Nina Hoss: “Ich versenke mich einfach gerne”

Der deutsche Filmstar Nina Hoss (“Tár”) ist bei der laufenden Viennale zu Gast, um ihr neues Werk, die deutsch-österreichische Koproduktion “Die andere Seite” von Mariko Minoguchi, vorzustellen. Hierin spielt die 51-Jährige in einer postapokalyptischen Welt, die sich als Infizierte von der Gesellschaft ausgestoßen in den Bergen durchschlägt.
Aus diesem Anlass sprach der Kinostar, der jüngst in London im Zwei-Personen-Stück “Electra/Persona” mit Cate Blanchett Erfolge feierte, mit der APA über sich selbst als fröhlichen Menschen, das Aufladen alltäglicher Handlungen, das Theater als Gruppenprojekt und die Frage, weshalb sie in der Position einer Regisseurin wahnsinnig würde.
“Was für ein großes Abenteuer!”
APA: Ihre Rolle der Hanna in “Die andere Seite” erfordert von Ihnen als Darstellerin deutliche Leidensbereitschaft. Haben Sie gezögert, bevor Sie für den Part zugesagt haben?
Nina Hoss: Mein erster Impuls war eigentlich: Was für ein großes Abenteuer! Mir war natürlich klar, dass es hier kein Riesenbudget geben wird, man also teilweise selbst mit Rucksack bepackt auf die Berge hochstapfen wird müssen – was ich aber privat auch sehr gerne tue. Und ich hatte kurz vor dem Angebot Mariko Minoguchis ersten Film “Mein Ende. Dein Anfang” gesehen und fand den Eigensinn darin unglaublich aufregend und spannend. Als dann ihr Drehbuch kam, wollte ich gerne herausfinden, wer und wie sie ist und wieso sie so einen Stoff schreibt. Und als wir uns dann getroffen haben, war mir klar: Ich hätte wirklich große Lust, mich mit ihr zusammen diesem Thema zu stellen.
APA: Und was haben Sie herausgefunden? Wie ist Mariko Minoguchi als Regisseurin?
Hoss: Sie ist unwahrscheinlich neugierig. Sie hört nie auf, Fragen zu stellen und ist wissbegierig. Und das geht mir auch so. Darüber hinaus hat sie eine große Risikobereitschaft, was ich toll finde, und sie kann Menschen sehr gut zusammenbringen und aus ihnen mit ihrer Positivität das Beste herausbekommen. Ich habe da wirklich bewundernd daneben gestanden und gedacht: Das macht sie einfach großartig. Deswegen hatte die Arbeit an “Die andere Seite”, obwohl es ja relativ dramatisch aussieht, eine große Leichtigkeit, weil alle Freude hatten, dabei zu sein.
Die Freiheit, dem Impuls zu folgen
APA: Was hat diese Arbeitsweise für Sie als Schauspielerin bedeutet? Hatten Sie Freiheiten zu improvisieren, oder waren die einzelnen Szenen vollkommen festgelegt?
Hoss: Für mich ist das Improvisieren gar nicht so wichtig, sondern dass man nicht das Gefühl hat, man muss Erwartungen erfüllen. Dieser magische Moment, wenn die Kamera läuft, bringt noch mal etwas in einem zum Vorschein, was man nicht planen kann. Deshalb muss man die Freiheit haben, diesem Impuls zu folgen, obwohl man vorher vielleicht etwas anderes besprochen hatte.
APA: Sie spielen geschätzt die Hälfte des Films ohne ein Gegenüber. Hat das für Sie größere Freiheit oder eine größere Herausforderung bedeutet?
Hoss: Ich habe auch dann sehr viel Freiheit, wenn ich ein Gegenüber habe. Ich liebe Menschen und beobachte sie gerne. Aber in diesem Fall waren es plötzlich die Gegenstände, die zum Gegenüber wurden. Ich musste herausfinden, wie man alltägliche Handlungen aufladen kann. Wir haben das viel diskutiert: Wann lässt man Leere zu, wann lädt man es auf durch einen Gedanken? Dadurch hatte ich nie das Gefühl, mich zu langweilen, weil immer konkret etwas vorhanden war.
“Man ist nicht permanent nur das Eine”
APA: Hanna wirkt, obgleich sie weitgehend isoliert von den Menschen lebt, nicht einsam, sondern beinahe angekommen, in sich ruhend ohne den Druck der Gesellschaft …
Hoss: Über die alltäglichen Rituale konnten wir von der Einsamkeit erzählen – von der, die einen ängstigt, und von derjenigen, die einen ganz wohl sein lässt, weil sie einem eine Freiheit schenkt und man mit sich selbst ins Reine kommt. Für Hanna gibt es die Momente, in denen es schwer ist, aber das muss ich nicht dauernd zeigen, weil das auch nicht die menschliche Realität ist. Es leben so viele Persönlichkeiten in uns, die immer wieder zum Vorschein kommen. Und man ist nicht permanent nur das Eine. Hanna ist fähig, sich aufs Leben einzulassen und es immer noch lebenswert zu finden.
