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„In Russland wurde Schutzgeld von uns erpresst“

06.09.2026 • 08:00 Uhr
„In Russland wurde Schutzgeld von uns erpresst“
Da werden Erinnerungen wach: Alexander Kathrein und Thomas Huemer in ihren einstigen Trikots. Klaus Hartinger

Teil 5. Der Alpla HC Hard feiert im Herbst sein 40-jähriges Bestehen. Zum Abschluss der Serie: Der Sportliche Leiter Thomas Huemer, der bei allen Harder Titelgewinnen in verschiedenen Rollen dabei war, und sein Vorstandskollege und Ex-Mitspieler Alexander Kathrein über ihre Abenteuer bei den Europacup-Reisen.

Zu Beginn des Gesprächs habt ihr beide den ersten Meistertitel mit Hard und die dazugehörige Finalserie gegen Linz im Jahr 2003 als den emotionalen Höhepunkt eurer Karriere beschrieben. Welche Erinnerungen tauchen denn vor eurem inneren Auge auf, wenn ihr an die Spiele gegen Linz denkt?
Thomas Huemer:
Der erste Gedanke ist, dass ich es noch heute als schade empfinde, dass wir das alles entscheidende dritte Spiel in Lustenau ausgetragen haben.
Alexander Kathrein: Es war schade für den Verein, schade für uns Spieler, schade für die Fans.
Huemer: Aber schon das erste Finalspiel hat alle Rahmen in der Mittelweiherburg gesprengt, und es war klar, dass im entscheidenden Spiel drei noch mehr Zuschauer kommen würden. Das wäre in Hard nicht stemmbar gewesen.
Kathrein: Es war der logische Schritt, das Spiel nach Lustenau zu verlegen, weil in die Gymnasiumhalle 2000 Zuschauer reinpassten, in der Mittelweiherburg herrschte bei den 700, 800 Zuschauern aus dem ersten Finale schon das pure Chaos. Ich erinnere mich aber auch noch lebhaft an das zweite Spiel der Finalserie in Linz. Nach dem Sieg im ersten Spiel war die Euphorie unter den Fans riesig, ein rappelvoller Fanbus hat uns nach Linz begleitet – die Fans waren schon mehr als nur ein bisschen in Partystimmung. Und dann sind wir in Linz komplett untergegangen. Das war dann eine sehr schwierige Situation für uns, die Frage war, welche Lehren wir aus diesem Spiel ziehen können. Wir haben uns als Mannschaft ausgesprochen, denn jeder wusste: Wenn wir nochmal so auftreten, wird das Spiel drei nicht viel anders verlaufen als die Partie in Linz. Unser Kapitän Berry Novacic hat sehr klare Worte gefunden, gemeinsam haben wir versucht, das Schiff wieder auf Kurs zu bringen. Die Reaktion, die uns in Spiel drei gelungen ist, ist für mich eigentlich das Größte an der Finalserie gegen Linz.
Huemer: Zumal Linz meines Erachtens aufgrund der Erfahrung klarer Favorit war. Wir hatten vor der Saison 2002/03 mehrere prominente Abgänge.
Kathrein: Wir hatten 2003 einen sehr jungen und sehr kleinen Kader.
Huemer: Wir waren ja schon 2002 in der Rolle des Titelkandidaten, damals sind wir dann Dritter geworden. Gegenüber der Saison ist unser Kader deutlich schmaler geworden. Guido Graf ging nach St. Gallen, Andreas Varga wechselte zu Suhr, dementsprechend war überhaupt nicht damit zu rechnen, dass wir es 2003 ins Finale schaffen, weil wir schon sehr viele junge Spieler eingesetzt haben. Und dann legen wir so eine grandiose Saison hin. Das war ein gro­ßer Verdienst von Trainer Frank Bergemann, der in Hard Strukturen aufgebaut hat. Meines Wissens wechselte er im Jahr 2000 zu Hard, er hat dann den Verein revolutioniert.
Kathrein: Der Verein hatte schon davor eine klare Vision, aber Frank hat dann angestoßen, dass es eine professionelle Geschäftsstelle braucht, mit diesem Blick aufs große Ganze hat er den Nerv des Vereins getroffen: Peter Thurnher und all die anderen haben diese Anstöße aufgenommen und umgesetzt.
Huemer: Nicht zu vergessen Claus-Ulrich Riedel als jahrelanger Geschäftsstellenleiter, Hansjörg Füssinger als prägender Sportlicher Leiter und Geschäftsführer oder Vereinsmitgründer und Ur-Harder Hanswerner Thurnher, die haben alle zusammen sehr viel bewegt und ganz viele neue, visionäre Ideen eingebracht. Bergemann war, wie du es richtig sagst, Alex, seiner Zeit voraus, aber er hatte in seinem Rücken eben auch Verantwortliche, die diese Ideen aufgegriffen haben und immer wieder neue Impulse setzen wollten. Bergemann hat das Training professionalisiert. Wir hatten jeden Montag mit Roland Jansen einen Physiotherapeuten, was eigentlich aus der Not heraus entstanden ist, dass Frank am Montag immer in Erlangen seine Unterrichtseinheiten hatte. Aber der Effekt der Physiotherapie war riesig.
Kathrein: Wir hatten in der gesamten Liga die wenigsten Verletzungen.
Huemer: Was an den prophylaktischen Maßnahmen lag, die Roland Jansen mit uns umgesetzt hat, damals schon, ich meine, das ist fast ein Vierteljahrhundert her. Damit waren wir der allgemeinen Entwicklung in Österreich um ein paar Jahre voraus. Frank wusste schon sehr genau, was er tun musste, um uns in Top-Form zu bringen.
Kathrein: An das Spiel drei selbst habe ich seltsamerweise eigentlich überhaupt keine Erinnerungen, ich trau mich es kaum zu sagen: Ich weiß nicht mal mehr, wie hoch wir gewonnen haben.
Huemer: Ich glaube plus vier.

