“Merlin” am Akademietheater als groteske âventiure

Man kann Antú Romero Nunes’ radikalen Regiezugang lieben oder hassen – fest steht, dass er in den vergangenen Jahren mit seinen kompromisslosen Deutungen von Tolstois “Macht der Finsternis” bis zu Shakespeares “Macbeth” am Burgtheater nachhaltige Spuren hinterlassen hat. Zum Saisonauftakt im Akademietheater hat er am Samstag mit “Merlin oder Das wüste Land” Tankred Dorsts ausufernde Bilderfolge zur Artussage höchst herausfordernd auf die Bühne gebracht: auf Mittelhochdeutsch.
In Dorsts 1981 in Düsseldorf uraufgeführtem Bühnenstück findet sich diese sprachliche Vorgabe keineswegs, am Ende des Abends kann man es sich jedoch gar nicht mehr anders vorstellen. Alles beginnt und endet mit dem “tiuvel”: Mit langen schwarzen Hörnern auf dem Kopf tritt Marie-Luise Stockinger verschwörerisch vor das Publikum und führt die Premierenbesucher in bester Narren-Manier mittels Klatsch-, Klopf- und Schnipp-Abfolgen in onomatopoetische Interpretationen des Wortes “viur” (Feuer) ein. Auch den Klang von Chaos lernt man in diesen Minuten nachzuahmen: als grollendes Grölen. Derart eingestimmt hebt sich der Vorhang und der dreieinhalbstündige Abend mit der Geburt Merlins an.
Ein Kind widersetzt sich seiner Bestimmung
Michael Wächter watschelt in blonder Langhaarperücke und schlampiger Robe als hochschwangere Minne (in weiterer Folge nur mehr “muoter” genannt) durch den spärlich eingerichteten Bühnenraum von Matthias Koch und gebiert mit einem Knall des Teufels Sohn Merlin. Dieser ist mit wilder Dreadlock-Mähne und ungepflegtem Kinnbart bereits ausgewachsen und widersetzt sich stante pede seiner Bestimmung: Er möchte seine Zauberkünste lieber zum Wohle der Menschheit einsetzen, als selbige in den Abgrund zu führen. Im wabbeligen Fatsuit macht sich Sarah Viktoria Frick sogleich auf, den im Publikum sitzenden Michael Maertens (mit brünetter Langhaarperücke) auf die Bühne zu zaubern, zum König Artus zu krönen und ihn zum Tischler zu schicken, um ihm ein überdimensionales Werkstück zu zimmern, das fortan die Tafelrunde beherbergen soll.
Das eine, einheitliche Mittelhochdeutsch hat es freilich nie gegeben, und so mag man dem engagierten Ensemble unterschiedlichster Herkunft (zwischen Oberösterreich, Ostdeutschland und der Schweiz) verzeihen, dass die Dialoge bisweilen in eine amüsante Burgtheater-Varietät des Mittelhochdeutschen abgleiten. Was in der ersten Stunde eine fordernde Aufgabe für das (ostösterreichische) Publikum ist, fühlt sich am Ende des Abends fast schon normal an, wenn man zumindest einmal im Leben etwas von Lautverschiebung gehört hat. Gebetsmühlenartig arbeitet Antú Romero Nunes den von ihm definierten Kern des Stücks heraus, das vollständig ausgespielt in etwa 15 Stunden gedauert hätte: Können wir unserer Bestimmung durch Selbstbestimmtheit entfliehen? Spoiler-Warnung: nein.
Das Publikum als Teil der Tafelrunde
Mit gewohnt komödiantischem Einsatz setzt Frick als Merlin am Hof seine visionäre Gabe ein, um den unbedarften Artus durch seine Amtszeit zu manövrieren. Doch auch er versucht sich in Selbstbestimmung und wählt aus den Reihen des Publikums seine künftige Königin: Katharina Lorenz steht ihm als nicht ganz so treue Gefährtin Ginevra fortan zur Seite und erträgt Maertens als wenig stattlichen Vorstand der Tafelrunde, zu der im Übrigen auch das Publikum zählt, in dem man an strategischen Positionen Statisten postiert hat, um Stimmung zu machen.