APA: Was Hanna mit eigentlich all ihren Figuren, die Sie bisher gespielt haben, eint, ist der Umstand, dass sie wie jemand wirkt, der nicht alles von sich preisgibt, ein gewisses Geheimnis behält. Können Sie diese Sicht nachvollziehen, oder ist das sogar etwas, das Sie bewusst anstreben?
Hoss: Irgendwas scheint mich zu diesen Rollen zu ziehen, obwohl ich nicht das Gefühl habe, sie müssen immer etwas mit mir zu tun haben. Ich bin eigentlich eher ein fröhlicher Mensch. Ich komme immer aus der Albernheit, weil ich da die Leichtigkeit finde und die Offenheit. Und dann kann ich in das Schwere, Zurückgenommene gehen. Diese Rollen interessieren mich wahrscheinlich deswegen, weil ich sie beim Lesen selber nicht ganz verstehe. Dann will ich herausfinden, wieso die so sind. Aber wenn ich nur diese Art von Charakteren spielen würde, würde ich wahnsinnig werden. Deshalb bin ich froh, dass ich am Theater etwas ganz anderes machen kann.
APA: Sie suchen also primär Figuren, die sich von Ihnen als Person unterscheiden?
Hoss: Vielleicht, ja. Aber man weiß selber ja gar nicht genau, wer man ist. Ich bekomme allerdings auch nicht oft kluge Komödien zugeschickt, die einen anderen Blick auf mich ermöglichen. Da ist die Fantasie bei vielen Verantwortlichen vielleicht ein bisschen eingeschränkt, wobei ich mich nicht beschweren möchte, weil ich tolle Sachen mache.
Theater macht man als Gruppe
APA: Sie haben das Theaterspielen selbst angesprochen. Anders als viele Kolleginnen haben Sie die Bühne mit Beginn der Filmkarriere nie verlassen, sondern bleiben ihr bis heute treu. Befruchten sich diese beiden Welten oder ist für Sie entscheidend, dass das Theater eben eine andere Welt ist?
Hoss: Mir macht das Theater einfach deswegen so viel Freude, weil man es als Gruppe macht. Beim Film bereitest du dich ja doch relativ einsam vor, bevor man als Team zusammen- und relativ schnell zu einem Ergebnis kommen muss. Beim Theater kann man erst mal lange forschen und vielleicht auch erst einmal in eine ganz falsche Richtung gehen. Und man kann sich auseinandersetzen miteinander. Das finde ich so einen ungeheuer spannenden und großartigen Vorgang, das mit anderen Menschen zu erleben und mein Leben anzureichern dadurch. Und beim Theater hört man nie auf. Ich habe noch nie bei einem Theaterstück gesagt: “Ah, jetzt weiß ich, wie es ist.” Bis zum Schluss. Das hält mich wach und lebendig. Ich würde das aber nicht dem Film überordnen. Das befruchtet sich gegenseitig.
APA: Sie sind eine Künstlerin, die sehr klar ausstrahlt, dass sie weiß, was sie möchte – und auch was nicht. Wäre da das Regieführen für Sie nicht reizvoll?
Hoss: Das ist schon reizvoll, aber ich habe großen Respekt davor. Im Moment – und schon seit sehr Langem – habe ich das Gefühl, das Schauspiel ist das Beste, was ich beitragen kann, weil das meine Leidenschaft ist. Ich versenke mich einfach gerne und verwandle mich gerne. Als Regisseurin muss man einfach ein sehr großes Durchhaltevermögen haben, bis man von der Idee bis zur Umsetzung kommt. Diesen langen Atem, den habe ich nicht. Dazu bin ich zu ungeduldig. Ich glaube, auf dem Weg würde ich wahnsinnig werden. Aber ich würde niemals nie sagen. Es hängt immer mit einer Geschichte zusammen, bei der man sagt: Ich habe so eine genaue Vorstellung und muss diese Geschichte erzählen. Das könnte schon passieren. Dann hätte ich zumindest keine Angst, es zu probieren.
(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)
(S E R V I C E – “Die andere Seite” ist bei der Viennale noch am 26. Oktober um 13.30 Uhr im Metro Kinokulturhaus zu sehen und kommt am 27. November in die heimischen Kinos. )