MQ-Chefin will Besucherzentrum und attraktiveren Vorplatz

Die 1962 geborene Kulturmanagerin Bettina Leidl ist seit 2022 Geschäftsführerin der MuseumsQuartier Errichtungs- und BetriebsGesmbH, nachdem sie zuvor u.a. Geschäftsführerin der Kunsthalle Wien und Direktorin im Kunst Haus Wien war. Anlässlich des 25-Jahr-Jubiläums des Kulturareals gab sie der APA schriftlich über Aktuelles und Historisches, Emotionales und Strukturelles Auskunft.
Bereits Unterschriften für die Realisierung des MQ gesammelt
APA: Welche Bedeutung hat das MuseumsQuartier in Ihrem Leben?
Bettina Leidl: Das MuseumsQuartier begleitet mich einen Großteil meines Lebens. Mitte der 1980er-Jahre habe ich in einer Studenten-WG in der Breitegasse gewohnt, der Messepalast war also mein unmittelbares Lebensumfeld. Ich habe die hitzigen Diskussionen über die Zukunft des Areals mit großem Interesse verfolgt. 1992 habe ich dann mit der großartigen Gerda Themel für das Aktionskomitee MuseumsQuartier gearbeitet und Unterschriften für dessen Realisierung gesammelt. Damals war es keineswegs selbstverständlich, dass hier einmal das bedeutendste Kulturareal Europas entstehen würde. Umso beeindruckender ist es, rückblickend zu sehen, wie sich die Vision eines modernen MuseumsQuartiers durchgesetzt hat. Von 1997 bis 2012 war ich dann Geschäftsführerin der Kunsthalle Wien im MQ. Seit 2022 habe ich nun die große Verantwortung und Freude, das MuseumsQuartier als Direktorin zu leiten und seine Zukunft aktiv zu gestalten.
Diese Verbindung mit dem MQ über vier Jahrzehnte hinweg ist für mich etwas ganz Besonderes. Ich habe das Areal als Messepalast erlebt, als umkämpftes Zukunftsprojekt, als jungen experimentellen Kulturstandort und heute als das bekannteste und erfolgreichste Kulturareal Europas. Das MuseumsQuartier ist für mich deshalb weit mehr als ein Arbeitsplatz. Vielleicht macht gerade diese lange Beziehung meine Sicht auf das MQ aus, es war nie ein fertiger Ort, sondern immer ein Ort der Veränderung, der Offenheit und der Zukunft.
“Nach 25 Jahren Sanierungsarbeiten notwendig”
APA: Was waren die größten Herausforderungen Ihrer bisherigen Amtszeit an der Spitze des MQ?
Leidl: Die größte Herausforderung war und ist es, die Balance zwischen Kontinuität und Veränderung zu halten. Und das auf vielen Ebenen: Wir sind für die Instandhaltung und Erneuerung der Gebäude und des Geländes genauso verantwortlich wie für das Managen unterschiedlichster Interessenslagen und Bedürfnisse. So sind nach 25 Jahren Sanierungsarbeiten notwendig, beispielsweise wurden die Glasdächer von mumok und Leopold Museum in den letzten zwei Jahren erneuert und mit der neuesten Technologie (Klimaregulierung) ausgestattet – das bei laufendem Betrieb der Häuser und des Areals.
Eine wesentliche strategische Weiterentwicklung des Areals ist für mich die erste inhaltliche Erweiterung des MQ seit seiner Errichtung mit dem neuen Standort für das Haus der Geschichte Österreich. Nach dem internationalen Architekturwettbewerb, den Ortner und Ortner Berlin für sich entschied, ist der erste Teil des Planungsprozesses abgeschlossen. Aktuell befindet sich das Projekt in der Phase der Baueinreichung.
Meine Kernthemen wie Nachhaltigkeit, Barrierefreiheit, das Kuratieren und die Weiterentwicklung des öffentlichen Raums und die Frage, wie wir auch in Zukunft ein offener Ort für die Menschen dieser Stadt mit unterschiedlichen Erfahrungswelten bleiben können, spielen in jeder Überlegung und Entscheidung eine wichtige Rolle und sind aus meiner Sicht Qualitätsgarant für das MQ. Und dafür werde ich mich auch weiter einsetzen.
“Das Erfolgsrezept liegt in der besonderen Mischung”
APA: Was ist das Erfolgsrezept dieses Kulturareals?
