Manifesta 16 reagiert auf Krisen des Ruhrgebiets

20.06.2026 • 11:08 Uhr
Manifesta 16 reagiert auf Krisen des Ruhrgebiets

Die 16. Ausgabe der europäischen Wanderbiennale Manifesta, die am Samstagabend im Ruhrgebiet eröffnet, zeichnet sich durch originelle Ausstellungsorte aus: In zwölf nicht mehr als Sakralraum verwendeten Kirchen in Bochum, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen sind Kunstwerke vor allem von Künstlerinnen und Künstlern mit Migrationshintergrund zu sehen. Inhaltlich wird dabei auch auf jene strukturellen Krisen Deutschlands Bezug genommen, die vor Ort deutlich zu beobachten sind.

Im Unterschied zu vielen anderen Biennalen zeichnete sich die Manifesta, die 1996 erstmals in Rotterdam stattfand und seither durch große Teile Europas tourte, stets durch pragmatische Hintergedanken aus: Politisch Verantwortliche auf kommunaler Ebene, die die Wanderbiennale zu sich holten und auch für die Finanzierung zu sorgen hatten, wollten dieses großangelegte Kunstprojekt als Katalysator für Entwicklungen vor Ort einsetzen und international auf sich aufmerksam machen. Die mit insgesamt 9,8 Mio. Euro dotierte “Manifesta 16Ruhr”, die den Titel “Das ist keine Kirche” trägt, ist keine Ausnahme.

Krisenregion Ruhrgebiet

Im Laufe des 2. Weltkriegs zu großen Teilen zerstört, hatten die auf Kohleabbau und Stahlindustrie spezialisierten Städte des Ruhrgebiets in der Nachkriegszeit massiv von der EU-Vorläuferorganisation Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl profitiert und einen wichtigen Beitrag zum damaligen “Wirtschaftswunder” geleistet. Der Stadtraum wurde rekonstruiert, ein rasantes Bevölkerungswachstum führte zur Errichtung vieler Kirchen, die im jeweiligen Viertel lange Zeit auch für sozialen Zusammenhalt sorgten.

Kirchenaustritte sowie demografische Veränderungen sorgten in den letzten Jahren nun dafür, dass die großen christlichen Religionsgemeinschaften immer häufiger Kirchen schließen mussten. Gerade im Ruhrgebiet sind derzeit aber auch massive wirtschaftliche und soziale Krisen zu beobachten: Nach dem politisch verordneten Ende des Kohleabbaus wurde diese zuletzt auch noch durch Schwierigkeiten in der Stahl- und Chemieindustrie verschärft, die nicht nur mit wachsender internationaler Konkurrenz, sondern auch mit Kriegen in der Ukraine und zuletzt im Iran in Zusammenhang stehen.

Nachdenkprozesse im ehemals sakralen Raum

Die Manifesta kann hier kaum Abhilfe schaffen, aber für Nachdenkprozesse darüber sorgen, wie es etwa in konkreten Nachbarschaften des Ruhrgebiets weitergehen könnte. “Wir schlagen nicht vor, die Kirchen wieder in Kirchen zu verwandeln oder sie zu Museen, Hörsälen oder kulturellen Ikonen zu machen”, sagte bei der Eröffnungspressekonferenz am Donnerstag der spanische Architekt Josep Bohigas, der im Ruhrgebiet als einer von acht Manifesta-Kuratoren agiert. Man verstehe, dass eine Erneuerung vor Ort insbesondere mit sozialen Beziehungen zu tun habe, betonte er.

Deutlich macht diesen Zugang etwa Bohigas’ Co-Kurator Gürsoy Doğtaş, der für die Ausstellung in drei ehemaligen Kirchen in Gelsenkirchen verantwortlich ist. Der deutsche Kunsthistoriker und Sohn türkischer Eltern, der sich bei der Pressekonferenz darüber beklagte, dass Kunstinstitutionen praktisch nie Zuwanderer erreicht hätten, zeigt mehrheitlich Werke von Künstlern mit Migrationshintergrund: In St. Bonifatius sind etwa neben der international renommierten Nil Yalter – die in Frankreich lebende Künstlerin, Jahrgang 1938, beschäftigt sich in einer konzeptuellen Fotoserie aus den Siebzigerjahren mit sexistischen Bezeichnungen mancher türkischen Speisen – vor allem Künstlerinnen und Künstler aus der ersten Migrantengeneration vertreten, die das Leben ihrer Community dokumentierten und nie eine größere Karriere im Kunstbetrieb machten. So dokumentierte der in Serbien gebürtige Fotograf Mihály Moldvay jahrzehntelang für das Magazin “Stern” das Migrantenleben. Die ehemalige “Gastarbeiterin” Nejla Gür malte indes einfühlsame Porträts türkischer Frauen in Deutschland.