„In Russland wurde Schutzgeld von uns erpresst“
Alexander Kathrein (l.) und Thomas Huemer (r.) hatten beim Gespräch mit der NEUE am Sonntag sichtlich ihren Spaß. Klaus Hartinger

Das Spiel endete 29:23.
Huemer:
Doch so deutlich? In meiner Erinnerung war das Spiel lange offen, wir waren immer vorn, aber Linz hat lange nicht aufgesteckt. Wir waren als Mannschaft enorm geschlossen, alle im Verein haben sich dem Ziel Meistertitel verschrieben.

War dieser Meistertitel dann die endgültige Initialzündung in Hard?
Huemer:
Der Meistertitel hat direkt und indirekt viel ausgelöst, 2005 haben wir diesen Handballpalast bekommen, der sicherlich eine Folge der Vereinsentwicklung war. Wenn du Meis­ter wirst und in der darauffolgenden Saison in der Champions League spielst, die Heimspiele in der Königsklasse aber nicht in Hard ausrichten kannst, sondern nach Lustenau ausweichen musst – dann löst das Grundsatzfragen aus. Es war klar, dass das kein Dauerzustand sein konnte. Zumindest nicht, wenn es so weitergehen sollte. Günther Lehner hat dann mit den Entscheidungsträgern sehr viel Gespräche geführt und die Vision aufgezeigt, was in Hard entstehen könnte, wenn wir eine eigene Halle hätten. Die Sporthalle am See hat dann wirklich alles verändert, und auch 20 Jahre nach der Eröffnung ist es immer noch fast unglaublich, dass Hard so eine Halle hat.
Kathrein: Beim Alpla-Sommercup vor ein paar Wochen war mit Dominik Klein der Vorstand des Münchner Handballvereins in Hard. Er hat von der Sporthalle am See geschwärmt und meinte, wenn sie so eine Halle hätten, wäre das eine herausragende Ausgangsposition für das Ziel, München in die deutsche Handballbundesliga zu bringen. Mit dem Einzug in die Sporthalle am See sind unsere Möglichkeiten explodiert, leider konnten wir den Meistertitel nicht sofort bestätigen, was schade war. Aber Bregenz war in dieser Phase einfach zu stark und hat jahrelang die Liga dominiert. Aber auch das zeichnet den Alpla HC Hard aus: Wir haben nicht aufgesteckt, wir haben nicht die Ziele korrigiert, sondern die Anstrengungen erhöht.

