Neue Aufmerksamkeit: Tat Trump Grönland einen Gefallen?

Ein sonniger Augusttag in Nuuk, der Hauptstadt Grönlands. Die Temperatur liegt bei zehn Grad Celsius, fühlt sich aber wärmer an. Doch haben sich die Gemüter, die Präsident Donald Trump mit seinen Avancen, die Arktisinsel den USA einzuverleiben, erhitzt hatte, wieder abgekühlt. Auch wenn die Gefahr einer schleichenden Vereinnahmung noch nicht vorbei zu sein scheint, können manche Einwohnerinnen und Einwohner Grönlands den Turbulenzen auch positive Aspekte abgewinnen.
Grönland geriet in den vergangenen Monaten in die Schlagzeilen, weil US-Präsident Trump – vor allem mit gierigem Blick auf die dort immensen Rohstoffvorkommen – Ansprüche auf die größte Insel der Welt erhob und damit großen Protest auslöste. Grönland gehört zu Dänemark, hat aber eine Selbstverwaltung und politisch sehr viel Eigenständigkeit. Dänemark machte immer wieder klar, dass Grönland nicht zum Verkauf stehe. Dessen Bevölkerung pocht ohnehin auf die eigene Souveränität.
Die PR-Expertin Naaja zum Beispiel. Die junge Frau sitzt in ihrem Büro im alten Hafen von Nuuk, dem Colonial Harbor. Angesprochen auf Trumps Grönland-Pläne meint sie: “Es ist ruhig geworden. Wir fürchten uns nicht mehr vor einem unmittelbaren Einmarsch der USA. Es ist aber beunruhigend, dass in den vergangenen Wochen eine amerikanische Firma bereits zweimal Ausrüstungen für Probebohrungen nach Grönland gebracht hat. Die wirtschaftliche Ausbeutung unserer Rohstoffe ist nach wie vor eine Gefahr.”
Texanisches Ölförderprojekt vorerst gestoppt
Sie bezieht sich auf das Ölförderprojekt der texanischen Greenland Energy Company, das von Trump-Vertrauten betrieben wird. Nach Protesten der Bevölkerung und negativen Schlagzeilen in den Medien hat die Regierung in Nuuk Bohrgenehmigungen vorerst bis 2028 gestoppt. Der grönländische Ministerpräsident Frederik Nielsen schrieb auf Facebook: “Grönland gehört den Grönländern. Wir werden unsere Zukunft selbst bestimmen.” Was Nielsen auf die USA gemünzt hat, sehen viele Grönländer auch auf Dänemark bezogen. “Vor allem die Jugend hat große Hoffnung, mehr Autonomie von Dänemark zu erlangen”, meint Naaja.
Grönland hat seit 2009 eine erweiterte Selbstverwaltung innerhalb des dänischen Königreichs. Allerdings behält Dänemark die Kontrolle über Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Auch die finanzielle Abhängigkeit von Dänemark ist groß.
“Trump hat Grönländern indirekt einen Gefallen getan”
Malik ist Lehrer an einer Schule in Nuuk und alleinerziehender Vater. Er meint, dass Trump den Grönländern indirekt einen Gefallen getan hat. “Plötzlich interessiert sich die ganze Welt für uns.” So habe sogar der französische Präsident Emmanuel Macron Grönland besucht. “Das hat mich stolz gemacht.” Malik ist überzeugt, dass sich auch das Verhältnis zu Dänemark in jüngster Zeit geändert hat. “Jetzt verwöhnen uns die Dänen. Aber wenn man bedenkt, was sie uns jahrzehntelang angetan haben, dann müssen sie uns mehr Autonomie geben.”
Die britische Rundfunkjournalistin Nadira Tudor aus Großbritannien, die gerade eine Recherchereise in Grönland absolviert, sieht das ähnlich. “Es gibt keinen Zweifel, dass Trump das Land auf die internationale Landkarte gesetzt hat und große Aufmerksamkeit erregt hat.” Sie meint, dass sämtliche globalen Themen in Grönland Gewicht haben. “Klimawandel, militärische Sicherheit, natürliche Ressourcen, indigene Identität und die Interessen der Weltmächte. Ich glaube, es ist wichtig, dass Journalisten verstehen, dass all diese Faktoren untrennbar verbunden sind in Grönland.”
Nicht nur Grönland, auch Dänemark hat einen Bewusstseinswandel vollzogen. Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen hat sich persönlich bei den grönländischen Frauen für die Zwangssterilisationen von den 1960er- bis zu den 1990er-Jahren entschuldigt. Und erstmals vertrat ein grönländischer Künstler, der Fotograf Inuuteq Storch, Dänemark bei der Biennale 2024 in Venedig. Im dänischen Parlament (dem Folketing) dürfen Reden und Debatten jetzt auch auf Grönländisch gehalten werden. Lange Zeit war Dänisch die einzige erlaubte Sprache.
Grönländische Polarforscherin Arnarulunnguaq kommt zu späten Ehren
Auch die grönländische Polarforscherin Arnarulunnguaq kommt zu späten Ehren. Ihre herausragende Rolle bei der Expedition (1921 – 1924) des berühmten dänischen Polarforschers Knud Rassmusen wurde jahrzehntelang in den Geschichtsbüchern nicht erwähnt. Sie wird nun ab 2028 auf einer neuen Serie der dänischen Krone-Banknoten abgebildet sein.
Die neugefundene Wertschätzung der Dänen hat auch ihre Auswirkung auf die grönländische Gesellschaft. Die Journalistin Nadira Tudor formuliert es so: “Viele internationale Besucher kommen mit vorgefertigten Erwartungen nach Grönland. Aber die Realität ist viel nuancierter. Was einem besonders auffällt, ist, dass sich die grönländische Gesellschaft derzeit in einem Wandel befindet.”
“Greenland is not for sale”
Mit der Frage der Veränderungen beschäftigt sich auch eine aktuelle Ausstellung im Nuuk Art Museum. Unter dem Titel Nuna (Grönländisch für Erde, Land, Gebiet, Heimat), werden sowohl US-Ansprüche als auch die dänische Verwaltung thematisiert. “Greenland is not for sale” verkündet ein Plakat am Eingang der Ausstellung.
Der junge Bootsführer Nuka sieht die Dinge indes gelassen und freut sich vor allem auf die Rentierjagd, deren Saison Anfang August begonnen hat. “Hoffentlich erlege ich ein Rentier direkt am Strand. Dann muss ich es nicht so weit zum Boot schleppen”, meint er lachend. Trump hin, Rohstoffe her, das Alltagsleben am nördlichen Polarkreis zieht weiter seine Bahnen…