Österreichs Artenvielfalt-Hotspots leiden nach Rekordsommer

15.10.2026 • 05:00 Uhr
Österreichs Artenvielfalt-Hotspots leiden nach Rekordsommer

Die Rekorddürre und -hitze über den Sommer und der warme Herbstbeginn richten gerade in Lebensräumen viel Schaden an, in denen sich besonders viele Arten tummeln. Beispielhaft dafür sind die Lobau und die Seewinkel-Regionen, die als Nationalparks besonders geschützt sind. Die Probleme lassen sich auf viele andere Lebensräume übertragen, so der Ökologe Franz Essl, der für 2026 “ein doppeltes Rufzeichen” hinter die Erkenntnis setzt, dass es mehr Naturnähe braucht.

Wenn von 19. bis 30. Oktober im armenischen Jerewan die 17. Weltnaturschutzkonferenz (“CBD COP 17”) tagt, geht es erneut darum, die im Zuge des Klimawandels und des mittlerweile umfassenden menschlichen Einflusses auf fast alle Lebensräume hurtig fortschreitende Verarmung der Artenvielfalt auf dem Planeten einzudämmen. Im kleinen Österreich manifestieren sich die Änderungen in Form von deutlich höheren Durchschnittstemperaturen, höherer Verdunstung, klimawandelunterstützten Trockenperioden im Wechsel mit mehr Starkregenereignissen bekanntlich stark.

Negativrekorde werden entlang der Flüsse stark sichtbar

Die extreme Dürre und Hitze des aktuellen Jahres mit Temperaturrekorden jenseits der 41 Grad Celsius haben den Österreichischen Biodiversitätsrat (ÖBDR) schon im August mit einer warnenden Stellungnahme (“Von der Flut zur Dürre”) auf den Plan gerufen. ÖBDR-Mitglied Essl sieht im Gespräch mit der APA Anfang Oktober noch viel Luft nach oben, wenn man an die politisch-gesellschaftlichen Lehren aus den bisherigen Verwerfungen denkt.

Von einer systematischen Aufarbeitung der Auswirkungen der vergangenen Monate auf die Artenvielfalt in Österreich könne aktuell noch keine Rede sein. Schlaglichtartig könne man aber “heuer sehr stark sehen, dass die Altwässer – also die Donau-Nebenarme – in der Lobau über Wochen und Monate trocken waren und es weiter sind”, so der Ökologe von der Universität Wien. Das hat natürlich Auswirkungen auf die dortigen Artengemeinschaften. Und: Etwas abgeschwächt gilt das für viele ähnliche Flusslebensräume vor allem im Osten des Landes. Hier spielen seit Monaten extrem niedrige Flusswasserstände und ebenso vielerorts niedrige Grundwasserstände sehr ungünstig zusammen.

Probleme in besonders dynamischen und produktiven Ökosystemen

In der Lobau als Teil des Nationalparks Donau-Auen ist auch die durch die vielen Donaukraftwerke fortschreitende Donau-Eintiefung ein Faktor. Dort, wo noch vor wenigen Jahren “Fische geschwommen sind, sieht man jetzt schon zum Teil Pflanzenbewuchs”, so der Forscher, der hier von einem “Verlandungsschub” spricht, weil sich diese Abläufe über mehrere Jahre und vor allem heuer wiederholt manifestiert haben. Selbst wenn jetzt der Wasserstand wieder steigen würde, habe sich die Situation dieser für die Artenvielfalt wichtigen Aulandschaften, -wälder und flussbegleitenden Lebensräume verändert: “Das gilt sinngemäß auch für viele andere Gewässer, wie etwa die March.” Von Fischen über Amphibien bis zum stattlichen Seeadler wird das Überleben immer schwieriger.

Hier fallen sehr dynamische und produktive Ökosysteme zunehmend aus, obwohl sie eigentlich geschützt sind. In der Lobau leiden etwa Pappeln und andere Bäume nicht nur heuer unter enormem Trockenstress und werfen früh ihre Blätter ab, und auch Sträucher, wie der Hartriegel, sind am Vertrocknen. Wer bei Auwald an einen durchfluteten Lebensraum denkt, muss sein Bild im Kopf mit Blick auf heuer stark revidieren, so Essl.

Wandel macht vor Nationalparks nicht Halt

Auch der Neusiedler See kratzt im Herbst am Wasserstand-Tiefstwert aus dem Jahr 2022. Zwar hat sich der Pegel in den vergangenen Jahren stabilisiert präsentiert, seit dem Frühling geht es aber bekanntlich wieder deutlich bergab. Die “Lacken” um den See selbst sind großteils trocken. Das ist zwar in der Jahreszeit nicht ungewöhnlich, heuer dauert diese Phase aber schon sehr lange. “Was beide geschützten Gebiete, die gewissermaßen zum Kernbestand der bekannten österreichischen Landschaften zählen, vereint, ist, dass dort die Auswirkungen des Klimawandels genauso sichtbar sind”, betonte Essl.

Trotz des Naturschutzes sind beide Areale auch stark von menschlichen Einflüssen geprägt – von der Verbauung der Donau bis zur Wasserentnahme für die Landwirtschaft um den Neusiedler See: “Das verstärkt die negativen Auswirkungen in beiden Fällen deutlich.”

Biodiversitätsrat mit Forderungskatalog

Letztlich zeige sich durch den heurigen Sommer nochmals der wissenschaftlich klare Befund, “dass die Renaturierung ganz wesentlich ist, um die Landschaften im schon deutlich spürbaren Klimawandel anpassungsfähiger zu machen und die Folgen abzumildern”. Gerade entlang mancher Flüsse passiere hier auch schon seit längerer Zeit einiges, wenn etwa Verbauungen entfernt werden. In anderen Bereichen tue sich aber wenig. So etwa beim unverändert hohen Bodenverbrauch, der derzeit bei rund 6,5 Hektar pro Tag liegt. Vom Zielwert von 2,5 Hektar jährlich ist man weit entfernt.

Neben der Eindämmung des Bodenverbrauchs brauche es weitere Maßnahmen, um die Fähigkeit zu erhöhen, Wasser im Fall von Dürren in der Landschaft zu halten und es im Fall von Hochwässern in die Böden und Flüsse und eben nicht in die Siedlungsräume zu bringen. Der Biodiversitätsrat pocht darüber hinaus auch auf die Einrichtung eines “nationalen Grundwasser- und Bodenfeuchte-Monitorings”, auf eine Einbeziehung der aktuell beispiellosen Gletscherschmelze in die künftigen Wasserbaustrategien und ein Nicht-Aufweichen von europaweiten Naturschutzstandards.

Probleme und Lösungen “noch nicht ausreichend erkannt”

Auf der politischen Ebene seien diese Probleme und Lösungsansätze insgesamt “noch nicht ausreichend erkannt worden”, betonte Essl. Unter den direkt von den Auswirkungen des Klimawandels Betroffenen sei die Einsicht, dass man auf die Änderungen adäquat reagieren sollte, zuletzt “deutlich gestiegen. Weil sie es einfach wahrnehmen.”

(S E R V I C E – ÖBDR-Stellungnahme aus dem August online: ; CBD COP 17: )