“Massive Barrieren” für behinderte Kinder und Jugendliche

08.06.2026 • 13:50 Uhr
"Massive Barrieren" für behinderte Kinder und Jugendliche

Kinder und Jugendliche mit Behinderungen stoßen in Österreich laut einer Aussendung von Behindertenanwältin Christine Steger im Alltag immer noch auf “massive Barrieren”. Betroffen seien vor allem der Bildungsbereich, der Übergang in Ausbildung und Arbeit, die Gesundheitsversorgung und soziale Absicherung, so das Ergebnis von Vernetzungstreffen mit mehreren hundert Vertreterinnen und Vertretern von Behindertenorganisationen, Beratungsstellen und Behörden aus ganz Österreich.

“Das ist kein Randphänomen, sondern betrifft zahlreiche Familien in ganz Österreich”, betonte Steger, die den Bericht am Montag an die zuständigen Stellen in Bund und Ländern übermittelt hat. “Die Vernetzungstreffen haben gezeigt, dass Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen eine gesamtstaatliche Aufgabe ist. Einzelmaßnahmen reichen nicht aus.”

Schon die Jüngsten könnten oft nicht gleichberechtigt gemeinsam mit Kindern ohne Behinderung aufwachsen und lernen, weil es etwa im Kindergarten keine passenden Plätze gibt. In der Schule hätten Eltern zwar laut Gesetz das Recht, zwischen Sonderschule und inklusiven Settings zu wählen. Eltern seien allerdings in der Praxis oft gezwungen, ihr Kind in der Sonderschule einzuschreiben, weil in der Regelschule Unterstützungspersonal, barrierefreie Nachmittagsbetreuung und organisatorische Voraussetzungen fehlen. Vor allem für Kinder mit chronischen Erkrankungen oder unsichtbaren Behinderungen gebe es kaum passende Bildungsangebote. Können sie nicht täglich in die Schule kommen, drohe aber Schulausschluss und Isolation.

“Gefährliche Lücken” am Weg zum Arbeitsmarkt

“Gefährliche Lücken” sieht Steger auch am Übergang zum Arbeitsmarkt. Jugendlichen mit Behinderungen werde früh bescheinigt, nicht arbeits- oder vermittlungsfähig zu sein. Gleichzeitig riskieren sie, durch Arbeiten wichtige Unterstützungsleistungen wie die erhöhte Familienbeihilfe oder finanzielle Hilfen der Bundesländer zu verlieren. “Das System, das Jugendliche mit Behinderungen absichern soll, hält sie gleichzeitig vom Arbeitsmarkt fern”, kritisierte Steger und forderte eine Entkoppelung von existenzsichernden Leistungen und Erwerbstätigkeit.

Die Behindertenanwältin plädierte außerdem für eine Stärkung inklusiver Bildung durch bundesweit einheitliche Standards für Unterstützungspersonal, Barrierefreiheit und mehr entsprechend ausgebildetes Fachpersonal in Kindergarten, Schule und Betreuung. Wenn das System versage, müssten die Familien – vor allem Mütter – einspringen und dafür ihre Arbeitszeit reduzieren oder ihren Beruf ganz aufgeben, betonte Steger. Mehr Angebot würde deshalb nicht nur Kindern nützen, sondern auch Frauen entlasten und zur Gleichstellung beitragen. Bei der Begutachtung braucht es laut der Behindertenanwältin ein “faires, bedarfsgerechtes” Verfahren mit Schwerpunkt auf der tatsächlichen Lebenssituation der Menschen. Es dürften auch nicht Unterstützungsleistungen wegfallen, wenn jemand arbeiten geht.