Österreichisches Deutsch laut Umfrage kein Auslaufmodell

Geht es nach den Endergebnissen einer großen Studie mit über 71.000 Befragten, steht es um das “Österreichische Hochdeutsch” dieser Tage nicht schlecht. Rund 94 Prozent der Teilnehmenden sehen Deutsch als Sprache mit mehreren, nebeneinander existierenden Standards an. Dass tendenziell jüngere Menschen eher einen vom “deutschen Deutsch” geprägten Standard akzeptieren, interpretiert Stefan Dollinger von der University of British Columbia (Kanada) als lebensabschnittsbedingt.
Als Sprache mit verschiedenen, gleichberechtigten Standardvarietäten – die Wissenschaft spricht von einer “plurizentrischen Sprache” – sehen Deutsch nahezu alle Teilnehmer der Untersuchung aus der Steiermark und Wien (jeweils über 95 Prozent). Selbst im in einer anderen Dialektzone als das übrige Österreich befindlichen Vorarlberg wird diese Wahrnehmung von 89 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmern geteilt. Dieses Ergebnis zeige, dass es eine gesamtösterreichische Sprachgemeinschaft gibt, die die Sprachhaltungen teilen, erklärte Dollinger gegenüber der APA. Unter in Österreich lebenden Deutschen ist die Zustimmung dazu mit knapp 78 Prozent schon etwas niedriger.
Burgenland tanzt etwas aus der Reihe
Innerhalb der Alterspyramide lassen sich mehr oder weniger subtile Unterschiede feststellen: So steigt die Wahrscheinlichkeit, Deutsch als plurizentrisch anzusehen, im Schnitt alle zehn Lebensjahre um rund elf Prozent, wie eine Auswertung der umfassenden Daten zeigt. Einzig das Burgenland tanzt hier aus der Reihe: Im östlichsten Bundesland sind es durchschnittlich die jüngeren Alterskohorten, die dem Österreichischen Standarddeutsch eine autonome Stellung zugestehen. Das liegt für den in Kanada tätigen österreichischen Sprachwissenschafter vermutlich daran, dass im Burgenland Mehrsprachigkeit durch die lange angestammten kroatisch-, ungarisch- und romanessprachigen Bevölkerungsgruppen stärker strukturell verankert ist.
Der landläufig zumindest anekdotisch recht weit verbreiteten Beobachtung, dass sich Jüngere tendenziell eher dem Bundesdeutschen zuwenden, kann Dollinger trotz Ergebnissen mit leichter, aber statistisch nicht signifikanter Tendenz dahin wenig abgewinnen. So würden Daten aus Untersuchungen von Kolleginnen und Kollegen zeigen, dass die Zustimmung zum Österreichischen Deutsch seit den Jahren 2012/2013 bei jüngeren Menschen hierzulande deutlich zunehmend ist.
Forscher: Anpassung an deutsches Deutsch eher lebensabschnittsbedingt
Eine nachhaltige, breitere “Anpassung der Jüngeren ans deutsche Deutsch” dürfte es so nicht geben – eher eine lebensabschnittsbedingte. So gebe es Hinweise, dass sich der Sprachgebrauch und die Wahrnehmung zu plurizentrischer Sprache über den Lebensverlauf hinweg verändern kann. Es könnte durchaus etwa durch den Medien- und den Social-Media-Konsum in jüngeren Jahren eher zu einer Hinwendung zum Bundesdeutschen kommen, die dann im Verlauf des Lebens aber auch wieder abnehmen könnte – ein Effekt, der etwa in Kanada beobachtet wurde, wo einzelne US-amerikanische Ausspracheartefakte mit zunehmendem Alter wieder zurückgingen, erklärt Dollinger. Denkbar sei auch, dass heute mehr bundesdeutsch geprägt unterrichtet wird als noch im höheren Alter.
Die leichte, aber nahezu durchgehend bemerkbare niedrigere Zustimmung unter Jüngeren ist für den Wissenschafter also eher “das Resultat eines erwartbaren Lebensabschnittwandels”, wie man ihn im angloamerikanischen Raum beobachtet hat. Die Daten zeigen jedenfalls insgesamt, dass das Österreichische Standarddeutsch zwischen 30 und 65 Jahren generell mehr geschätzt wird.
Austriazismen weiter präsent
Vielfach recht emotional aufgeladen ist die Diskussion darum, welche Sprachvarietät als “passender”, “schöner” oder “korrekter” wahrgenommen wird. In der Untersuchung sah das Gros der befragten Österreicher die hiesige Hochdeutsch-Variante als passender und korrekter an. Für Zündstoff in etwaigen einschlägigen Diskursen im privaten und semiprivaten Raum könnte der Befund sorgen, dass das Österreichische Standarddeutsch vom Großteil der Befragten auch als “weniger arrogant” aufgenommen wird.
Eine umfassende Untersuchung zur Verwendung von Austriazismen wie “Paradeiser”, “Sackerl” oder “Jänner” in heimischen Printmedien hat kürzlich auch ein Forschungsteam der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der Universität Wien im Fachjournal “Languages” vorgelegt. Auch hier erwies sich der hiesige Sprachgebrauch als durchaus resistent: Über 23 Jahre hinweg blieb demnach in heimischen Presseartikeln die Verwendung typisch österreichischer Wörter erstaunlich stabil. Grundlage für die Studie waren mehr als 50 Millionen Presseartikel aus den Jahren 2001 bis 2023.
(S E R V I C E – “Erster Endbericht” zur Studie online: )