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Evangeliumkommentar: „Ein kleines Stück vom großen Glück“

26.07.2026 • 09:00 Uhr

In unseren wöchentlichen Evangelienkommentaren geben Geistliche, Religionslehrerinnen, Theologinnen und andere ihre Gedanken zum Sonntagsevangelium weiter. Heute mit Andrea Geiger, Projektassistentin im Pastoralamt der Katholischen Kirche Vorarlberg.

Evangeliumkommentar: „Ein kleines Stück vom großen Glück“
Geiger

In jener Zeit sprach Jesus zu den Jüngern: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war. Ein Mann entdeckte ihn und grub ihn wieder ein. Und in seiner Freude ging er hin, verkaufte alles, was er besaß, und kaufte den Acker. Auch ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte. Als er eine besonders wertvolle Perle fand, ging er hin, verkaufte alles, was er besaß, und kaufte sie. Wiederum ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Netz, das ins Meer ausgeworfen wurde und in dem sich Fische aller Art fingen. Als es voll war, zogen es die Fischer ans Ufer; sie setzten sich, sammelten die guten Fische in Körbe, die schlechten aber warfen sie weg. So wird es auch bei dem Ende der Welt sein: Die Engel werden kommen und die Bösen aus der Mitte der Gerechten aussondern und sie in den Feuerofen werfen. Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein. Habt ihr das alles verstanden? Sie antworteten ihm: Ja. Da sagte er zu ihnen: Deswegen gleicht jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, einem Hausherrn, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt.
Matthäus 13, 44-52

Himmel – Wolken, endlose Weite, Vögel, Sonne, Sterne, Mond, Engel … oder eine Adresse nach dem Tod? Oder wie Herbert Grönemeyer singt: „Ein Stück vom Himmel“ und dabei an seine Frau denkt. Oder wie der Evangelist Matthäus heute Jesus vergleichen lässt. Es geht wohl kaum um etwas Geografisches, um etwas zum Angreifen. Jesus braucht gleich mehrere Bilder. Sein Herz scheint voll davon zu sein, denn sein Mund geht über. (Kleine Nebenbemerkung: Was muss Jesus Heimweh gehabt haben – als einer, der vom Himmel kam und sich auf dieser Welt mit uns Menschen zurechtfinden musste.)

Ich kenne solche Momente: Wenn ein Streit endet und Versöhnung möglich wird. Wenn ein Kind lacht. Wenn jemand sagt: „Schön, dass es dich gibt.“ Wenn der Filterkaffee bei der Oma besser schmeckt als jeder Espresso in der Stadt. Oder wenn plötzlich der Gedanke aufblitzt: So könnte es ewig bleiben. Genau dort leuchtet das Reich Gottes auf. Ein Hauch von Himmel. Eine Ahnung davon, wie Gott sich das Leben für uns gedacht hat. Für alle. Denn das Reich Gottes ist nie nur mein persönliches Glück. Es wird erst ganz, wenn möglichst viele darin aufatmen können.

Jesus erzählt von verschiedenen Menschen. Der eine stolpert über den Schatz. Er hat gar nicht gesucht. Manche kommen so zum Glauben – fast wie die Jungfrau zum Kind. Der andere sucht sein Leben lang, fragt, zweifelt, hofft und geht weiter. Offenbar gibt es bei Gott keinen Königsweg. Der eine stolpert hinein, die andere sucht sich hinein. Hauptsache, beide kommen an. Dann passiert etwas Erstaunliches: Beide verkaufen alles. Nicht weil Gott oder ein frommer Besserwisser es verlangt. Sondern weil sie gar nicht mehr anders können. Das kennen Eltern. Mit der Geburt eines Kindes verändert sich das ganze Leben. Niemand muss sagen: „Ab heute bitte Schlafrhythmus, Freizeit und Urlaubsplanung umstellen.“ Die Liebe schafft eine neue Mitte.

Wer so einen Schatz entdeckt, denkt nicht zuerst daran, was er aufgeben muss, sondern freut sich über das, was er gewinnt. Vieles verliert seine Macht – nicht weil es schlecht wäre, sondern weil etwas Größeres ins Leben getreten ist. Wer ein Stück Himmel erlebt hat, ordnet sein Leben neu. Nicht aus Pflicht, sondern weil sich die Prioritäten verschieben. Dann erzählt Jesus noch vom Netz mit den Fischen. Ehrlich gesagt: Im Sortieren sind viele von uns Weltmeister. Gute Menschen. Schwierige Menschen. Die Richtigen. Die Falschen. Die Einheimischen. Die Anderen. Jesus sortiert erstaunlich wenig. Er isst mit allen, hört zu, heilt und überlässt das letzte Urteil seinem Vater. Vielleicht sollten wir das auch öfter tun. Das deutsche Wort richten kann auch heißen: etwas wieder in Ordnung bringen. Herrichten. Aufrichten. Heilmachen. Schön machen. Vielleicht ist genau das Gottes große Leidenschaft: Nicht über Menschen zu urteilen, sie nicht fertigzumachen, sondern sie fertig, ganz, bereit, schön zu machen für das Leben.

Bis dahin dürfen wir gelassen leben. Weniger urteilen. Mehr vertrauen. Weniger Schubladen. Mehr offene Türen. Oder ganz einfach: Gott wird es schon richten. Und vielleicht beginnt das Reich Gottes genau heute – mit einem kleinen Stück Himmel verborgen im Acker eines ganz normalen Tages, mitten im Alltag.

Andrea Geiger
Andrea Geiger ist Projektassistentin im Pastoralamt der Katholischen Kirche Vorarlberg.