Manfred Honeck: “Musik steht über politischen Differenzen”

14.07.2026 • 07:08 Uhr
Manfred Honeck: "Musik steht über politischen Differenzen"

Manfred Honeck hat derzeit einen prall gefüllten Terminkalender. Wie eigentlich immer. Schließlich hat sich der gebürtige Vorarlberger als einer der führenden Dirigenten unserer Tage etabliert. Und doch geht es selbst für die kalendarischen Verhältnisse des 67-Jährigen derzeit Schlag auf Schlag. Vor kurzem ist er als Chefdirigent des Pittsburgh Symphony Orchestra bis 2033 verlängert worden und wird dann mit 25 Jahren Amtszeit der längstdienende Chef des Orchesters sein.

Vor wenigen Tagen ist ein neues Album mit Dvořáks 9. Symphonie bei Reference Records erschienen. Und bald ist Honeck bei den Salzburger Festspielen zu erleben. Die Wiener Philharmoniker führt Honeck hier ab 2. August durch die neue “Ariadne auf Naxos”. Und am 27. August ist er mit seinen Pittsburghern konzertant zu erleben – als Teil der aktuellen Europatournee des Spitzenorchesters. Mit seinem Stammklangkörper gestaltet der Maestro dann am 9. September auch das Saisoneröffnungsfest im Wiener Konzerthaus. Genug Grund also, mit Manfred Honeck ein Gespräch über Transparenz versus fetten Sound, Diktatorenschaft am Pult und das Spiel mit Demokraten und Republikanern zu führen.

“Ich bin kein Diktator”

APA: Herzlichen Glückwunsch zur Vertragsverlängerung in Pittsburgh. Es ist heutzutage selten, dass Dirigenten so lange mit einem Orchester verbunden bleiben. Was machen Sie anders?

Manfred Honeck: Es ist tatsächlich ungewöhnlich, aber für mich ist extrem wichtig, dass man in dieser schnelllebigen Zeit langfristig mit einem Orchester zusammenarbeitet. Und der Wunsch, dass ich verlängere, kam immer von den Musikern selbst. Seit 2008 habe ich 47 neue Musiker engagiert – das ist fast die Hälfte des Orchesters. Diese Kontinuität ermöglicht es, einen Klangkörper nachhaltig zu prägen und musikalisch weiterzuentwickeln. Es geht nicht nur um Konzerte, sondern darum, etwas Besonderes zu schaffen, das über Jahre wächst. Dass ich dereinst der längstdienende Dirigent in Pittsburgh sein werde, spielt für mich eigentlich keine Rolle, ehrlich gesagt. Wir haben eine Beziehung, die auf gegenseitigem Respekt basiert. Ich bin kein Diktator am Pult, aber ich habe klare musikalische Vorstellungen. Diese erarbeiten wir gemeinsam, und das macht den Erfolg aus.

APA: Sie haben Ihre Amtszeit bis 2033 verlängert. Ist das Ihr letztes Engagement als Chefdirigent?

Honeck: Wahrscheinlich. Ich werde dann 75 Jahre alt sein und denke, dass es ein guter Zeitpunkt ist, mich auf Gastdirigate zu konzentrieren.

APA: Hat die politische Entwicklung der USA Ihre Entscheidung zur Vertragsverlängerung beeinflusst?

Honeck: Nein, Musik sollte verbinden, nicht spalten. Und ich wehre mich dagegen, dass ich jetzt meine Entscheidungen von politischen Entwicklungen abhängig mache. In unserem Orchester arbeiten Republikaner und Demokraten harmonisch zusammen. Musik steht über politischen Differenzen und bietet einen Raum, in dem Menschen gemeinsam etwas Schönes schaffen können. Es ist wunderbar, dass Menschen, die verschiedene politische Ansichten haben, gemeinsam Großartiges schaffen.

APA: Es wird oft beklagt, dass sich die Klangcharakteristiken der großen Orchester angleichen. Teilen Sie diese Sorge?

Honeck: Ja, es gibt eine Tendenz zur Globalisierung, auch in der Musik. Ich halte es aber für wichtig, dass jedes Orchester seine Identität bewahrt. In Pittsburgh achte ich bei Probespielen darauf, dass neue Musiker zum Klang des Orchesters passen. Tradition und Aufbauarbeit brauchen Zeit, und das ist nur mit einer langfristigen Zusammenarbeit möglich. Zugleich ist unsere Jugendarbeit und Vermittlung entscheidend. Unsere Musiker gehen freiwillig in Schulen, um klassische Musik zu vermitteln. Es ist wichtig, in die Zukunft zu investieren, denn ohne Bildung gibt es keine Kunst und keine Orchester.

Bei Strauss “muss nicht jeder Sound fett sein”

APA: Sie dirigieren in Salzburg die “Ariadne auf Naxos”. Richard Strauss und Anton Bruckner sind so etwas wie Ihre beiden Hausgötter. Können Sie definieren, weshalb?

Honeck: Beide Komponisten sind tief in der österreichischen Kultur verwurzelt – und wenn man musikalisch in Wien sozialisiert wurde, bleibt einem das ein ganzes Leben lang. Bruckner liegt mir besonders am Herzen. Als junger Dirigent ist man noch wild und will alles mögliche umsetzen. Aber mit dem Alter fühlt man sich dann reif für Bruckner. Ganz interessant. Strauss wiederum fasziniert mich durch seine raffinierte Instrumentierung und die Transparenz seiner Partituren, wobei auch er wie Bruckner aus der Tradition kommt, sich auch auf die Wiener Klassik bezieht. Ein Bruckner wäre ohne Beethoven, ohne Schubert nicht Bruckner. Und so ist es bei Strauss auch. Deshalb muss nicht jeder Sound fantastisch fett sein. Besonders in der “Ariadne” zeigt sich seine Meisterschaft, kammermusikalische Feinheiten mit orchestraler Wucht zu verbinden. An manchen Stellen glaubt man, es sitze das größte Orchester im Graben, an anderen ist das Ganze unglaublich transparent und raffiniert in der Instrumentierung.

APA: Gibt es bei Strauss für Sie einen Bruch zwischen den frühen Werken wie “Elektra” und späteren wie der “Ariadne”?

Honeck: Nein, für mich gibt es da keinen Bruch. Ich sehe das als eine natürliche Entwicklung. Strauss passt seine Musik an den Stoff an. Der “Rosenkavalier” etwa ist eine Komödie, während “Elektra” hochdramatisch ist. Dennoch gibt es auch im “Rosenkavalier” Passagen, die genauso intensiv sind wie in “Elektra”.

APA: Sie haben sowohl als Opern- als auch als Konzertdirigent große Erfahrung. Was machen Sie lieber?

Honeck: Also, ich sehe mich persönlich als Operndirigent, da ich mehr oder weniger in der Oper aufgewachsen bin, auch wenn jetzt natürlich mein Schwerpunkt im Konzert liegt. Beide Genres haben ihre eigenen Herausforderungen, aber für mich ist entscheidend, dass Musik immer eine Geschichte erzählt. Auch in der symphonischen Musik gibt es narrative Elemente, die ich als Dirigent herausarbeiten möchte. Für mich ist das Traurigste, wenn eine Interpretation einfach nichts aussagt, sondern einfach vom Blatt runtergespielt wird. Man kann so viel machen mit Musik, und wenn jemand einen anderen Ansatz hat, respektiere ich das total. Aber gar nichts zu machen, ist für mich das Schlimmste.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)