Leidl: Das Erfolgsrezept liegt in der besonderen Mischung. Das MQ vereint große Museen, Veranstaltungshallen, freie Kulturinitiativen, Ateliers für Künstler:innen, kreative Unternehmen und einen öffentlichen Raum, der allen offensteht. Diese Vielfalt schafft eine Dynamik, die jeden Tag erlebbar ist. Das MQ ist nicht nur ein Ort, an dem Kunst und Kultur gezeigt wird, sondern ein Ort, an dem Kunst entsteht und diskutiert wird. Gerade diese Offenheit und die Verbindung von Kunst und urbanem Leben machen das Areal auch nach 25 Jahren so attraktiv.
APA: Was ist Ihr Lieblingsort am Areal?
Leidl: Mein Lieblingsort ist der Haupthof, vor allem jetzt, wo wir erstmals große Flächen entsiegelt und die ersten Fixverpflanzungen der MQTreePods eingesetzt haben. Hier zeigt sich das Wesen des MQ besonders gut. Man sieht Menschen aus aller Welt, Familien, Studierende, Kunstinteressierte, Tourist:innen und Wiener:innen. Die historische Architektur trifft auf zeitgenössische Kunst, und je nach Tages- oder Jahreszeit verändert sich die Atmosphäre. Für mich ist der Haupthof das Herz des MuseumsQuartier.
Schaffung eines zentralen Besucherzentrums als wichtiger nächster Schritt
APA: Was ist der wichtigste Schritt, den das MQ in Zukunft machen sollte?
Leidl: Das MuseumsQuartier sollte seine Rolle als das erfolgreichste Kunst- und Kulturareal Europas konsequent weiterentwickeln. Der enorme Erfolg des MQ mit mittlerweile rund fünf Millionen Besucher:innen jährlich zeigt aber auch, dass die bestehende Infrastruktur an ihre Grenzen stößt. Deshalb halte ich die Schaffung eines zentralen Besucherzentrums für einen wichtigen nächsten Schritt. Ein Besucherzentrum könnte Orientierung bieten, Informationen bündeln und den Aufenthalt für die zahlreichen nationalen und internationalen Besucher:innen noch attraktiver gestalten.
Wir denken und planen langfristig, im nächsten Jahr beginnen wir mit einem lange geplanten Großprojekt, dem Umstieg auf erneuerbare Energie. Weiteres großes Entwicklungspotenzial sehen wir im Bereich des Vorplatzes Richtung Kunsthistorisches Museum, inkl. Tiefgarage und Erdgeschoßzone des Fischer von Erlach Trakts. Die geplante Neugestaltung der Zweierlinie eröffnet die Chance, diesen Stadtraum, mit neuer Grünraumgestaltung, Verkehrsberuhigung, breiteren Radwegen und somit auch einer räumlichen Verbindung zwischen Kunsthistorischem Museum und MQ stärker herauszuarbeiten.
“Ein Ort wie das MQ muss immer mehrere Jahrzehnte vorausdenken”
Ich habe die Technische Universität, Architektur und Denkmalschutz eingeladen, im Rahmen von Diplomarbeiten die Entwicklungspotenziale in diesem Bereich näher zu beleuchtet. Die Projekte werden erstmals in der Ausstellung Vision und Widerstand zu sehen sein. Denn mit dem Ablaufen des Vertrags der Tiefgarage im Jahr 2054 entstehen völlig neue Möglichkeiten. Diese Flächen könnten zukünftigen Generationen neue Optionen für Kultur, Aufenthaltsqualität, Begrünung und öffentliche Nutzung eröffnen. Das mag noch weit entfernt erscheinen, aber gerade ein Ort wie das MQ muss immer mehrere Jahrzehnte vorausdenken.
Die Stärke dieses Areals ist seine Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden und gleichzeitig seinen Grundwerten treu zu bleiben: Offenheit, Vielfalt und die Überzeugung, dass Kunst und Kultur eine zentrale Rolle in unserer Gesellschaft spielen. Damit das MQ auch in den nächsten 25 Jahren ein lebendiger und relevanter Ort für die Stadtgesellschaft bleibt, müssen wir heute die Weichen für morgen stellen.
APA: Soeben ist die MQ-Geschäftsführung ab 14. Februar 2027 für die Dauer von fünf Jahren ausgeschrieben worden. Werden Sie sich wieder bewerben?
Leidl: Ich widme mich derzeit vor allem den sommerlichen 25 Jahre MQ Feierlichkeiten mit einer großen Ausstellung zur Geschichte des MQ, “Vision und Widerstand”, und einem Künstler:innenfest im MQ Haupthof am 2. Juli – gemeinsam mit den Institutionen Leopold Museum, mumok, Kunsthalle Wien, Tanzquartier Wien und den O-Tönen. Meine Entscheidung zur Bewerbung werde ich dann öffentlich machen.
(Die Fragen stellte Wolfgang Huber-Lang/APA)