Menschen mit Behinderungen bei Katastrophen eher gefährdet

18.08.2026 • 09:00 Uhr
Menschen mit Behinderungen bei Katastrophen eher gefährdet

Hitze, Dürre und Überschwemmungen werden durch die Klimakrise immer extremer und auch häufiger. Zum Internationalen Tag der humanitären Hilfe am morgigen Mittwoch (19. August) haben die Anwältin für Gleichbehandlungsfragen für Menschen mit Behinderungen, Christine Steger, und “Licht für die Welt” darauf hingewiesen, dass Menschen mit Behinderungen und Ältere in deutlich größerer Gefahr schweben als andere. Ein Grund: Frühwarnsysteme sind oft nicht barrierefrei zugänglich.

Das Gleiche gilt für Evakuierungsrouten und Notunterkünfte, auch in der Notfallplanung würden Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen häufig nicht mitgedacht, hieß es in der Aussendung Stegers und der NGO. Damit würden Menschen mit Behinderungen bei Katastrophen ein deutlich höheres Risiko tragen, zurückgelassen, verletzt oder gar getötet zu werden. Die UNO-Behindertenrechtskonvention verpflichte Österreich jedoch in Artikel 11 ausdrücklich dazu, den Schutz und die Sicherheit von Menschen mit Behinderungen in Gefahrensituationen und humanitären Notlagen sicherzustellen.

“Katastrophenschutz, der Menschen mit Behinderungen nicht von Anfang an mitdenkt, funktioniert nicht für alle. Das ist keine Frage des Schicksals, sondern eine Frage der Planung”, sagte Steger. “Menschen mit Behinderungen dürfen nicht nur Objekt von Hilfsmaßnahmen sein. Sie müssen als Expertinnen und Experten in eigener Sache von Anfang an in Prävention, Katastrophenschutz und Wiederaufbau einbezogen werden. Das gilt weltweit genauso wie in Österreich, wo wir angesichts von Hitzewellen, Muren und Hochwasser ebenfalls gefordert sind, unsere Krisenpläne inklusiv zu gestalten.”

Plädoyer für Inklusion in der humanitären Hilfe

“Inklusion stellt sicher, dass niemand zurückgelassen wird. Fehlt Inklusion, läuft die humanitäre Hilfe Gefahr, sehr viele Menschen zu übersehen”, erläuterte Jacqueline Bungart, Expertin für inklusive humanitäre Hilfe bei “Licht für die Welt”. Die Organisation führte Schätzungen der Disability Reference Group an, wonach 48 Millionen Menschen mit Behinderungen humanitäre Hilfe benötigen. Dabei leben 80 Prozent aller Menschen mit Behinderungen in Ländern des Globalen Südens. “Wir stellen sicher, dass Menschen mit Behinderungen und ältere Menschen bei der Katastrophenhilfe in die Prävention (z.B. Frühwarnsysteme), die Antwort auf Katastrophen (z.B. Evakuierungspläne) wie auch in die Unterstützung danach (z.B. Wiederaufbau) einbezogen sind”, betonte “Licht für die Welt”.

Bungart kritisierte einen Datenmangel: “Menschen mit Behinderungen scheinen wie ältere Menschen in Daten oft nicht auf.” Das führe bei Katastrophen oft dazu, dass ältere Menschen und solche mit Behinderungen übersehen werden, weil ihre Bedürfnisse in der Planung beispielsweise von Evakuierungsplänen nicht bedacht worden seien. Mit dem “Survey for Inclusive Rapid Assessment” (SIRA) unterstütze “Licht für die Welt” humanitäre Akteure, Barrieren für Menschen mit Behinderungen und ältere Menschen für den Krisenfall zu identifizieren und sicherzustellen, dass diese mitgedacht werden.

Auch in Österreich fehle es an einer verlässlichen Datengrundlage: Der Nationale Aktionsplan Behinderung 2022-2030 (NAP II) halte fest, dass es an ausreichenden Vorkehrungen für Not- und Katastrophenfälle mangle, um zielgerichtet auf spezielle Anforderungen von Menschen mit Behinderungen reagieren zu können, insbesondere weil eine detaillierte Datenlage zu Anzahl, gewöhnlichem Aufenthalt und individuellen Bedarfen (etwa bei Mobilität, Grundversorgung oder Medikamenten) fehle. “Wer im Ernstfall nicht erfasst ist, wird leicht übersehen”, kritisierte Steger.