ÖGK-Huss will Prinzip “warten oder bezahlen” entgegenwirken

24.07.2026 • 12:55 Uhr
ÖGK-Huss will Prinzip "warten oder bezahlen" entgegenwirken

Der Obmann der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK), Andreas Huss, sieht die Wartezeiten als jenes Problem im Gesundheitssystem, bei dem es den Hebel anzusetzen gilt. Es gebe in Österreich einen sehr niederschwelligen Zugang zur medizinischen Versorgung, einen sehr guten Zugriff auf neue Medikamente, bei der Wartezeit gehe die Entwicklung aber in die Richtung “warten oder bezahlen”. Um das Wartezeitenthema zu lösen, müsse man in die Versorgungsstruktur gehen, so Huss.

Der ÖGK-Obmann nannte den Zustand, dass man entweder lange Wartezeiten in Kauf nehmen oder auf eine private Behandlung ausweichen müsse, “eines modernen Gesundheitssystems unwürdig”. Als Schlüssel sah er am Freitag bei einer Pressekonferenz in Bregenz die in der Gesundheitsreform festgeschriebenen Primärversorgungseinrichtungen (PVE) und Facharztzentren. Österreichweit gibt es aktuell 116 PVE, bis Jahresende sollen es 150 sein. Laut Planung könnten 2030 300 PVE in Betrieb sein, 2040 “wollen wir 600”, sagte Huss. Damit könnten dann sechs Millionen Menschen allgemeinmedizinisch versorgt werden. “Das heißt nicht, dass in Zukunft alle Einzelarztpraxen zugesperrt werden, sie werden aber die Ausnahme denn die Regel sein”, stellte Huss fest. Nachdem man mit den PVE bereits gute Erfahrungen gesammelt habe, wolle man im nächsten Schritt die Facharztzentren angehen.

Ein weiterer Schlüssel ist für Huss der Ausbau der Telemedizin über die Plattform 1450. Diese sei in den Bundesländern noch sehr unterschiedlich gestaltet. Letztlich müsse man so weit kommen, dass beim Kontaktieren der 1450 eine Ersteinschätzung durch eine Pflegekraft erfolge und anschließend – falls nötig – eine telemedizinische Versorgung bzw. ein Terminservice inklusive Überweisung in ein PVE, ein Facharztzentrum oder eine Spitalsambulanz.

Kritik an Vorarlberg

In Sachen PVE übten Huss und Manuela Auer (SPÖ) Kritik an Vorarlberg. Das westlichste Bundesland sei das einzige, das im Regionalen Strukturplan Gesundheit (2030) kein Ziel bezüglich neuer PVE festgeschrieben habe. Zum Vergleich: Im Nachbarbundesland Tirol soll es bis 2030 13 neue PVE geben, der aktuelle Bestand in beiden Bundesländern beläuft sich aktuell auf je drei. “Das geht zulasten von Patienten, die gehen stattdessen in Ambulanzen”, so Vorarlbergs AK-Vizepräsidentin Auer. Das Argument des Landes, dass dieses nur für eine entsprechende Förderung, aber nicht für die Gründung von PVE zuständig sei, ließen Huss und Auer nicht gelten. Es gebe alle möglichen Modelle, um eine PVE ins Leben zu rufen und zu betreiben. Wenn aber Wille und Interesse dafür fehlten, werde man auch keine Ärzte dafür finden. Auer verwies auch darauf, dass in Vorarlberg für 100.000 Einwohner lediglich 53,4 Allgemeinmediziner zur Verfügung stünden, während es im Österreich-Schnitt 80,7 Ärzte seien.

Auer forderte für das Vorarlberger Gesundheitssystem neben dem Engagement für PVE auch den Einsatz von Acute Community Nurses nach dem Vorbild Niederösterreichs. Dabei handelt es sich um Pflegekräfte mit Notfallsanitäterausbildung, die sehr zur Entlastung der Spitäler beitragen. Außerdem müsse die Erstversorgungsambulanz am Landeskrankenhaus Bregenz so ausgestaltet werden, dass sie die Bezeichnung Erstversorgungsambulanz auch verdiene, so Auer. In weiterer Folge könne man dann auch über Krankenhaus-Reformen sprechen.