Neuer Chefdirigent Poschner: “RSO hat kein Verfallsdatum”

Mit Beginn der neuen Saison übernimmt Markus Poschner als Chefdirigent das ORF Radio-Symphonieorchester. Der 55-Jährige stand zuvor an der Spitze des Linzer Bruckner Orchesters und soll nun das weiterhin vor finanziellen Herausforderungen stehende RSO in eine Zukunft führen. Aus diesem Anlass sprach der deutsche Maestro mit der APA über Kunst als Gegengift, das RSO Wien als ORF im Kleinen und den inspirierenden Umstand der Auflösung eines erfolgreichen Klangkörpers.
APA: Sie haben bei Ihrer Designierung angekündigt, das RSO nur dann übernehmen zu wollen, wenn die Frage der Existenzsicherung geklärt ist. Momentan steht die Finanzierung für das Orchester allerdings nur bis 2029, Ihr Vertrag läuft jedoch bis 2031. Sie sind also Optimist?
Markus Poschner: Ich bin ein großer Optimist. Das RSO ist eine mit Preisen überhäufte Kulturinstitution: Ein Orchester auf diesem Weltklasseniveau hat kein Verfallsdatum. Punkt. Aber natürlich weiß ich sehr wohl, dass irgendjemand die Rechnung bezahlen muss. Da bin ich nicht naiv. Ich sehe es jetzt tatsächlich auch als meine Mission, dass diese Fragen geklärt werden. Und das ist fast eine spirituelle Mission, die weit über die blanken Zahlen hinausführt. Unsere Gesellschaft muss diskutieren: Wie soll die Welt aussehen, in der wir leben? Wir leben in einer sehr zerbrechlichen Epoche und brauchen dringend Halt, Orientierung. Und was ist das Gegengift gegen Spaltung und Polarisierung? Da kommen wir als Kulturinstitution ins Spiel. Musik verbindet uns mit unserer Vergangenheit, und daraus formulieren wir die Zukunft. Wir sind das Scharnier. Denn gerade Musik ist die intuitivste Form des Auseinandersetzens mit unserem eigenen Dasein.
APA: Das bedeutet, Sie sehen Ihre Rolle auch darin, die Verantwortungsträger zu überzeugen?
Poschner: Ich kann nur plädieren und hinausrufen, so laut ich kann, und mit so vielen Menschen wie möglich reden, die Verantwortung tragen und an den Hebeln sitzen. Wir brauchen eine Lösung für unsere Gesellschaft. Wir müssen uns vielleicht auf Einschnitte gefasst machen, aber wir dürfen nicht an der Kultur sparen, denn da würden wir an unserer Identität sparen. Wir würden an unseren Grundfesten rütteln.
APA: Wäre eine Zukunft des RSO abseits des ORF für Sie denkbar?
Poschner: Nein, wir sind der ORF in komprimierter Form. Der ORF versteht sich selbst als große Bildungseinrichtung – und wir als RSO sind die perfekte Bildungsmaschine. Für uns ist Tradition und Zukunft kein Entweder-Oder, sondern ich frage mich immer, wie daraus Zukunft verhandelt wird. Diese Neugier ist für mich die direkte Verbindung mit dem ORF. Diese Vielfalt kann nur dadurch entstehen, weil wir nicht ein Konzerthaus betreiben und gebunden sind an einen Ort, sondern sowohl im digitalen wie im analogen Bereich arbeiten können.
APA: Das RSO ist ja sehr stark im Bereich der Uraufführungen und der zeitgenössischen Musik engagiert. Wollen respektive können Sie diese Dichte beibehalten?
Poschner: Unbedingt. Wobei ich nicht auf diesen Bereich reduziert werden möchte, denn wir haben auch andere Expertise. Wir müssen uns breiter aufstellen. Wir waren beim ESC aktiv, das RSO kann Jazz, Rock und Pop, weil es ein unglaublich präzises, mit einem tollen Timing ausgestattetes Ensemble ist und überhaupt keine Berührungsängste hat. Wir spielen aber genauso auch alte Musik oder Werke der Romantik. Diese Breite müssen wir auch erzählen und sichtbar machen.