Inwieweit hat es eine Rolle gespielt, dass eben der größte Konkurrent ein paar Kilometer weiter in Bregenz beheimatet war?
Huemer:
Das hat eine sehr große Rolle gespielt, ich glaube, das Nachbarschaftsduell treibt uns auch heute noch an. Die Rivalität war jedoch früher sicherlich intensiver als heute.
Kathrein: Ein Harder Erfolgsgeheimnis war auch, dass wir immer herausragende Trainer hatten. Frank Bergemann habe ich bereits genannt, und natürlich müssen wir auch über Markus Burger sprechen.
Huemer: Absolut. Markus Burger hat die Siegermentalität bei uns eingepflanzt, mit ihm sind wir vier Mal in Folge Meister geworden, wobei ich bei den Titeln 2014 und 2015 als Co-Trainer an seiner Seite arbeiten durfte.
Kathrein: Wir haben 2013 ja sogar zeitgleich unsere Karrieren beendet.
Huemer: Richtig. Wir sind beide als Spieler drei Mal Meister geworden mit Hard, jeder Titel war auf seine Weise speziell. Über den ersten Titel haben wir gesprochen, 2012 war es eine riesige Genugtuung, dass die lange Wartezeit zu Ende war und 2013 war so speziell, dass ich mit einem Meistertitel die aktive Karriere beenden konnte.
Kathrein: Das Einzige, was ich mit Rückblick auf die Titel auch heute noch schade finde, ist, dass wir 2003 nach unserem Meistertitel die Feier unterbrechen mussten, weil wir von Lustenau nach Mittelweiherburg übersiedeln mussten. Die Euphorie war nach dem Spiel­ende riesig, und dann mussten wir ins Auto hocken und 20 Minuten nach Hard fahren. Manche brauchten länger und waren erst nach einer ganzen Weile wieder beim Team. Nach dem Ortswechsel war deshalb kurzzeitig etwas die Luft draußen. Aber die Stimmung hat dann schnell wieder Fahrt aufgenommen. (lacht)
Huemer: Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen lustig, aber der Verein war es damals noch nicht gewohnt, solche Feiern zu organisieren. Im Nachhinein würden wahrscheinlich alle diese Festivitäten anders aufziehen. Die eigentliche Meisterfeier fand ja erst zwei Wochen später beim Thaler-Areal statt. Es war damals aber auch schwierig, die Feier vorzubereiten, alle waren noch sehr unerfahren in diesen Dingen – gleichzeitig war die Mittelweiherburg, wie schon besprochen, einfach eine Turnhalle, die wahrscheinlich auch nicht ständig verfügbar war.

2008 stand der Alpla HC Hard im EHF Challenge Cup im Europacup-Finale. Welche Erinnerungen habt ihr an das Endspiel gegen UCM Sport Resita, das ihr in Addition der beiden Spiele 47:54 verloren habt? Und welche Erinnerungen habt ihr generell an die vielen Europacup-Reisen von damals?
Huemer:
Man würde das heute gar nicht mehr glauben, wie viele Europacup-Spiele wir damals bestritten haben. Das war eine fantastische Zeit, als Vorstandsmitglied kann ich heute einschätzen, was da der Verein möglich gemacht hat. An das Finale im EHF Challenge Cup habe ich sehr gemischte Erinnerungen. Wir sind beim Rückspiel in Resita beschissen worden.
Kathrein: Wir sind schon beim Hinspiel in Hard beschissen worden.

