Neugeborene können Klangmuster im Schlaf erkennen

26.06.2026 • 06:00 Uhr
Neugeborene können Klangmuster im Schlaf erkennen

Aus einem Gewirr von Hintergrundgeräuschen zusammenhängende Töne wie etwa ein Gespräch herausfiltern zu können, ist eine beachtliche – und für die Umgebungswahrnehmung äußerst wichtige – Fähigkeit des menschlichen Gehirns. Dass diese wahrscheinlich angeboren ist und sogar im Schlaf funktioniert, zeigte jüngst ein internationales Forscherteam. Für den Spracherwerb ist das eine wesentliche Grundlage, schreiben sie im Fachblatt “Frontiers in Human Neuroscience”.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Neugeborene von Geburt an über eine ganze Reihe unterschiedlicher Fähigkeiten verfügen, erklärte Co-Autorin Petra Kovács vom Institut für Schallforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gegenüber der APA. Diese reichen von der grundlegenden auditiven Wahrnehmung bis hin zum Bereich des Spracherwerbs und erleichtern das spätere auditive und sprachliche Lernen.

Um herauszufinden, ob die Erkennung zusammenhängender Laute in Lautgemischen zu diesen angeborenen Fertigkeiten zählt, hat das Forscherteam die Gehirnaktivitäten von 33 gesunden Neugeborenen im Alter von null bis vier Tagen in ihrem natürlichen Schlaf gemessen. Dabei kamen hochauflösende EEG-Aufnahmen, also Messungen elektronischer Gehirnaktivität über 64 Elektroden auf der Kopfhaut, zum Einsatz. Den schlafenden Babys wurden zufällig wechselnde Töne vorgespielt, in denen sich ein regelmäßiges Muster wiederholender Frequenzen verbarg.

Ähnliche Reaktionen wie bei Erwachsenen

Das Gehirn der Neugeborenen reagierte dabei messbar auf die Klangmuster: So beobachteten die Forschenden zwischen 300 und 600 Millisekunden nach dem Einsetzen der Töne eine Reaktion über den Schläfen- und Scheitelregionen des Gehirns, während kurz danach eine weitere Aktivierung über den Stirn- und Mittellinienregionen folgte.

Diese Reaktionsmuster ähneln jenen von Erwachsenen, treten aber mit einer längeren Verzögerung auf. Das könnte eine Folge der noch unvollständigen Isolierung der Nervenfasern im sich entwickelnden Gehirn – der sogenannten unreifen Myelinisierung – sein, so die Vermutung der Forschenden. Zudem skaliert bei Erwachsenen die Reaktion im Gehirn mit der Stärke des Signals, während bei den Neugeborenen nur ein Unterschied zwischen dem stärksten und dem schwächsten Signal auszumachen war.

Grundlegend für den Spracherwerb – Viele offene Fragen

“Die Fähigkeit, regelmäßige von unregelmäßigen Klängen zu unterscheiden, ist eine grundlegende Voraussetzung für den Spracherwerb – denn auch Sprache folgt akustischen Mustern”, so Kovács. Insofern sei es ein erster Schritt, Sprache vom Hintergrundrauschen zu trennen. Daneben müsse man allerdings beachten, dass auch Erfahrungen in Form kritischer Entwicklungsphasen eine entscheidende Rolle beim auditiven und sprachlichen Lernen spielen.

Außerdem sind laut der Forscherin viele Fragen noch unbeantwortet: So sei die Entwicklungskurve der Fähigkeit noch unklar. “Die frühen und späten Hirnreaktionen, die wir bei Neugeborenen beobachten, scheinen Vorläufer der späteren Hirnfunktionen zu sein, doch wir wissen noch nicht, wie diese reifen”, erklärte Kovács. Dafür wären Längsschnitte unterschiedlicher Altersgruppen erforderlich.

Das Oberflächen-EEG könne zudem nicht bestimmen, welche Hirnregionen die Reaktionen genau generieren. Zuletzt sei ungewiss, ob es einen Zusammenhang zwischen der Qualität dieser frühen Fähigkeiten und späteren Sprach-, Aufmerksamkeits- oder Kommunikationsskills gibt. Dies könnte in Längsschnittstudien mit Fragebögen zur Sprachentwicklung untersucht werden, so die Forscherin.

(S E R V I C E – Link zur Studie: )