Doch die Suche nach dem Heiligen Gral (oder “Larg”, wie Merlin ihn nennt), zu der Artus seine Ritter ausschickt, bringt mitnichten Frieden und Sinn. Lilith Häßle schnappt sich als höchst viril agierender Sir Lancelot das Herz der Königin, Felix Rech trachtet als verstoßener Sohn Sir Mordred seinem Vater Artus nach dem Leben und Bruno Cathomas irrlichtert als heruntergekommener Parzival auf der Suche nach Gott durch die Lande. Allesamt stehen sie unter der Fuchtel Merlins, der Artus’ Entscheidungen mithilfe von Weissagungen lenkt – wäre da nicht Teufel/Hofnarr Stockinger, die hauptsächlich zum eigenen Amüsement danach trachtet, Merlins Pläne zu durchkreuzen. Das alles ist mehr als lustig anzuschauen, gleitet jedoch immer wieder in Slapstick ab, der aber dank der hervorragenden Ensembleleistungen erträglich bleibt.
“Zurückgespülte” Geschichte mit Chance auf Veränderung
Und so ziehen die Jahrzehnte ins Land, der Artushof entfernt sich immer weiter von einer friedlichen Utopie und am Ende bleibt nichts anderes übrig, als die Geschehnisse noch einmal “zurückzuspülen” und das Schicksal mit kleinen Zaubertricks in eine andere Richtung zu lenken. Schließlich will hier niemand die Hoffnung (konsequent “hôpe” genannt) aufgeben, die Geschichte positiv beeinflussen zu können. Anfangs ist Merlin noch zuversichtlich (“Diesmal mache ich es besser”), zieht sich aber alsbald wieder frustriert in die Publikumsreihen zurück und lässt die Figuren einfach machen.
Untermalt wird das bunte Treiben von an mittelalterliche Klänge angelehnter Live-Musik von Pablo Chemor, neben einem selbst spielenden Piano und einer Violine kommen auch Trommeln, Harfen und Tonnen zum Einsatz. In die wiederkehrenden Lieder (etwa “Ginevra, ich minne dich sô sêre”) stimmt am Ende auch der Chor des Publikums ein. Immer schneller dreht sich das Rad der zurückgespulten Geschichte, immer mehr geht die Hoffnung verloren, dass sich das Schicksal doch noch überlisten lässt. Ebenfalls gesetzt war auch der zustimmende Schlussapplaus. Ob man ihn nun liebt oder hasst – einen Theaterabend wie diesen bekommt man wohl selten zu sehen.
Nunes, der “Merlin” bereits 2011 in Hamburg inszeniert hat und nun andere Fragen als damals in den Fokus rückt, hatte einst das Glück, noch mit Tankred Dorst (1925-2017) sprechen zu können. “Bitte machen Sie nicht den Fehler, eine Tragödie daraus zu machen. Ich habe einfach versucht, Kindertheater für Erwachsene zu schreiben”, habe ihm der Autor damals gesagt, wie Nunes vorab im APA-Interview erzählte. “Den Auftrag habe ich angenommen.” Mit Erfolg.
(Von Sonja Harter/APA)
(S E R V I C E – “Merlin oder Das wüste Land” von Tankred Dorst (Mitarbeit: Ursula Ehler) im Akademietheater. Regie: Antú Romero Nunes, Bühne und Kostüme: Matthias Koch, Musik: Pablo Chemor. Mit u.a. Sarah Viktoria Frick, Michael Maertens, Katharina Lorenz, Marie-Luise Stockinger, Michael Wächter und Lilith Häßle. Weitere Termine: 9., 17. und 30. September, 5., 15., 23. und 27. Oktober, jeweils um 19 Uhr. )