Hard
Impressionen von Hards… NEUE-Archiv
Hard
…Auswärtsspiel in Moskau. NEUE-Archiv

Was war?
Kathrein:
Die Schiedsrichter wollten nicht, dass wir zu hoch gewinnen. Jedes Mal, wenn wir uns mit vier, fünf Toren abgesetzt haben, haben die Schiedsrichter mit grotesken Pfiffen die Rumänen wieder ins Spiel zurückgeholt. Am Ende haben wir nur plus eins gewonnen.
Huemer: Beim Rückspiel in Resita war dann nach zehn Minuten klar, dass wir diesen Titel nicht gewinnen durften. Das war ein deprimierendes Erlebnis.
Kathrein: Ich habe weder davor noch danach je so eine Schiedsrichterleistung erlebt.
Huemer: Wir hätten den Titel gewinnen können, die Rumänen waren in Reichweite. Die beiden Finalspiele sind die einzigen Spiele meiner Karriere, die ich gerne nochmal spielen würde: Mit fairen Schiedsrichtern.
Kathrein: Die Erfahrung in Resita war völlig extrem. Es waren 5000 Zuschauer in der Halle, als wir zum Warmmachen eingelaufen sind, haben uns alle ausgepfiffen und ausgebuht. Der Lärmpegel war unglaublich. Ein paar Augenblicke später betrat der Heimtrainer die Platte, der, wenn ich mich recht erinnere, auch rumänischer Nationaltrainer war. Er war ein Nationalheld, die Zuschauer tobten. Das waren sehr spezielle Momente, aber Huto, ich kann dir nur recht geben, das Finalrückspiel war eine bittere Erfahrung. Das Spiel würde auch ich gerne nochmal spielen: Es ist zwar schön, eine EHF-Silbermedaille im Schrank zu haben, aber wir wurden um die faire Chance gebracht, den Europacup zu gewinnen.

„In Russland wurde Schutzgeld von uns erpresst“
Die Reise in die russische Hauptstadt…
„In Russland wurde Schutzgeld von uns erpresst“
…ist wohl allen Spielern von damals in “spezieller” Erinnerung geblieben. NEUE-Archiv

Die Erzählungen klingen wie Ostblock-Episoden aus den Hochzeiten des Kalten Kriegs, also aus den 1970er- und 1980er-Jahren?
Huemer:
So in etwa kann man sich das vorstellen. Wir haben sehr viele Spiele in Osteuropa bestritten und dabei teilweise groteske Erfahrungen gemacht.
Kathrein: Beim Auswärtsspiel in Sabac, das ist in Serbien, hat uns das Militär mit scharfen Hunden aus der Halle abgeführt. Damals haben wir uns knapp durchgesetzt.
Huemer: Zur Halle mussten wir zu Fuß laufen, weil seltsamerweise auf unseren Bus vergessen wurde.
Kathrein: Nach dem Spiel mussten wir alle in den Mittelkreis, weil die wütenden Zuschauer alles Mögliche auf das Feld geworfen haben. Ich weiß nicht, ob wir es ohne das Militär heil aus der Halle geschafft hätten.
Huemer: In Minsk musste auch das Militär auflaufen. Das waren emotional schwierige Momente.

