“Needlapb” experimentierte im Kampf gegen die Finsternis
“Fight the Darkness!” Mit einem Aufruf zum Kampf gegen die Finsternis endete das am Freitag im Rahmen des ImPulsTanz-Festivals einmalig aufgeführte “Needlapb”, ein etabliertes Tryout-Format der belgischen Needcompany um Jan Lauwers und die weiteren Gründungsmitglieder. Vorabinfos zur Aufführung gab es keine. Geboten wurden erste Einblicke in ein neues Stück über “White Supremacy” sowie getanzter Hyper-Enthusiasmus, wohl auch als Weckruf für Wandel.
Ziel der “Needlapbs” ist es, erste Fragmente künftiger Stücke im Kontakt mit dem Publikum zu testen. Wie schon bei früheren Events dieser Art mischt man auch Cocktails für alle. Eine Feierstimmung wird sich aber nicht so schnell einstellen. Der belgische Theaterregisseur und Choreograf Jan Lauwers liefert mit seinem neuen Werk “White Boats” bzw. den daraus vorgetragenen Textausschnitten keine leichte Kost, sind doch die Ideologie der Vorherrschaft von Weißen sowie Rassismus hier zentrale Leitthemen.
Vor 40 Jahren habe Freiheit dominiert – “dann kam eine Katastrophe nach der anderen”, setzt er den Grundton. Lauwers baut Referenzen ein, etwa zu “Herz der Finsternis”, die düstere Erzählung von Joseph Conrad aus dem Jahr 1899 und Inspiration für den späteren Antikriegsfilm “Apocalypse Now”. Er springt zu den heutigen Tech-Bros Peter Thiel und Elon Musk und US-Vizepräsident JD Vance, und schwenkt dann – hier beginnt das auch von Live-Musik begleitete Spiel auf der Bühne – ins Jahr 2042 zu einem Boot mit vornehmlich weißen Gästen.
Das Treiben des weißen Bootes und des Wandels
Mitglieder der Compagnie schlüpfen u.a. in die Rollen von JD Vance, seiner Ehefrau (hier Taylor genannt), Sam Altman und einem von ihm entwickelten KI-Bodyguard MO6. Es ist das szenische Zusammenspiel von der Ehefrau und dem Humanoiden, das besonders hängen bleibt: Hier wird lustvoll und mit eindringlicher Intensität die Beziehung zwischen Mensch und Maschine ausgelotet. Dafür schlüpfen die zwei Akteure auch zeitweilig in die Rollen von Marianne und Johan aus Ingmar Bergmans “Szenen einer Ehe” – auch dieses Spiel endet düster.
Die ersten Szenen eines neuen Werks von Sung Im Her (Choreografie) und Maarten Seghers (Text) entfalten sich dann wie ein Feuerwerk des Tanzes. Hier treffen Bewegung, Sound, Gedicht und Gesang aufeinander, pulsierend bis zu den Besucherrängen. Es arbeiten sich die beiden Ko-Kreatoren und sechs weitere Gruppenmitglieder bisweilen schweißtreibend, mal im Trainingsgewand, mal in Disco-Glitzer-Outfits und anderen bizarren Kostümen, thematisch am Dasein, an Verhängnissen und an der Resilienz der Menschheit ab. In den Textzeilen finden sich Worte wie Wandel, Ineffizienz, Hyper-Enthusiasmus – unterlegt von sich wiederholenden Kicks zu Beats und Headbanging im Takt.
Ausdauer und Spielfreude
Der Charme des Abends ist sicherlich das bruchstückhafte Gebilde an Darbietungen, dem man eher unbedarft ausgeliefert ist – gepaart mit großer Spielfreude der von Jan Lauwers, Grace Tjang (auch bekannt als Grace Ellen Barkey), Maarten Seghers und Sung Im Her vor 40 Jahren gegründeten Needcompany. Es ist die 26. Ausgabe der seit 1999 veranstalteten “Needlapbs”.
Letztlich stellt sich auch die Frage, wer hier wen beobachtet hat. Man achte ganz genau auf die Reaktionen des Publikums und nehme diese mit in den weiteren Arbeitsprozess, sagte Lauwers zur APA. Ein paar Besucher hielten zwar nicht ganz bis zum Ende durch. Das Ausprobieren des neuen Materials der Gruppe erstreckte sich eben auch nicht auf die angekündigten 60, sondern knapp 100 Minuten. Ungeachtet der Länge wurde zum Schluss gejubelt.
Am Samstagabend kommt übrigens Grace Tjangs Stück “The Garden of Earthly Disquiet” im Akademietheater zum zweiten Mal zur Aufführung. Also nochmals Gelegenheit, die Needcompany in einem ganzen Stück zu erleben.
(Von Lena Yadlapalli/APA)
(S E R V I C E – Das “Needlapb 26” wird nicht wiederholt: )