APA: Zu dieser Erzählung zählt auch die verstärkte Vermittlungsarbeit, die Ihnen, wäre mein Eindruck, Spaß macht …
Poschner: Ja, das muss ich gestehen. Dafür haben wir ja in meiner ersten Saison neue Formate erfunden wie “Poschners Meilensteine” im Musikverein oder Einführungen mit dem gesamten Orchester vor den Konzerten im Konzerthaus, aber auch neue Projekte für das RadioKulturhaus, um die Menschen zu erreichen. Wir verlassen uns nicht nur darauf, dass wir abends die Türen aufsperren, und die Leute schon kommen werden. Wir müssen eine sehr aktive Rolle einnehmen, und das funktioniert über die eigene Leidenschaft. Ich bin von dem, was wir tun, absolut überzeugt. Und ich erlaube mir den Luxus, von meiner eigenen Begeisterung zu erzählen. Aber es geht da nicht nur um mich, sondern ich versuche, Musik erlebbar zu machen. Nicht, sie zu erklären – das geht nicht! Das Wesen der Musik ist nicht in Worten erklärbar.
APA: Hat das Format Konzert im Bestreben nach Niedrigschwelligkeit noch eine Zukunft?
Poschner: Ich glaube, es wird immer das abendliche Konzert als Ritual geben. Das ist eine Errungenschaft unseres Kulturkreises, des Abendlandes, ein schon fast 200 Jahre altes Ritual: Das Licht geht aus, man sitzt da und muss still sein. Das hat etwas Gottesdienstähnliches. Das ist aber nur eine der Möglichkeiten, Musik zu erleben. Und es warten noch viele auf uns, die wir noch gar nicht sehen oder die noch gar nicht erfunden wurden.
APA: Sie kommen als Chefdirigent vom Linzer Bruckner Orchester. Gibt es so etwas wie die typische RSO-Musikerin oder den typischen Bruckner-Instrumentalisten?
Poschner: Absolut! Aber natürlich sind alle erst einmal Individuen und seit Kindesbeinen Experten in ihrem Bereich. Aber natürlich hat jedes Orchester seine eigene Klangsprache. Das ist eigentlich ein Mysterium. Wie wird Tradition weitergegeben? Das ist etwas sehr Individuelles und sehr schwer Erklärbares. Jedes Ensemble hat seine eigene Persönlichkeit, und die kann ich als Dirigent nur unterstützen und fördern.
APA: Dabei spielen Sie gleichzeitig mit mehreren dieser Traditionen, stehen Sie neben dem RSO doch auch dem Sinfonieorchester Basel und ab 2027 dem Utah Symphony vor …
Poschner: Das klingt in dem Zusammenhang jetzt etwas eigenartig, aber ich bin in einer Lebensphase, in der ich mich mehr fokussieren möchte. Ich möchte mich auf intensivere Beziehungen konzentrieren und einlassen. Ich möchte Dinge auf den Weg bringen, dran bleiben und sehen, wie dieses Pflänzlein wächst.
APA: Sie können sich also vorstellen, wie manch ältere Kollegen, nun Jahrzehnte an der Spitze des RSO zu stehen?
Poschner: Wenn mir irgendjemand dieses lange Leben schenkt … (lacht). Mein Beruf ist ja auch Berufung. Aber ich kann über die Zukunft wenig sagen, lediglich, dass meine Verbindungen mit Ensembles bisher meist zehn Jahre gedauert haben. Ich hatte dann immer den Eindruck, dass ich mich neu erfinden möchte. Ich habe dann immer den Drang verspürt, Dinge wieder zurückzustellen und in eine andere Richtung zu blicken – auch wenn da natürlich Unsicherheit oder vielleicht auch Scheitern auf einen wartet. Das gehört dazu als Künstler. Ich habe beispielsweise immer Miles Davis bewundert, dessen Quintett man in den 1960ern als Jahrhundertensemble bezeichnet hat. Er hätte über die nächsten Jahrzehnte mit den immer gleichen Programmen touren können. Aber was macht er? Er hat das Quintett am Höhepunkt aufgelöst und hat sich selbst völlig neu orientiert. Das hat mich immer zutiefst inspiriert.
(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)