Das hört sich alles nach jener Art von Erlebnissen an, über die man hinterher bei einem Bier herzlich lacht und zu Schenkelklopfern verkommen, aber in den Situationen selbst mehr als nur heikel waren?
Huemer:
Das trifft es gut. Wir könnten wahrscheinlich stundenlang Geschichten von damals erzählen, wir waren ständig in Litauen, Kaunas, Wolgograd, Leningrad unterwegs. Und das in einer Zeit, in der die Unterschiede zwischen Heim- und Auswärtsspielen allgemein noch sehr groß waren, damals waren hohe Heimsiege fast schon Standard. Ein sehr spezielles Auswärtsspiel war auch 2008 das Halbfinalrückspiel bei Pfadi Winterthur. Wir haben uns ganz, ganz knapp durchgesetzt, danach sind wir Spieler geschlossen nach Hard, um in der Teufelsbar den Einzug in das Europacup-Finale zu feiern. Es war eine wunderschöne Zeit, und dank dieses Interviews kommen all diese Erinnerungen wieder zurück. Ich war mir gar nicht mehr so bewusst, wie viele besondere Europacup-Erlebnisse wir mit Hard erleben durften. Die Auswärtsspiele waren auch deshalb so besonders, weil die Zuschauer so eine enge Bindung zu ihren Teams hatten, das ist gar kein Vergleich mehr zu heute. Die Atmosphäre war speziell bei Auswärtsspielen in Osteuropa extrem aufgeheizt. In der heutigen Zeit laufen die Spiele sehr professionell ab. Damals war die Bandbreite der Erlebnisse riesig, du wusstest nie, was dich erwartet.
Kathrein: In der Champions League war es üblich, dass es nach dem Spiel ein Bankett gab: In Montpellier wurde uns an festlich gedeckten Tischen Champagner serviert, es gab ein Catering, bei dem einem der Mund offen blieb. In Kasan erlebten wir das Gegenteil: Da bekochten uns die Spielerfrauen und uns wurde eine Flasche Wodka auf den Tisch gestellt. Auch das war schön. Ich habe Ecken dieser Welt gesehen, die ich ohne den Handball nie bereist hätte. In Leningrad oder Wolgograd sind wir vor dem Spiel bei minus 20 Grad spazieren gegangen, was natürlich fatal war. Als das Spiel begonnen hat, sind wir völlig durchgefroren auf der Platte gestanden, nach ein paar Minuten war das Spiel entschieden, weil wir kaum vom Fleck gekommen sind.
Huemer: Die Spieler auf der Auswechselbank sind in Daunenjacken da gesessen. Wir haben das alles so hingenommen, heute würde keine Gästemannschaft der Welt mehr bei solchen Bedingungen antreten.
Kathrein: Ich könnte mich nicht erinnern, dass wir die Bedingungen auch nur ein einziges Mal hinterfragt haben, es war halt so. In Moskau sind wir mal beim ehemaligen Olympia­stützpunkt einquartiert worden. Wann waren die Spiele in Moskau?

Hard
Das Gebäude ist der etwas heruntergekommene Olympiastützpunkt weit außerhalb von Moskau, in dem die Harder Mannschaft untergebracht war. NEUE-Archiv

Die Sommerspiele fanden 1980 in Moskau statt.
Kathrein:
Waren die Spiele in Moskau nicht schon eher?

Nein, das war ja die Ära mit den Boykottspielen. 1980 boykottierte der Westen die Spiele in Moskau, 1984 der Osten die Spiele in Los Angeles.
Kathrein:
Alles klar, es wirkte alles noch viel älter auf uns. Jedenfalls waren wir außerhalb von Moskau eben im ehemaligen Olympiastützpunkt kaserniert, damit war klar, dass wir nach dem Spiel nirgendwo hin mehr können.

Was natürlich schade war.
Kathrein:
Später haben wir erfahren, dass der damalige Champions-League-Sieger Montpellier eine Woche davor in Moskau spielte und ebenfalls in dem Olympiastützpunkt untergebracht werden sollte. Die Franzosen haben sich den Stützpunkt kurz angeschaut, sind wieder in den Bus eingestiegen und haben sich danach in der Moskauer Innenstadt ein Hotel genommen und dem Moskauer Verein die Rechnung übergeben. Im Nachhinein fragst du dich natürlich, warum wir das nicht auch so gemacht haben, aber wir hatten einfach jede Menge Respekt. Sie sagten zu uns, dass es in Moskau viele Fightclubs gäbe, wo Ärger auf uns wartet, also sind wir im Olympiastützpunkt geblieben und sind dort zusammengesessen. Auch das hat Spaß gemacht. Es war cool, die russische Mentalität zu erleben, wir waren irgendwo in der Pampa. Großstädte verfälschen ja oft den Eindruck, den man von einem Land hat, weil dort die Entwicklung am schnellsten voranschreitet. Wir wohnten am Land und haben das Russland abseits des schicken Moskaus gesehen. Das sind Eindrücke, die bleiben einem fürs Leben.
Huemer: Nach dem Landeanflug in Moskau ist unsere Maschine von der Landebahn gerutscht. Wir hatten einen Lufthansa-Flug, es tobte ein heftiger Schneesturm: Zuerst war alles wie immer, aber bei der Anfahrt zum Gateway ist die Maschine auf dem tiefverschneiten Boden von der Landebahn gerutscht. Wobei es überhaupt nicht dramatisch war.
Kathrein: Die Dramatik entstand durch die Gerüchteküche. In Hard kursierte die Info, dass unser Flugzeug beim Landen von der Landebahn gerutscht sei und das Flugzeug Feuer gefangen hätte. Daraufhin erreichten uns natürlich viele besorgte Anrufe. Aber es ging uns gut.