Migration aus der Türkei in Österreich

In St. Bonifatius sowie in der Gelsenkirchener Thomaskirche ist zudem je ein Gemälde der Österreicherin Julia Logothetis ausgestellt. Die 1945 als Tochter eines griechischen Komponisten geborene Künstlerin war in den späten Siebzigerjahren in Wien mit Arbeitsmigranten aus der Türkei und ihren Familien in Kontakt gekommen und hatte sie porträtiert. Logothetis’ Werk gehöre zu den wenigen künstlerischen Projekten in Österreich, das sich aus einer politisch reflektierten und künstlerisch eigenständigen Perspektive mit der gelebten Realität von “Gastarbeitern” auseinandergesetzt habe, vermerkt der Kuratorentext.

Im benachbarten Bochum setzten die polnischen Kuratoren Krzysztof Kościuczuk und Anda Rottenberg in drei weiteren Kirchenbauten andere Schwerpunkte. Zu sehen sind hier insbesondere Kunstwerke renommierter internationaler und polnischer Künstler. Der Belgier Luc Tuymans beschäftigt sich etwa ausgehend von der Architektur der 1932 errichteten Christ-König-Kirche mit einer bereits kurz vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten zu beobachtenden faschistischen Ästhetik und reproduzierte für ein großformatiges Tableau Standbilder aus Leni Riefenstahls epochalem Propagandafilm “Triumph des Willens”.

Polnische Kunststars

Mirosław Bałka zeigt unter anderem eine Madonnenfigur aus Kohle, Katarzyna Kozyra die Neubearbeitung eines Videos, das sich mit Jesus-Phantasien in Jerusalem beschäftigt. Mit Migrationsthemen, ihren politischen Implikationen und Hintergründen beschäftigen sich in diesem Ausstellungsteil Künstlerinnen und Künstler der jungen Generation. Die in Wien lebende Ukrainerin Kateryna Lysovenko hat in St. Anna ein großformatiges Gemälde erstellt, in dem sie über ihre eigene, kriegsbedingte Migrationsbiografie reflektiert. Ihr polnischer Kollege Mikołaj Sobczak erzählt mit einem Video und Gemälden in der Bochumer Getsemane-Kirche die womöglich teilfiktive Geschichte eines schwulen polnischen Aristokraten, der sich in seinem späten Leben in Deutschland als Landschaftsmaler betätigte.

Kirchenbesuche wert sind aber auch weitere Schauplätze dieser Manifesta. Vor St. Gertrud in Essen hat etwa der türkische Halil Altındere als Blickfang einen Überwachungskamerabaum aufgestellt. Und der britisch-iranische Künstler Abbas Zahedi punktet in der Liebfrauenkirche in Duisburg mit einer riesigen Orgelinstallation, die auf die verstummte historische Orgel in dieser Kirche Bezug nimmt. Die Ende der Neunzehnfünfzigerjahre als Ersatz für einen im 2. Weltkrieg zerstörten Sakralbau errichtete Kirche zeichnet sich wie viele der Manifesta-Ausstellungsorte durch ihre modernistische Architektur aus, die seinerzeit den Bruch mit nationalsozialistischen Ästhetiken verdeutlichen sollte.

Gelsenkirchener Musiktheater mit Yves Klein-Arbeit

Letzteres gilt freilich nicht nur für Sakralbauten. Als Bonus kann im Rahmen der Manifesta auch das Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen besichtigt werden – gratis, wie auch alle anderen Schauplätze dieser Biennale. Der früh verstorbene französische Künstler Yves Klein hatte in den späten Neunzehnfünftigern für den seinerzeit größten Kulturbau der BRD riesengroße Bilder in seinem legendären Ultramarinblau angefertigt. Im Theater ist während der Manifesta auch ein Videointerview zu sehen, das der in Frankreich lebende österreichische Kunsthistoriker Robert Fleck mit der Kleins Witwe Rotraut über die Entstehung diesen einzigartigen Kunstwerkes führte.

(Von Herwig G. Höller/APA)

(S E R V I C E – Manifesta 16 Ruhr: Bochum, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen. Bis 4. Oktober. )