regeln haben sich verändert.”

Während die Nutzerfeeds im Jahr 2016 noch entsprechend den Vorlieben der jeweiligen Freunde zusammengestellt wurden, basieren sie heute rein auf den jeweiligen Interessen. “Auf TikTok ist es sinnlos, jemandem zu folgen. Man könnte ihn genauso gut blockieren.” Diesem Vorbild seien mittlerweile auch die anderen Plattformen gefolgt. Für die politische Kommunikation sei dies “ein gewaltiger Unterschied”. Weil man nicht mehr nur das sehe, was die eigenen Freunde teilen, “kann man mehr Inhalte entdecken, die außerhalb der eigenen Blase liegen”. Damit sei das Internet demokratischer geworden. “Jeder kann Millionen von Menschen erreichen, das ist toll.”

Neben der Umstellung auf Hochformatvideos sei auch das endlose Scrollen eine große Veränderung gewesen. Damit seien die Social-Media-Apps “so toxisch” und “zu einem einarmigen Banditen in der Hosentasche geworden”, räumt die Digital Native für sich selbst “eine komplizierte Beziehung” zu Instagram und Co. ein. “Ich sage immer, diese Apps kommen aus der Hölle – niemand sollte sie benutzen.”

(Das Gespräch führte Stefan Vospernik/APA)