Gab es Auswärtsreisen, bei denen ihr froh wart, heil wieder weggekommen zu sein?
Huemer:
Sabac in Serbien. Und das nicht nur wegen der Tumulte in der Halle nach dem Spiel.
Kathrein: Es war da von Anfang an zu spüren, dass die Leute auf Ärger aus waren. Wir haben damals gesagt: Keiner verlässt das Hotel. In Saporischschja, das ist eine Großstadt in der südöstlichen Ukraine, hat man uns auch geraten, besser im Hotel zu bleiben. Wir haben dann aber einen Begleitschutz organisiert, sodass wir zumindest in eine Bar gehen konnten, die als halbwegs sicher galt.
Huemer: Am brenzligsten war es in Wolgograd, einer russischen Großstadt in der Nähe von Kasachstan. Da war es wirklich eng, dass wir nicht heimkommen. Von uns wurde Schutzgeld erpresst.

Bitte was?
Huemer:
Es war früher gang und gäbe, dass du dich nach dem Spiel mit der gegnerischen Mannschaft, den Fans und den Sponsoren getroffen hast und der Abend gemeinsam ausklingen hast lassen. Das war auch in Wolgograd so. Alles war ganz entspannt, bis wir mit dem Taxi zurück zum Hotel wollten. Da hieß es dann: Wenn wir beim Hotel ankommen wollten, würde es ein bisschen mehr kosten als den üblichen Taxitarif.
Kathrein: Ein bisschen viel mehr.
Huemer: Unser Kreisläufer Margots Valkovskis wollte das nicht akzeptieren. Er krempelte seine Ärmel hoch und sagte: Ich bin bereit.
Kathrein: Genau, und dann sagte er: Wir kämpfen!
Huemer: (lacht) Er sagte mit seinem etwas gebrochenen Deutsch und finsterer Miene: Wir kämpfen! Soweit kam es nicht, wir haben dann verhandelt und uns auf einen halbwegs akzeptablen Preis geeinigt.
Kathrein: Es war klüger, zu zahlen und es nicht drauf ankommen zu lassen. Wir waren als Mannschaft Gott sei Dank immer so schlau, dass wir die Situationen einschätzen konnten.
Huemer: Darum ist auch nie etwas passiert. Wir haben gegenseitig auf uns aufgepasst, wenn sich einer von uns mal provozieren ließ oder übermütig wurde, haben ihn die anderen eingefangen und ins Hotel gebracht. Außerhalb der geschützten Bereiche hatten wir immer Dreierteams, bei denen jeder für den anderen mitverantwortlich war. Keiner ging irgendwo alleine hin, auch nicht aufs WC. Speziell auf die jungen Spieler haben wir sehr genau aufgepasst. Es war vielleicht gerade wegen dieser speziellen Erfahrungen eine schöne Zeit, denn Ukraine, Weißrussland und wo wir überall gespielt haben – das war eine andere Welt.
Kathrein: Das Schöne am Handball ist, dass du nie Probleme mit den Fans bekommst, Sabac war da eine große Ausnahme. Warum dort die Stimmung in der Halle so gereizt war, verstehe ich bis heute noch nicht. Ansonsten waren wir in den Hallen selbst immer sicher, der Handballfan ist einfach anders gestrickt als der Fußballfan.
Huemer: Kritischer als in Wolgograd oder Moskau war es früher mit den Fans in Österreich. Bei Auswärtsspielen in Krems oder Bärnbach/Köflach kam es hin und wieder zu hitzigen Situationen, wobei es auch da nie kritisch wurde, einzelne Idioten gibt es überall. Der Handballsport ist in Österreich eine große Familie, der gegenseitige Respekt ist groß und wir wollen wieder mehr etablieren, dass auch die Gästemannschaften und Gästefans nach den Spielen in der Teufelsbar feiern.

Womit sich der Kreis schließt. Hard nimmt in dieser Saison wieder am Europacup teil, ein gro­ßer Hoffnungsträger ist mit Lukas Fritsch ein Eigenbauspieler. Was erwartet sich der Verein von ihm?
Huemer:
Er ist als Leistungsträger eingeplant, denn er wird auch so entlohnt. Es war der beidseitige Wunsch, dass man ihm auf seiner Position keinen Spieler vorsetzt, damit er die Hauptspielanteile links im Rückraum bekommt. Er merkt jetzt natürlich auch, dass er einen gewissen Druck hat und Erwartungen da sind, die Saison wird herausfordernd für ihn. Trotzdem vergessen wir nicht, dass er noch sehr jung ist. Wichtig wird sein, dass der Trainer ein gutes Gespür im Umgang mit Lukas entwickelt.
Kathrein: Lukas ist sicherlich der talentierteste Harder Nachwuchsspieler seit vielen Jahren. Er kann es sehr weit bringen, aber dafür muss er noch sehr hart an sich arbeiten, das weiß er auch. Aber ganz klar: Lukas wird bei uns in dieser Saison eine Schlüsselposition einnehmen und so ein bisschen das Bindeglied zwischen den jungen Spielern und den arrivierten Legionären sein.

Bleibt noch: Die Saison 2026/27 war erfolgreich, wenn …?
Kathrein:
Wie schon zum Anfang des Gesprächs gesagt, ist der Anspruch von Hard, ganz oben zu stehen. Das haben wir jetzt fünf Jahre in Folge nicht geschafft, darum ist ganz klar: Wir brauchen den Meistertitel.
Huemer: Vereinsseitig ist das die ganz klare Zielvorgabe. Wie es das Trainerteam mit der Mannschaft angeht, ist ein anderes Thema, da wird man einen Schritt nach dem Schritt machen wollen. Das ist auch vernünftig. Wir als Verein haben das Ziel jedoch schon klar kommuniziert. Die internationalen Spiele sehen wir als eine Art Teamevent, die Mannschaft soll auf den Reisen zusammenwachsen, was nicht heißen soll, dass wir europäisch keine Ziele haben. Trotzdem will ich die Beurteilung der Saison nicht nur auf den Meistertitel reduzieren. Ein Ziel ist auch, dass wir zwei, drei jungen Nachwuchsspielern mehr Spielzeiten geben, um sie für die übernächs­te Saison als Stammspieler aufzubauen.
Kathrein: Das ist eine sehr wichtige Anmerkung. Es gibt die Ziele der Kampfmannschaft, aber was unsere Jugend betrifft, haben wir als Verein natürlich noch weitere wichtige Visionen. Wir sind 2025/26 bei den Mädchen Staatsmeister geworden und bei den Burschen Vizestaatsmeister, diesen Weg wollen wir fortsetzen. Mit Hanswerner Thurnher ist eine Vereinsikone zurück, mit Mareike Kocar haben wir bereits seit Längerem eine hauptamtlich angestellte Jugendkoordinatorin. Wir inves­tieren wahrscheinlich so viel in den Nachwuchs wie viele andere in der HLA in ihre erste Mannschaft, auch die Forcierung der Mädchenmannschaft ist uns sehr wichtig. Diese Nachwuchsförderung geht in der öffentlichen Wahrnehmung oft etwas unter, was schade ist, denn wir verstehen die Jugendarbeit als Auftrag. Wir zielen bei der Nachwuchsförderung nämlich nicht nur darauf ab, neue Spieler für unsere Kampfmannschaft zu entwickeln, wir wollen die Jugendlichen ganz allgemein auch einfach weg vom Handy und hin zum Sport, zur Bewegung bringen. Aber was die Profis betrifft, ist die Zielvorgabe wie gesagt ganz klar: Wir erwarten in dieser Saison den Meistertitel.
Huemer: Und wir erwarten auch, dass alle unsere Spieler mit dieser Erwartungshaltung umgehen können. Wer bei Hard spielt, muss diesen Druck wollen.

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